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DER MÖRDER
VON EUGEN HOEFLICH
(M. j. ben Gawriel)
Eines Abends kam aus einem kleinen, einsamen Haus nahe
der Taximkaserne ein Schrei, der plötzlich jäh und gellend sich
erhob, hoch anstieg und dann abbrach. Frauen, die wie an jedem
Freitag in der Nähe dieses Hauses auf dem freien Feld wie ein
schnatternder Schwärm schwarzer Raben saßen, alarmierten
einige Soldaten, die unweit der Kaserne mit einem räudigen Hund
spielten.
Im ersten Räume fand man den Mieter des Hauses, einen
Offizier der Wrangelarmee, der in Konstantinopel interniert war,
als Leiche mit einem Messer im Bauch. Griechische Konfidenten
der englischen Militärpolizei griffen einige Stunden nachher einen
kleinen schwächlichen Juden auf, der sich in der Gegend des Tat¬
ortes herumtrieb. Des Weges unkundig, scheuen und verdächtigen
Gehabens, lief er ihnen in die Hände und gestand, ehe sie ihn
noch fragten, den Mord ein. Die Griechen lieferten ihn der
Militärpolizei aus.
Die Verhandlung gegen den Mörder fand vor dem englischen
Besatzungsgericht in Konstantinopel statt. Vor diesem Gericht
machte der Angeklagte, erst ein wenig befangen und apathisch,
später leidenschaftlich erregt, folgende Angaben, die den Gerichts¬
hof bis zu ihrem Schluß in Bann hielten:
„Ich heiße Chaim Feinberg, geboren im Jahre 1895 im
Gouvernement Poltawa als Sohn des Kaufmannes Leib Feinberg.
Ich bin des Mordes an dem General Wladimir Popow geständig.
Ich habe ihm am Abend des zweiten August mein Messer —
ich erkenne das hier auf dem Tische liegende als mein Eigentum
an — in den Leib gerannt und habe das Haus, nachdem er
zu Boden gefallen war, wieder verlassen, wie ich es betreten
hatte, ohne den geringsten Gegenstand berührt zu haben, denn,
wenn auch völlig mittellos, veranlaßte mich keineswegs Gewinn¬
sucht, den Mann zu töten. Ich folgte einem Zwang, für dessen
ethische Berechtigung ich hier nicht plaidieren will, wie überhaupt
diese meine Angabe vom ehrenwerten Gerichtshof nicht als der
Versuch einer Verteidigung aufgefaßt werden möge. Es liegt mir
fern, auch nur den leisesten Versuch zu machen, mich von einer
Tat reinzuwaschen, für die ich voll und ganz einstehe.
Ich bin ein einfacher russischer Jude, einer von den Tausen¬
den, die sie als gequälte, geschlagene Hungerleider hinter beinahe
allen ihren Fronten sahen. Sie werden meinen Namen nicht ver¬
gessen, ob es mir daranliegt, ihn ihnen vergeßlich zu machen
oder nicht, denn es ist der Name eines der Wenigen, die kon¬
sequent in ihrem Fühlen und in ihrem Willen waren bis an
ihren letzten Tag. Ich bereue meine Tat nicht und habe für sie
keinen gesetzlichen Milderungsgrund anzuführen. Ich protestiere
daher gegen jeden Versuch des Verteidigers, den das Gesetz mir
aufzwingt, den Gerichtshof irgendwie für mich einzunehmen und
bitte die ehrenwerten Richter, mit denen der Zufall der Kriegs¬
folgen mich hier zusammenführt, aus keinen Umständen irgend¬
welche Milderungsgründe für mich zu finden, sondern ihr heimat¬
liches Gesetz mit seiner ganzen Schärfe gegen mich in An¬
wendung zu bringen. Dies habe ich vorauszuschicken, ehe ich
die Dinge vor ihnen entwickle, die mich zu dieser Tat führten.
