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MENORAH
Lieber Papa!
Mama habe ich schon öfter geschrieben,
heute habe ich das Bedürfnis, Dir in kind¬
licher Liebe und tiefem Respekt zu nahen.
Glaube aber nicht, daß der je so weit gehen
könnte, daß ich Dir ,,Sie" sagen würde,
das brächte ich nie zustande, nie und
nimmer! So sehr wir Männer doch sonst
zusammenhalten, in diesem Punkte stehe ich
auf Seite meiner schlesischen Mutter. Und
was ich will, das will ich. So zum Beispiel
gefiel es mir, mittags ganz allein einzu¬
schlafen, am Abend wollte ich aber einge¬
schläfert werden. Tante Rosa, meine Pen¬
sionsmutter, schmiß mich aufs Bett und
sagte höhnisch: ,,Schrei' nur, da wird sich
deine Lunge weiten." Glücklicherweise tat
sie mir sonst nichts. Hilf mir, Papa, daß
ich nicht immer das Geläpper trinken muß;
paßt das für einen Magyaren? Gebt mir
Gulyas mit recht viel Paprika!
Dein lieber Wilmosz.
Liebe Mama!
Iß das verbrannte Zeug nicht, das Tante
Dir schickt. Ich hab* mich so gefreut, daß
die Torte zu braun geworden ist, ich hörte,
wie sie es sagte und lachte laut und schlug
in die Hände vor Vergnügen. Sie wußte
aber nicht, daß mein Lachen ein schaden¬
frohes war und nahm mich auf und tanzte
mit mir und sagte immerzu: ,,Du süßer
Kerl!"
Sitte und Anstand werde ich hier nicht
lernen, das sehe ich schon, denn ich muß
zum Beispiel noch immer die offenen Hemd¬
chen tragen, die mir nur mehr meine breite
Brust bedecken. Und wenn Du wüßtest,
liebe Mama, wie despektierlich sie von Dir
spricht! Ich war ganz entsetzt. „Deine
Mama schreibt, ich soll dir die Ohren unter¬
suchen lassen — Schmarrn! Es wäre nötiger,
ihr den Kopf untersuchen zu lassen, auf
ihren Verstand hin!" Und dabei machte sie
ein so boshaftes Gefrieß.
Sie hat mir Knorrsche Haferbrötchen ge¬
kauft, ich bin ja kein Pferd, das ihr Hafer
fressen wird, wahrscheinlich ist Hafer billiger
als Milch. Ich bitte Dich, liebe Mama, ver¬
biete ihr, daß sie das weiße Gerät in den
Park mitnimmt. Ein Herr, dem ich sehr
gut zu gefallen schien, fragte, wer ich sei,
und da saß ich gerade auf dem vermale¬
deiten T . . . Wie habe ich einen andern
Buben beneidet, der tun konnte, wie er
wollte. Chinin trink* ich nicht mehr, ich
bin schon ganz gesund!"
Viele Grüße von Deinem treuen Sohn
Willi.
Meine liebe Mama!
Heute ist ein großer Tag für mich, es hat
sich so viel ereignet, ich bin noch ganz be¬
täubt von den Eindrücken. Um Dir alles
zu erklären, muß ich ein bissei ausholen und
auch die Politik berühren. Es wird Dir be¬
kannt sein, daß der Erzherzog Ferdinand
d'Este die schöne Gräfin Chotek mit der
linken Hand geheiratet hat. Das Beispiel
hat auf den jungen König Alexander von
Serbien so gewirkt, daß er nun schnell die
Maschin heiratet, die, wie Eingeweihte be¬
haupten, nicht 42, sondern 46 Jahre alt ist.
Dieses Beispiel hat wieder auf mich einen
mächtigen Eindruck gemacht, und mich zu
einem Entschlüsse gedrängt, der nie und
nimmer rückgängig gemacht werden kann,
gebt Euch also keine Mühe und ertragt mit
Geduld, was unabänderlich ist. Ich habe
nämlich heute früh um dreiviertel auf sechs
der Julie, Tantes Köchin, mein Herz und
meine Hand angetragen; Euch zuliebe hei¬
rate ich sie auch mit der linken Hand. Der
Altersunterschied ist nicht viel größer als
beim serbischen König und seiner Braut, und
ich bin zwar ein Kronprinz, aber doch kein
König.
Ich hatte einen bösen Traum. Mir war,
als läge ich im Großen Ozean, von allen
Seiten stürmten die Wogen auf mich ein,
schon wollten sie sich über meinem Haupte
vereinigen, da erschien sie, die mein ganzes
Sein erfüllt, Julie, und rettete mich (aus dem
nassen Bett). Und da faßte ich den Ent¬
schluß, über den Ihr mir hoffentlich nicht
gram sein werdet. Sie ist zwar ein Weib
aus dem Volke, aber ihre Ahnen reichen
weit zurück: als der berühmte Augiasstall
gereinigt wurde, war ihr Ur-Ur-Urahn schon
Unterstallknecht. Gebt mir also Euern
Segen, sonst werde ich Euch, wie der König
von Serbien seinen Eltern, vorlesen, daß
Eltern sich da gar nicht hineinzumischen
haben. Ich bin zwar noch jung, aber mein
Verstand ist sicher so groß wie der des
Königs von Serbien.
Dein treuer
Willi.