Seite
UNSERE MUTTER 719
Unsere Mutter
Von A. K. Fortsetzung.)
Ich kann es mir nicht versagen, ein paar
Kinderbriefe von ihr wiederzugeben, die am
besten von ihrem goldenen Herzen, von
ihrem köstlichen Humor Zeugnis ablegen
werden.
Sie war zu meiner Hochzeit mit dem drei¬
jährigen Max nach B. gekommen, und nach
einigen Wochen teilte ihr Mann ihr mit, er
würde sie nun endlich abholen. Darauf
schreibt sie ihm im Namen des Kindes:
Lieber Papa!
Du tannst pomrnen, wenn Du willst, bild*
der aber nor nicht ein, daß ich mitfahr'; ich
bleib' hier bei die Tinder, die immer so ssen
mit mir pielen und sich alles von mir erfallen
lassen. Seit ich hier bin, hab' ich sson
55 Flassel Tinte umerschüttet, das tu' ich
sehr dorn, dann bin ich sson neunmal vom
Tuhl erfallen und einmal vom Tiss. Heut'
mußt' ich a halbe Tunde beim Ofen zum
Tocknen stehn, weil ich hab' mer a Topf
Wasser auf mich dessittet. Pomm' bald zu
Deinem Dich liebenden
Max.
Im Herbst 1 900 nahm sie den zehnmonat¬
lichen Willi, das zarte Kind meiner Schwe¬
ster Siddy, zu sich und schrieb an die
Eltern eine ganze Reihe von Kinderbriefen,
von denen einige hier Platz finden mögen.
Liebe Mama!
In schöne Hände hast Du mich gegeben!
Als wir ins Kupee kamen, stürzte Tante
Rosa auf mich los und zog mir ganz un¬
geniert das Kleidchen aus, das mir so gut
steht, und gegenüber saßen zwei Damen!
Ich dachte, ich müßte vor Scham vergehen.
Den Höhepunkt erreichte aber meine Wut,
als sie ein gewisses Gefäß aus einem runden
Körbchen zogen und mich ganz gemütlich
draufsetzten. Diese Schmach mir, einem
Magyaren, anzuiun! Natürlich tat ich nicht,
wie sie wollten, würde mir einfallen! Als sie
mich endlich aus meiner drückenden Lage
befreiten, rächte ich mich grausam, Dein
Scharfsinn, liebe Mama, wird schon er¬
raten wie. Geschieht ihnen recht! Um drei¬
viertel eins wurde mir die Milch gewärmt,
aber mir dauerte es schon zu lange, und ich
heulte. Statt mich zu trösten, rief Tante
mir höhnisch zu: „Mach* dich nicht so
wichtig, sonst kriegst du gar nichts, übrigens
fehlen noch drei Minuten zu deinen drei
Stunden.*' Wie Du siehst, werde ich sogar
Hunger leiden müssen. Als wir in Troppau
ankamen, benahm sich meine Kinderfrau,
die Frau Müller mit den Knopflochaugen,
halbwegs anständig und wusch mich mit
Milch — aber mit gewässerter. Und dann
fuhr sie mit mir in die Anlagen, wohin man
mir auch meine nächste Mahlzeit bringen
wird, und wo ich auch schreibe.
Es küßt Dich und Papa innigst
Dein treuer Sohn
Willi.
Liebe Mama!
Heute sagte mir Frau Müller, sie würde
mich schon ,,kuranzen*\ Ich weiß nicht,
was das bedeutet und fragte ein Mäderl in
meinem Alter, aber sie wußte es auch nicht
und gab mir den Rat, Frau Z. zu fragen,
die wisse in T. alles am besten. Leider
kenne ich sie noch nicht.
Heute war ich schon um acht Uhr im
Grünen. Es ist möglich, daß ich Frau
Müller noch lieben werde, vorläufig habe
ich noch den glühenden Wunsch, sie in
Chinin zu ersäufen, das ich immer noch
nehmen muß.
Heute nachmittag durfte sich Frau Müller
nicht zu mir legen, ich mußte allein ein¬
schlafen! Die grausame Kreatur, Tante
Rosa, ließ das Rouleau herab, und machte
die Tür zu. Ich verbiß meinen Schmerz wie
der Spartanerbub, der den gestohlenen Fuchs
unterm Rock hatte und weinte nicht.
Herzlichst
Euer treuer Sohn
Willi.
Kann & Fried
jetzt Infolge vorgeschrittener
Saison, hochfeine Herren-
Damenstoffe, Manteiveloure,
Seidenstoffe., Futterwaren M VI., IMfi l8IlZ8il6 40, Ml Hilf 6