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FRANZ KAFKA
Notizen zu seinem Nadilaßroman
„Das Schloß"
Von Manfred Sturmann
i.
Als Franz Kafka, der Präger jüdische
Dichter, einundvierzigjährig starb, nachdem
er nur einen Bruchteil seines Werkes, wenige
schmale Bände, den Weg in die Öffentlich¬
keit halte gehen lassen, also noch nicht in
seiner gesamten schöpferischen Gestalt in Er¬
scheinung getreten war, gab es bereits einen
Freundeskreis oder, sagen wir ruhig, eine
kleine Gemeinde, die in diesem Dichter den
großen Epiker ahnten, als den er sich nach
seinem Tode erweisen sollte. Wer seine Bü¬
cher — vor dem Todesjahre 1924 — bewun¬
dert und geliebt halte, wem seine blühenden
Einfachheiten der Sprache unvergeßlich ein¬
geprägt waren, der mochte wohl in diesen
Kurzgeschichten, diesen seltsam ruhigen und
doch von verhaltener Leidenschaft durchzil-
lerten Aufzeichnungen die farbige, gläubige
Welt des Genius erschaut haben.
II.
Es ist keine trügerische Erkenntnis ge¬
wesen, wie auch jene, die nur gehofft halten,
nicht enttäuscht wurden. Max Brod gab den
nachgelassenen Roman ..Der Prozeß" heraus.
Da stand klar vor uns die Gewißheit, daß wir
mit Franz Kafka einen Epiker ganz großen
Formales verloren hatten, und man scheute
sich nicht, seinen Namen neben denen der
unvergänglichen Prosaschöpfer der Welt¬
literatur zu nennen. Kafka hat in diesem Ro¬
man das Bekenntnis abgelegt, daß das
menschliche Leben einem „Prozeß" gleich!,
der immer verloren wird. Eine feingegliederte
Gerichtsbehörde treibt ihr Spiel mit dem „An¬
geklagten", von dessem Geschick und von
dessen Freunden es abhängt, das Verfahren
zu verschleppen. Denn nur Verschleppungs¬
taktik ist geboten: Der Fall ist a priori hoff¬
nungslos. Es wird immer Indizien geben, im¬
mer unvermutete Belastungszeugen, welche
den geheimnisvollen Richtern zur Hand sind.
Das ,,Urteil" ist nur hinauszuschieben, nicht
zu umgehen. Die Exekution erfolgt unnaeh-
sichüich. Ich erinnere an Kafkas Schlußsalz,
an die Bemerkung eines Henkers: ,,Wie ein
Hund!" sagte er, ,,und es war, als sollte die
Scham ihn überleben."
III.
Nun ist vor kurzem der zweite nach¬
gelassene Roman Franz Kafkas ..Das Schloß"
erschienen, welcher fast eine Erweiterung,
eine Bestätigung des ersten bedeutet. Beide
Bücher sind irgendwie parallel gerichtet. Hier
wir dort das menschliche Schicksal in mario-
nellenhafler Verzerrung, ausgeliefert der
übergeordneten Macht schlechthin. Aber war
im ,.Prozeß" das Menschliche plastisch
geworden und uns erschreckend nahegerückt,
so ist es im „Schloß" das Göttliche. In
beiden Werken ein Erdgebundener, hoff¬
nungslos verstrickt in eine natürlich-feind¬
liche Welt; hier wie dort der nicht zur Er¬
hörung gelangte Ruf zur letzten, in sich ru¬
henden Weisheit.
Und doch: Dieser Ruf klingt aus dem
..Schloß" vernehmlicher und erschütternder.
Hat sich der Held im „Prozeß" müde ge¬
kämpft gegen die Übermacht jener geheimnis¬
vollen Gerichtsbehörde, war er gebrochen in
lähmender Resignation und hatte er schlie߬
lich die gequälte Brust den Dolchen der Exe-
kulionskommission dargeboten — so ist der
Landmesser K. im „Schloß" ein anderer.
IV.
Sein Weg ist ganz auf Kampf und Auf¬
lehnung gestellt. Darum ist dieser zweite Ro¬
man der größere, der männlichere vielleicht.
Was uns nach der Lektüre des „Prozeß" als