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MENORAH
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Sehr bald wurde ich mir bewußt, daß ich als Einzelner der
ungeheuren Organisation, die sich Staat nennt, jener Organisation,
deren Exponent, der mörderische Offizier, mich getroffen hatte mit
unbarmherziger Hand, keinen nennenswerten Schaden zufügen
könnte. Doch ich erkannte, daß ich nützliches Mitglied seiner
Gegenorganisation nur dann sein würde, wenn meine Fähigkeiten
wüchsen. So nahm ich alle Entbehrungen, die das Leben für
einen völlig mittellosen, einsamen Menschen übrig hat, willig auf
mich und machte den Schritt aus der engen Begrenztheit eines
russisch-jüdischen Dorfes in die von Möglichkeiten strotzende Welt,
die die Stadt des Westens dem geben kann, der bereit ist, aus
ihr alles zu nehmen, dessen er zu seinem Ziele bedarf. Ich
hungerte mich die steilen Treppen westlicher Bildung hinan.
Nächtelang schlich ich durch die Straßen der Städte, deren Ant¬
litz keinen Strahl der Güte für mich hatte, um das bißchen Brot
zu erbetteln, das der nächste Tag von mir forderte, monatelang
diente ich unwürdigste Dienste, um ein Vierteljahr mühseligen
Studiums mir zu sichern, in eiskalten Obdachlosenquartieren, im
Hohn und Spott der vom Leben Ausgeschlossenen und ihr .Ver¬
fluchter Jud!' brannte mich nur im Anfang. Bald geiselte ihr
Hohn mich zu neuer Anstrengung auf, wenn ich, am Rande der
Verzweiflung, an die nächtliche Brücke über dem barmherzigen
Fluß dachte, und aus ihren hohnverzerrten Mienen sah ich die
Maske des Offiziers. Da schrie ich auf, wie ein gequältes Tier
aufschreit, und wollte mich auf den Nächstbesten stürzen, aber
ein Faustschlag streckte den Schwachen auf seinen Strohsack. So
trug ich das Leben eines räudigen, von aller Welt gehaßten
Hundes, bis einmal die armselige Habe eines Obdachlosen ge¬
stohlen wurde. ,Der Jud hats gestohlen!' tönte es im Chor dem
Aufseher entgegen und ehe ich sprechen konnte, wurde ich mit
Schlägen in die Dezembernacht hinausgetrieben. Damals froren
mir zwei Finger ab."
Der Angeklagte hob die linke Hand empor. Drei Finger und
zwei Stummel standen vor den Augen der Richter.
„Ich erwachte in einem Spital. Die beiden Finger hatte man
mir abgeschnitten. Ich bedauerte diesen Verlust, denn ich fürch¬
tete, sie könnten mir fehlen, wenn ich sie brauchen würde im
Augenblick meiner Vollendung. Ein Geistlicher wollte mich be¬
kehren. Ich setzte ihm Widerstand entgegen, aber nur, weil ich in
ihm einen Vertreter jener Gesellschaft sah, welcher der Offizier
angehörte, der Gesellschaft der Herrschenden. Man warf mich
aus dem Flospital, ehe meine Wunden vernarbt waren, denn was
fängt man mit einem halsstarrigen Juden in einer Gesellschaft von
Leuten an, die bereit sind, für die Zeit, da sie der materiellen
Segnungen der Kirche bedürfen, ihr als Gegenleistung ihre Seele
zur Verfügung zu stellen?"
Der Vorsitzende des Gerichtshofes, ein kleiner, etwas ge¬
schniegelter Herr mit den Abzeichen eines Obersten, unterbrach
hier den Angeklagten mit einem in Kommandoton hervor¬
gebrachten Ersuchen, keine Ausfälle gegen irgend eine anerkannte
Institution zu machen.
Feinberg lächelte leicht und sagte mit einer Verbeugung:
„Sie sind im Recht, Herr Vorsitzender. Angriffe sind un¬
wesentlich für den, der nicht siegen will. Ich stand zur katho¬
lischen Kirche in keinem Verhältnis, weder in einem positiven
noch in einem negativen. Wir nahmen einfach voneinander keine
Notiz — mit Ausnahme dieses mißglückten Bekehrungsver¬
suches, den ich ihr gerne verzeihe —; es lag mir also jeder An¬
griff fern. . . . Ich wurde, wie ich erwähnte aus dem Hospital
entlassen, was mich um so weniger betrübte, als ich zu dieser
Zeit zum erstenmal mit revolutionären Kreisen in Berührung kam.
