Seite
188
M E N O R A H
i
trunkener Soldaten entgegen, die ganze Breite der Straße ein¬
nehmend. Scheu drückten wir uns an die Häuser, um sie vorbei
zulassen. Die Betrunkenen warfen uns Schimpfworte zu und als
wir nicht antworteten, ergriffen sie plötzlich einen hinter uns
Gehenden und schlugen ihn nieder. Wir begannen zu laufen und
liefen bis zu unserem Hause. Ich warf, ehe wir es betraten, einen
Blick zurück und sah zwei Juden in der Mitte der Straße liegen
und einen dritten, einen laufenden, auf den ein Soldat eben schoß.
In fieberhafter Eile schloß mein Vater das Haustor und die
Fensterläden. Wir fühlten uns im Augenblick geborgen, wiewohl
wir wußten, daß dem Fußtritt selbst eines Einzelnen das Tor
nicht widerstehen könne, geschweige der Gewalt eines Haufens.
Bald hernach begann die Jagd auf Juden. Man plünderte die
Branntweinschenke, schlitzte der schwangeren Besitzerin den
Bauch auf und legte ihr den Fötus in die Arme. Johlend um¬
tanzten die Trunkenen die blutige Leiche, im Feuerschein eines
Heuschobers. Die Menge schwoll an; aus dem Lager kamen
fortwährend neue Soldaten, manche in Abteilungen, von ihren
Offizieren geführt, andere in Rudeln, heulend und mit den Ge¬
wehrkolben die Fenster aller jüdischen Häuser auf ihrem Wege
zertrümmernd. Pöbel schloß sich ihnen an, tierische Gier in den
Augen, und ehe es Abend ward, plünderten sie in den Häusern
oberhalb der Branntweinschenke.
Der Himmel war wie eine offene Wunde, aus purpurrotem
Feuerschein schoß Funkenregen in seine nächtliche Schale und
wie in unendlichem Mitleid verbarg sich der Mond hinter dem
Haufen der Wolken.
Die Plünderer hatten sich in drei Haufen geteilt, die je ein
Quartier des jüdischen Teiles in Besitz nahmen.
Der Pogrom nahm seinen Verlauf, wie er hundertmal schon
beschrieben wurde.
Sie drangen in die Bethäuser ein, um nach den heiligen Ge¬
räten zu suchen, trieben Spott mit ihnen, zerrissen die heiligen
Bücher, schändeten die Rollen des Gesetzes. Flüchtende trieben
sie mit Schüssen in die Häuser zurück, ärmlichen Hausrat warfen
sie freudevoll aus den Fenstern und das Bettzeug fiel, von rasen¬
den Händen aufgeschnitten, aus Wolken von Bettfedern in den
Kot der Straßen. Schreie der Sterbenden, Wimmern von Kindern
erstickte die Blutorgie der Mörder.
Wir saßen schweigend in unserer Wohnung. Meine Mutter
weinte still vor sich hin und hielt mich und die Schwester um¬
fangen. Mein Vater stand an der Wand und betete. Unaufhörlich
murmelte er, bald monoton, bald aufschreiend aus Schreien tiefster
Not, und in dem Raum stand etwas Unfaßbares, Ungeheuer¬
liches, Wahnwitziges, wie ein Verhängnis, wie ein namenlos
Schreckliches, dem man verfallen ist, klaren Bewußtseins.
Langsam ging mein Vater um den Tisch, immer noch betend
— snrach er 7.u sich, sprach er 711 Gott^ — und blickte durch
das Fenster. Näher kam das Heulen der Plünderer. In kindlicher
Neugierde trat ich ans Fenster und blickte hinaus.
Ein jüdisches Mädchen kam die Straßen herabgerannt. Seine
Kleider bildeten einen Flammenkranz, den der Wind hochtrieb.
Soldaten schreiend hinterdrein und trieben die lebende, petroleum¬
triefende Fackel mit Steinwürfen vor sich her. Vor unserem Hause
brach sie zusammen und ein Wimmern kam von ihren Lippen.
Ein berittener Kosake sprang über sie hinweg und hieb lachend
mit der Nagaika auf das zuckende Flammenbündel. Plötzlich
schlugen die Flammen hoch auf und ein irrer Schrei sprang über
die Köpfe der Tobenden.
Dann kamen sie vor unser Haus. Ein hochgewachsener Offi¬
zier an ihrer Spitze. Schläge fielen gegen das Haustor. Un¬
ermüdlich hieb der Offizier mit dem Kolben eines Gewehres
gegen das Holz, bis ächzend und zersplitternd das Tor in sich
zusammenbrach.
Schweigend trat mein Vater vom Fenster zurück. Sein Blick
umfing uns und stand gütig wie ein mildes Lächeln vor dem
wilden irren Schrei der Mutter, die wie im Krämpfe unsere Hände
ergriffen hatte. Mit ganz lauter, reiner Stimme begann mein Vater
mm wieder zu beten und sein Blick ruhte unablässig auf uns,
als wollte er unauslöschliche Eindrücke in sich aufnehmen. Er
hob eben die Hände, als er fiel. Eine Mistgabel, von der Hand
des Offiziers geführt, der sie unten im Hof mit dem Gewehr
vertauscht hatte, traf ihn in die Augen. Er fiel mit einem großen
Ruf, mit dem größten: .Schma jissroel!' Es rief dieser alte Mann
im Augenblick seines Todes Gott an und sein Schrei war ein
Schrei zuversichtlicher Hoffnung . . . Der nächste Augenblick
brachte den Tod der Mutter, der ein Hieb den Kopf zer¬
schmetterte. Meine Schwester starb, geschändet vor den Augen
der Plündernden, auf dem Bette ihrer Jugend und ihre Augen
waren voll Blut.
