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DAS PROBLEM DER ANTIKEN SYNAGOGE
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Manchen wird jedoch die Frage interessieren, wer bei wem ent
lehnt haben mag. Im Mittelalter ist die Situation klar. Natürlich sind
da die Juden die Nehmenden, die Christen die Gebenden. Wer würde
behaupten, daß sie die zweischiffige Anlage mit der Pfeilerreihe auf
der Mittelachse des Kultraumes für ihre Zwecke selbst geschaffen hätten.
Sie sahen diese Bauanlage in den Sitzungssälen der Rathäuser, in den
Kapiteln der Klöster, in den Kirchen der Ordensbrüder. Es war das die
anspruchsloseste, einfachste, billigste Bauanlage. Sie übernahmen sie.
dieBaumeister empfahlen sie ihnen. Ist es denkbar, daß Juden kathedral¬
artige Bauten für ihren Gottesdienst im mittelalterlichen Deutschland
hätten errichten können? So entsprachen die zweischiffigen Synagogen
in Worms und in Regensburg durchaus der sozialen Lage der Juden
jener Zeit.
In der Antike lagen die Verhältnisse wohl umgekehrt. Im Anfang
wenigstens. Die christliche Gemeinde entlehnte mit den Formen des
Gottesdienstes auch den baulichen Ausdruck des liturgischen Gedankens
bei den Juden. Aber die Kirche baute an dieser entlehnten Form, sohald
sie siegreich und mächtig wurde, in beschwingtem Tempo weiter,
während in der Synagoge die schöpferische Kraft erlahmte.
Es ist eines der fesselndsten Probleme, das wir hier berühren,
diese Frage nach dem Ursprung in der Entwicklung des Synagogen
baues und des Kirchenbaues.
13 aß uns eine Synagoge aus vorchristlicher Zeit erhalten geblieben
ist, ist für die Untersuchung des uns beschäftigenden Problems be¬
sonders wichtig. Hier, in einem Bau des zweiten vorchristlichen Jahr
hunderts, der schon da war, als es noch keine Kirchen gab, kann man
feststellen, was die Synagoge mitgebracht hatte, was ihr eigener, selb¬
ständiger Beitrag war. (Das Verhältnis der Synagoge zur heidnischen
Kunst ist eine andere Frage.) Diese älteste erhaltene Synagoge befindet
sich auf der griechischen Insel Delos. Die Franzosen, die Ecole frangaise
d'Athenes, haben sie 1912/13 mit finanzieller Unterstützung des Herzogs
de Loubat ausgegraben. Wundervoll muß der Anblick der Ruine in der
Nähe des Meeres sein (Fig. 1), und ich denke es mir als etwas besonders
Schönes, eine Reise gleichgesinnter jüdischer Seelen nach diesem Wall
fahrtsort (sollte ein Wallfahrtsort werden)!. Was die photographische
Aufnahme gewährt, ist sehr versprechend. Also, um jeden Zweifel vor¬
wegzunehmen: eine Inschrift ist an Ort und Stelle vorhanden, die
besagt, daß es sich um eine Synagoge handelt. Der Kultraum ist ein
längliches Rechteck, an dessen Schmalseite an der Westwand zwischen