Der Gedanke, nun am Kampfe teilhaben zu können, entzündete
mich derart, daß ich bald einer ihrer eifrigsten Agitatoren wurde,
bis ich erkannte, daß ich zur Tat selbst noch nicht reif war. Noch
fühlte ich nicht jenes Selbstvertrauen in mir, das Ausgangspunkt
jeder Tat sein muß, die mehr will als einen Augenblickserfolg.
Die Stimmung des Augenblickes, die mich einschläfernd umfangen
hielt, zerschlug ich mit Aufbietung aller Kraft und zerschlug mit ihr
alles, was als allzu billiger Erfolg mich hätte lähmen können. Ich sah
wieder deutlich und scharf in den Raum und in die Zeit geschnitten
meinen Weg vor mir und hinter allen Fahnen und Phrasen tauchte
das blutige Haupt meines Vaters empor und die Fratze des Mörders.
P1NCHAS LITWINOWSKI (Palästina) LACHENDER KNABE
Ich lernte damals eine Russin kennen, ein junges Mädchen,
das in mir den zu sehen meinte, den es in den Tränen sehnsüch¬
tiger Nächte erwartete. Ich sprach mit ihr und verkehrte mit ihr
wie mit allen Genossen dieser Zeit, bis ich mir eines Tages ein¬
gestehen mußte, daß mir diese Studentin mehr zu werden begann
als die andern Genossen. Eine lange Nacht ging ich durch die
Straßen und bekämpfte mein Herz, bis ich es am Morgen besiegt
hatte, da ich endlich erkannte, daß es zu klein wäre für Haß
und für Liebe, da ich erkannte, daß nur einem Gefühl ein
Mensch sich voll und ganz hingeben könnte, wenn er nicht ver¬
kommen wollte an die Halbheit der Unschlüssigkeit. Da sie aber
nicht von mir ließ, ging ich zur Polizei und zeigte kalten Blutes
dort an, daß sie das Asylrecht verletze. Sie wurde als lästige Aus¬
länderin ausgewiesen und ich konnte, ohne von meinem Herzen ge¬
stört zu werden, zielbewußt weiterarbeiten. Ich wußte, daß nur die
Zeit Gefühle töten könne, die noch nicht allzu tief verankert sind.
Neue Kämpfe um das Brot des Tages, um die Möglichkeit,
weiter zu studieren — ich hatte begonnen, mich mit Sprengmiltel-
chemie zu beschäftigen — brachten meine Gesundheit so herunter,
daß ich fürchtete, aus ihr unheilbare Hemmungen auf meinen
Weg aufkeimen zu sehen. Ohne zu überlegen, schloß ich mich
einer Einbrecherbande an und beteiligte mich an einem Einbruch
in eine Bank. Mein Anteil an der Beute war so groß, daß ich
ohne Sorgen meine Studien vollenden konnte.
Nun stand ich vor der Entscheidung. Der Augenblick war
gekommen und ich mußte zum Sprunge ansetzen, mußte endlich
losspringen. Die Genossen der Kampfgruppe rielen mich und ich
folgte ihrem Ruf. Ich erhielt den Auftrag, nach Rußland zu gehen.
An der Grenze aber wurden meine Papiere als falsch erkannt
und ich entging nur mit Mühe dem drohenden Gefängnis. Dieses
Mißgeschick machte mich ungeduldig. Mählich war in mir der
heiße Wunsch groß geworden, die Tat zu beschleunigen, ein
Wunsch, der zum tiefen Verlangen wurde, je näher ich der rus¬
sischen Grenze gekommen war. Ich hatte wache Träume ge¬
träumt; ich hatte mich bei der Ausführung meines Auftrages
gesehen, der, wäre er geglückt, den Anstoß zum Sturze des
Gegners, das Feuerzeichen der Revolution hätte geben müssen.
Enttäuscht und entmutigt reiste ich nach Paris und traf dort —
die Studentin Nadja, die ich damals verraten hatte. Dieses Zu¬
sammentreffen bestürzte mich. Mit Aufwendung aller meiner