Dies alles geschah in wenigen Augenblicken. Nachdem sie
unseren Hausrat, alles was sie sahen, klein geschlagen, Kasten
und Laden geplündert hatten, verließen sie das Haus. Ich, der
mit einem Stich im Oberschenkel, der wohl meinem Bauch ge¬
golten hatte, davongekommen war, kauerte in einem Winkel, un¬
fähig, auch nur einen Gedanken zu fassen. In diesem Augen¬
blicke, beinahe ein Kind noch, konnte ich die ungeheure Größe
dieses Augenblickes nicht begreifen. Ich war tot, lebendigen Leibes
tot, ohne zu wissen warum.
Dies, meine ehrenwerten Herren Richter, war der Abschluß
meiner Kindheit.
Rekapitulieren sie sich, ich bitte sie darum, den Inhalt meines
Berichtes. In eine friedliche Familie bricht eine Horde
von Mördern ein und erschlägt sie bis auf einen, in dessen kind¬
liches Gemüt sich das -fürchterliche Bild des dreifachen Mordes
tief einprägen muß. Versuchen sie., meine ehrenwerten Herren
Richter, sich den Augenblick zu vergegenwärtigen, versuchen sie
das Bild zu erfassen, da ein junger kräftiger Mann in der glän¬
zenden Uniform des Offiziers, schon äußerlich also als Mitglied
der Herrenkaste erkennbar, einem alten, gebeugten Mann die
Mistgabel ins Auge sticht! Können sie sich dieses Bild vorstellen?
Es ist ein anderes, als jene, die sie zu sehen gewohnt sind. Hier
stand kein Starker dem Starken, nicht ein Soldat dem andern mit
dem Bajonett auf dem Gewehr gegenüber, sondern ein in jeder
Beziehung Starker einem in jeder Beziehung Schwachen, Wehr¬
losen, und hier, meine Herren, traf den Unterliegenden nicht der
ihrer Ansicht nach ehrenvolle Säbel, sondern die schimpfliche
Mistgabel der Verachtung, Instrument des tödlichen Hasses.
Können sie es verstehen, daß dieses Bild unserer schmachvollen
Tragik keinen Augenblick meines späteren Lebens mich verlassen
wollte? Und können sie es verstehen, daß meine Erinnerung, das
Aussehen, jede Bewegung, jede Gebärde, Tonfall und Haltung
des Mörders in sich aufnahm, genauer und schärfer umrissen,
als eine lichtempfindliche Platte? In dieser Stunde, da ich wieder
anhub zu denken, trat ein Gedanke in mich, vor dessen Gewalt
sie erschauern müßten, sie alle, denen man keinen Vater, keine
Mutter erschlug, sie alle, die sie keinem Volke angehören, das
man erschlagen darf, nur um seines Namens willen. In dieser
Stunde trat der Gedanke der Rache in mich, der mein Denken
von dem Augenblicke, da ich das Grauenvolle des Geschehens
erkannte, ausfüllte mit unerhörter Gewalt, und jeden anderen Ge¬
danken in seinen Dienst stellte. Jede Regung, jedes Gefühl, jeder
Wunsch mußte ihm dienen, dienen dem Hasse und dem heißen
Willen zur Rache!"
Der Angeklagte schwieg eine Weile. Dann trat er an die
Schranken vor und schrie, leidenschaftlich erregt, den Richtern zu:
,Ja, ich bin ein Mörder, ich, Chaim Feinberg aus Irgendwoher
im Gouvernement Irgendwo. Ja, es geschah manches in meinem
Leben, ich sah manches in meinem Leben, aber ich liebte nichts
und ich liebte Niemanden in meinem Leben, denn ich, Chaim
Feinberg, wurde erkoren zum Gefäß des Hasses, zum Instrument
der Rache!"
Jäh brach er ab. Ruhiger geworden, trat er an seinen Platz
zurück und fuhr fort:
„Aus einer derartig einseitigen Einstellung mußte sich natur¬
gemäß eine einseitige Weltanschauung entwickeln. Immer mehr,
je tiefer ich mich mit dem Wunsche nach Rache verband, be¬
trachtete ich die ganze Welt, betrachtete ich alles, was um mich
geschah, aus dem einzigen starren Gesichtspunkte meines Hasses
gegen diesen Mann, der mir als Svmntom einer Zeit erschien, die
ich aus aller meiner Macht zu bekämpfen hatte, und ich sah
nichts als die Notwendigkeit, mir alle meine Fähigkeiten in diesem
Kampfe zunutze zu machen und alle Möglichkeiten in Möglich¬
keiten des Kampfes auszuweiten.