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MENORAH
Bürgertums unter sehr phantastischen Be¬
gebenheiten.
Unter die strenge Menschheit des Nor¬
dens führt der im historischen Milieu des
14. Jahrhunderts spielende Roman der Nor¬
wegerin Sigrid U ndsel: ,,K r i s t i n
L a v ranstochte r" (Verlag Hütten
& Loening, Frankfurt a. M.). Kindheit und
Jugend einer unberührten Frauenseele, das
Werden zum Weibe, die Mutterschaft allein
durchlebt, Demut und Buße zieht, durch-
woben mit lebensslnrkcn Schilderungen der
Sitten der damaligen Zeit, an uns vorbei.
Die Kolonialmacht Englands verdankt in
den meisten Fällen ihr Entslehen dem Taten¬
durst einzelner Söhne seines Volkes. Von den
Männern, die das Gebiet Nordamerikas der
angelsächsischen Rasse erschlossen, hat K a-
p i t ä n J o h n S m i t h, einer der Kolonisa¬
loren Virginiens, seine Erlebnisse in Tage¬
buchform festgehalten. Sein Bericht „U n t e r
den I n d i a n e r n V i r g i n i e n s" (F. A.
Brockhaus-Verlag, Leipzig) gibt Kunde von
den Schwierigkeiten des Aufbaues einer der
ersten englischen Kolonien in der neuen Welt
und erscheint dem mit jüdischen Aufbaupro¬
blemen befaßten Leser in manchen psycholo¬
gischen Voraussetzungen gar nicht so veraltet,
sondern recht zeitgenössisch anzumuten.
Daß die Tradition des kühnen Aben¬
teurers in der amerikanischen Bevölkerung
fortlebt, davon zeugt der überwältigende Er¬
folg des Romanos von Jack London:
,,L o c k r u f des Golde s" (Deutsch bei
G r e t h 1 e i n & Co., Verlag Leipzig, Zürich).
Die Zeiten des Goldfundes in Klondyke mit
ihren romanhaft anmutenden und doch
rauher Wirklichkeit entstammenden Charak¬
teren und Schicksalen rollen wie ein lebens-
bunler Film ab. Das Schicksal eines Aben¬
teurers ganz großen Formats zwingt uns in
seinen Bann; sein Leben, das im übermensch¬
lichen Format dem Drang nach dem Golde
dient, um im Gelde die Macht zu erlangen, und
der am Höhepunkt seiner Macht allem ent¬
sagt, um der familiengründendcii Liebe zu
dienen.
Vom bolschewikischen Rußland berichtet
uns der Band ,,A p o k a l y p t i s c h e R e i-
t e r" von David K o i g e n (Erich Reiß
Verlag, Berlin). Die Bilder, die der Verfasser
entrollt, hängen mit seinem persönlichen
Schicksal zusammen. Gleichwohl wird man
sie als einen werlvollen Beilrag zur Soziologie
der bolschewikischen Revolution werten müs¬
sen. Dem jüdischen Leser sind die Kapitel
über das Neuerwachen des religiösen Lebens
in der Periode nach der Revolution und der
,,Zug nach Zion" besonders lesenswert.
Die kleine enge Well des jüdischen Städt¬
chens wird lebendig im heiler-ernslen Humor
des Erzählers der ,.jüdischen Komödie"
M e n d a 1 e M o i c h e r S f u r i m. Der so¬
eben erschienene zweite Band seines Romanos
„D e r W u n s c h r i n g" (Jüdischer Verlag,
Berlin) ist wieder voll der sonderbarsten Ge¬
schöpfe, deren Erlebnisse dem wesljüdischen
Leser unwirklich grotesk oder karikaturistisch
verzerrt scheinen, während sie doch nur ein
humorvoll gesehenes Bild der anormalen
Proportion der Existenzbasis des Ostjuden
zeichnen.
Aus dem Städtchen hinaus, in die jüdi¬
sche Großstadt drängt J. Babel, einer der
jüngeren Generation russisch-jüdischer Er¬
zähler, dessen ,,G e s c h i c h 1 e n a u s
Odessa" im Malik-Verlag, Berlin, in deut¬
scher Übersetzung erschienen sind. Hier lebt
die bunte Fülle der Hafenstadt, die auf der
verbreiterten Plattform alle Spielarten von
Existenzen im jüdischen Milieu erwachsen
läßt. Großkaufmann und Gelehrter, Hand¬
werker und Straßenbandit — hier leben jü¬
dische Menschen ein selbstverständliches
jüdisches Leben. Packend die Kunst des Er¬
zählers in den kleinen novellistisch ge¬
schilderten Begebenheiten.
Noah.