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MENORAH
die vom Sabbatlicht durchstrahlt sind. Sabbattag in einer jüdischen Stadt
— wer lebte ihn? Und wer ihn lebte, wer vergißt ihn? Da lärmen
keine Karussels, da laufen nicht die Kellner schwitzend mit den Kaffee¬
tassen zwischen den besetzten Tischen und schleppt nicht der müde
Gaul die Sippschaft seines Herrn zur Rennbahn hin — ,auf daß Dein
Ochs und Dein Esel ruhen und sich erholen der Sohn Deiner Magd
und der Fremde in Deinen Toren' — darum hat Dir der Ewige, Dein
Gott, den Sabbat befohlen."
Indem das Judentum so den Sabbat als den einzig benannten Tag
der Woche nicht nur über alle Arbeitstage, sondern in der Strenge
seiner Heiligkeit sogar über alle Feste hebt, proklamiert er in ihm
eines jener erlauchtesten Postulate: Die Superiorität der sabbatlichen
Kontemplation über den werktäglichen Aktivismus. Hoch steht die Ar¬
beit — aber höher die Ruhe; höher als die Tat, die ihn erzeugt, steht
der Gedanke, die sie gebiert.
Operari sequitur esse. Arbeit: Weg zum Leben, aber nicht wie in
unserer amerikanisierten Welt Inhalt und Endzweck. An den Werktagen
arbeitet man, aber man lebt am Sabbat. Der Sabbat ist die sieben¬
tägige Verkündigung der Autonomie des Geistes über den Körper, der
Suprematie der Freiheit über alle irdischen Bindungen.
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Jakob Steinhardt / Sabbat