Ich gab vorher an, daß ich im Gouvernement Poltawa ge¬
boren wurde. Mein Vater lebte in einem kleinen Dorfe dieses
Gouvernements, nicht besser und nicht schlechter als die große
Mehrzahl meiner Volksgenossen in Rußland. Es gab Zeilen, da
wir hungerten, es gab aber auch Zeiten des Sattessens, Zeiten,
da man ungestört seinen Geschäften nachgehen konnte und Zeiten,
da Haß, Verachtung und Lebensunsicherheit drohend in den
Straßen um das Judenviertel standen, bereit, im nächsten Augen¬
blick brennend und mordend in die Häuser der Verängstigten
einzubrechen, um nach Stunden und Tagen, eine breite Spur
des roten Todes hinter sich lassend, sich wieder zurückzuziehen,
stets zu neuem Sprung bereit. Dann krochen die Überlebenden,
ängstlich und scheu sich umblickend, wieder aus ihren Wohn¬
löchern und Häusern hervor, begruben unter lautem Klagen die
Erschlagenen und die entheiligten Rollen des Gesetzes, wie Lei-
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L. P1LICHOWSKI (Palästina) IN DER WEIBE.RSCHUL
chen Geschändeter, begannen neu aufzubauen, was zerstört wor¬
den war und krochen weiter ihre Bahn, die der nächste Tag
wieder mit Mord und Brand und Blut unterbrechen konnte. Sie
kennen, meine Herren Offiziere, nicht die Verhältnisse, in denen
ich und viele Tausende mit mir aufwuchsen, denn sie kommen
aus einem Lande, in dem es nicht Sitte ist, sich unbequemer Mit¬
bürger auf geräuschvolle Weise zu entledigen, aber sie kennen
die Taten des blinden Hasses im Dienste eines imaginären
Ideals aus allen Jahren ihrer Tätigkeit außerhalb ihres Landes
und sie wissen daraus wie Blut aussieht, wie brennende Häuser
einstürzen und wie Haß durch Straßen gellt, wenn es auch nicht
i h r Blut war, das aufrauchte, wenn auch s i e nicht in den Häusern
gefangen waren, die einstürzten, vor deren Türen wutbrennende
Mörder mit Stöcken und Gewehren stehen, und wenn nicht in
ihre Ohren ihr Haß schrie. Sie können aber nach einigem Nach¬
denken ermessen, wie das Gefühlsleben eines Menschen, der in
solchen Verhältnissen aufwuchs, beschaffen sein muß.
In dieser Umgebung also verbrachte ich die Jahre meiner
Jugend. Ich ging in den Cheder, trieb mich auf den Straßen
herum, bekam von den Bauern Schläge, weil ich ein Jude war,
Schläge wie sie ein Pferd bekommt, eben weil es ein Pferd ist,
und lebte das Leben, das zu führen unser Urteil ist.
In meinem fünfzehnten Lebensjahr aber änderte sich an einem
heißen Sommertag dies alles mit einem Schlag. Soldaten kamen
in unser Dorf, schlugen ein großes Zeltlager auf und hielten
Übungen ab.
Zwei Tage nach ihrer Ankunft hatten wir einen Feiertag.
Als wir gegen Mittag das Bethaus verließen, stand eine Gruppe
von Soldaten auf dem Platz und rief uns Schimpfworte zu, wie
sie Soldaten im Verkehr mit Juden gebrauchen. Wir blickten
nicht hin, um sie nicht zu reizen und gingen schweigend unseres
Weges. Mein Vater hatte meinen Arm ergriffen und als ich in
sein Gesicht blickte, sah ich, daß es ungewöhnlich ernst war.
,Es liegt etwas in der Luft,' flüsterte er unserem Nachbar zu,
,es bereitet sich etwas vor, Reb Moische! Eilen wir nach Hause! 4
Wir beschleunigten unsere Schritte, doch als wir in die Straße
einbogen, in der wir wohnten, kam uns ein johlender Haufe be-