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Einheit des jüdischen Fühlens in allen Schich¬
ten besonders zu betonen. Die überlieferten
Sujets der Haggadah-Ilhistralionen sind nicht
sklavisch festgehalten. Es sind auch neue
Sujets gewählt, wie zum Beispiel eine Dar¬
stellung des Propheten Elia oder eine karto¬
graphische Zeichnung des heiligen Landes.
Künstlerisch sind die Druckbuchstaben, für
die der Name Rudolf Koch Bürgschaft leistet,
die Form der Noten, eigenartig neugeschnit¬
tene Notentypen, und der Spiegel des Satzes.
Stellt diese Haggadah-Ausgabe so einen
besonders gelungenen Typ künstlerischer
Wiedergabe eines jüdischen Literaturdenk¬
males dar, so ist sie zugleich auch Zeichen
des Hochstandes des ja schon durch viel¬
fache Zeugnisse berühmten OiTenbacher
Kunstgewerbes und zeigt so im lebendigen
Beispiel der Gegenwart, wie innig von alters-
her bis auf die Gegenwart alle künstlerische
Ausgestaltung des jüdischen Rituals mit dem
Stilgefühl der Zeit und der Landschaft der
Entstehung verbunden ist. Dienemann,
Nachrichten über Heine
Es sind keine Nachrichten, die er seinen
verzückten Anbeterinnen höchstpersönlich
gibt, aus jener Welt, im verdunkelten Zim¬
mer, beim Tischrücken. Klopfgeister sind we¬
niger gründlich, weniger aufrichtig — und
weniger grausam als dieses Buch von mehr
als 1000 Textseiten, mit welchem H. H. H o u-
b e n die Heine-Literatur erweitert, tatsäch¬
lich: bereichert hat*).
Mitarbeiter, vielfach unfreiwillige, die
nicht damit rechnen konnten, daß ihre Brief¬
schaften und Aufzeichnungen dereinst in den
Druck gehen werden, sind zahlreiche, sehr
bedeutende, sehr scharf beobachtende Zeit¬
genossen. Der hochverdiente Sammler läßt sie
alle sprechen und fügt nichts hinzu (es sei
denn, daß er historische Irrtümer berichtigen
muß), er tut sich nicht als Literarhistoriker
und Kritiker hervor und tritt hinter den
Augen- und Ohrenzeugen zurück, die er mit
bewundernswerter Tatkraft und Sachkennt¬
nis stellig machte, damit sie Nachrichten von
Heinrich Heine geben.
Die reichsten fließen natürlich aus der
Ära seiner Hochberühmtheit, da sich alles um
das arme Häuflein Menschen fleisch drängelte,
das acht Leidensjahre lang in der Pariser
Matratzengruft dahinsiechte. Furchtbar, wenn
man immer wieder liest, wie er mit der fein¬
geformten Hand das gelähmte Lid von dem
einen noch tauglichen Auge hob, um den ein¬
getretenen Gast zu sehen. „Einen Augenblick,
ich muß erst den Vorhang meines Auges hoch¬
ziehen, um Sie bewundern zu können", sagte
er zu Alexander Weills junger Gattin .. .
Dieses herb-ironische Wort ist glaubwür¬
dig. Er dürfte es gesagt haben. Anderes, was
ihm in den Mund gelegt oder über ihn rela-
tioniert wird, ist bestimmt nicht hundertpro¬
zentige Wahrheit, Man hat auf jeder Buch¬
seite zu bedenken, wer die Akteure sind, und
Houben ermahnt in der Einleitung: ,,Was da
in der Zeitgeschichte kreucht und fleucht, alles
kommt zur Sprache und sämtliche »Prominen-
*) „Gespräche mit Heine." Zum erstenmal
gesammelt und herausgegeben von H. H. Houben,
Rüttcn & Loening-, Frankfurt a. M.