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MENORAH
&
PINCHAS LITWINOWSKI (Palästina) ALTER MANN
Klugheit versuchte ich ihr auszuweichen, sie aber, die keine
Ahnung hatte, welche Rolle ich bei ihrer Ausweisung gespielt
hatte, schloß sich wieder an mich. Ich versuchte sie beiseite zu
schieben, waren doch meine Gedanken auf nichts anderes ge¬
richtet, als auf mein Lebensziel, es schwang aber etwas aus ihrem
Blick, aus ihrem Wort, das mich Augenblicke lang gefangen
nahm und wenn ich auch versuchte, mich diesem Einflüsse zu
entziehen, gelang es mir diesmal nicht. Wie ein Fieberkranker
ging ich in Paris herum; hingerissen von meinem verbitterten
Haß und dem alles bestimmenden Wunsche nach Rache, hin¬
gerissen aber auch von einem Gefühle, das hart an Liebe streifte.
An einem Abend nahm sie mich in ihr Zimmer mit. Als dann
ihre Hand durch mein Haar fuhr, umschlich mich eine warme
Stimmung, eine ferne zarte Erinnerung an die Hand meiner
Mutter ergriff mich und es war mir mit einem, als versänke ich in
ein blaues Tal, in dem freundlich mich samtene Nacht umhüllte;
tief versank ich in die Kindheit längst vergangener Zeiten. Aus
diesem Gefühl drangen Tränen mir in die Augen, die die Kraft
des Mannes lähmen und ihn hinwerfen vor die Abbilder des Jam¬
mers seines Lebens. Ich erzählte dem Mädchen vom Erlebnis
meiner Kindheit, erzählte ihr alles das, was ich ihnen, meine
Herren Richter, hier berichte, und Nadja wurde hingerissen von
der Gewalt meines Hasses, der mählich hinter den Tränen wieder
hervorbrach, wie ein von der Kette gerissenes heißes Tier. Ich
stand in der Mitte des Zimmers und meine Worte überstürzten
sich hastig, als hätte ich keine Zeit zu verlieren, meinem Ziele
näherzukommen. Sie hielt mir beide Hände hin und bat mich,
sie mitzunehmen. Ihr würde es gelingen, meinte sie, den Offizier,
von dem ich nichts wußte, nur sein Aussehen vor zehn Jahren,
zu finden. Ich schlug ein, denn ich dachte in diesem Augenblicke
nicht weit. Ich war schwach, unendlich schwach geworden und
ich sah damals in ihr den Stamm, an den ich mich stützen könnte.
(Fortsetzung folgt.)
Pinchas Litwinowski, ein Suchender
Der Jischuw kämpft und leidet.
Doch Gegner und Kampfziel sind schattenhaft. Die Geschichte
hat vielleicht noch nie ein großes Geschehen, wiewohl als solches
geahnt, so richtung- und führerlos werden lassen.
Der Jischuw kämpft wie Don Quichotte gegen Windmühlen
und Schafherden? Leidet sinnlos gleich dem Ritter von der
traurigen Gestalt?
Er kämpft und rast gegen sich? Entsetzliche Selbstzer-
fleischung ?
Er leidet an einem kranken Gliede und schreitet zur Selbst¬
amputation?
Er leidet von außen her? So gelten die Hiebe der Gegner
vielleicht nicht ihm, nur denen, die er selbst haßt?
Der Jischuw windet sich in Krämpfen des Werdens und
sucht andere Heiler als Parteibonzen.
Der Trost des letzten Spießers, sich wiederzufinden in den
Werken der Dichter, fehlt ihm. Noch ist der Dichter des neuen
Jischuw und der Chaluziuth nicht erstanden.
Auch die Maler des neuen Palästina suchen noch den Aus¬
druck der „heroischen Landschaft" die Nietzsche „ahnte" und
die sie überwältigt, sie mühen sich um das Wesen des alt-neuen
Volkes, das in zahlreichen Typen den Reichtum der größten
Nationen an Individualitäten weit übertrifft.
Pinchas Litwinowski ist mehr denn einer, ein Suchender. Er
ringt um Erez Israel. Als Maler Palästinas hat er sich weder
einer Schule verkaufen können noch wollen. Wohl liebt er den
Kubismus, aber er verachtet nicht die realistische Darstellung.
Er sucht und geht schmale Pfade, wie die von den Ziegenherden
ausgetretenen, die sich bald scheiden, bald vereinen, bald ins Tal,
bald zur Höhe weisen, die den Wanderer wirren und nur den
zum Ziele führen, der es lange und fest von der Tiefe vom
Beginne ins Auge gefaßt hat. Pinchas Litwinowski, der Wan¬
derer in den Bergen von Jehudah und des Galil, tritt sich auf
solchem Steig fast, als wüßte er schon den rechten.
Wie alle echten Künstler weiß er vor allem, daß der Weg
zu Erez Israel nicht über die landschaftlich verwandten Mittel¬
meerländer, sondern über Asien, seine Völker, seine Religionen
führt.
Er hat Syrien und Kleinasien bereist, kennt Stambul und
Damaskus und lernte den Osten sehen und fühlen.
In Rußland hat er einst Porträts gemalt, aber auf eine glän¬
zende Laufbahn verzichtet und ist nach dem Orient gepilgert,
ein demutsvoll Empfangsbereiter.
Es zieht ihn zum Porträt, das zeugen seine Ölgemälde, mehr
noch seine Rötelzeichnungen.
Sein „Derwisch" ist in Wahrheit ein großer Kopf, der Kopf
eines Weisen und Asketen auf symbolisch kleinem Körper, der
auf dem Gebetsteppich kauert. Den Hintergrund bildet ein
festungsartiges Stadtbild mit Minarett. Zu beiden Seiten je ein
tanzender, neben dem Kopfe ein spielender Derwisch. In dieser
Gegenüberstellung der kontemplativen und der ekstatischen Reli¬
gionsübung erklingt bereits das Grundmotiv der „tanzenden jungen
Jemeniten" (Rötel) — der Griff nach der Gebärde, die Sehn¬
sucht und Liebe nach dem Kongenialen und Wesensgleichen,
Widerstand und Haß gegen das Antagone und Seelenfremde
vereint.
Auch in seinem Ölgemälde „An der Quelle" dominiert der
Kopf eines versonnenen Jünglings in Kefijeh und Nagal (be¬
duinische Kopfbedeckung).
Ob des lebensvollen Humors greift der „Safeder Knabe" mit
hellblonden Pejoth und langen Schaufäden tief an das Gemüt.
Eine treffende Studie sind „Zwei liegende Esel", ein modernes,
vorzüglich gesehenes Tierbild.
Es soll nunmehr ein Album von Pinchas Litwinowski er¬
scheinen, das neben seinem Selbstporträt elf Rötelzeichnungen,
Typen und Charaktere aus Jerusalem und Safed enthalten wird.
Deren einige veröffentlichen wir, um eine Anschauung zu geben
von dem starken Willen des Künstlers, seine Objekte als Teile
des Volksganzen und als „Herren einer lebenden Seele" zu
erfassen. A. E—r.