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MENORAH
kunst, alles andere ist Lehnkunst — jüdisch nur in der gesetzlichen
Vorschrift, der es folgt, und in der Anregung des Stifters, sonst aber
nach Arbeit und Form Anleihe und Nachlese. Und selbst diese wesent¬
liche Unterscheidung wird nicht immer getroffen, wird jedenfalls nicht
in ihrer ganzen, entscheidenden Tragweite erkannt.
Sonst könnte es nicht dahin kommen, daß man bei jeder Gelegen¬
heit — in Ausstellungen, Artikeln und Reden — das Spärliche, Kunst¬
lose, aber Eigentümliche immer wieder nebenher gehen, jene Ableger
fremder Kulturen aber über Gebühr hervortreten läßt — und das auch
dann, wenn sie im Verhältnis zu dem übrigen Handwerk der Zeit mir
wenig bedeuten oder gar als längst überholte Anachronismen erschei
nen. Und die Wirkung? Das Publikum, unbekannt mit den treibenden
Kräften und Eigenschaften echten Kunstschaffens, kehrt den beschei¬
denen, unbeholfenen Regungen der jüdischen Künstlerseele den Rücken,
um dem vergleichsweise vollkommenen und schönen Produkt nichtjü
discher Fertigkeit seine ganze Bewunderung zu schenken. Und im übri
gen das Gleiche zu tun wie unsere Vorfahren, die nicht anders konnten.
Denn wie diese nichts Bedenkliches daran gefunden haben, um 1800
ein Kultgerät im barocken Stil herstellen zu lassen, so gehen die Be¬
wunderer solcher Stücke dann hin und lassen für ihre Synagogen
Stickereien und Metallarbeiten nach alten, allmählich zeitlos gewor¬
denen Vorbildern anfertigen.
Für diese Vermischung der grundlegenden Vorstellungen ist vor
allem die jüdische Musealwissenschaft verantwortlich. Da sie nicht ge¬
nug genau, nicht genug eindringlich zwischen der lebendigen und der
entlehnten Gabe unterscheidet, kann sie nicht verhindern, daß sich
beim Laien statt der richtigen Einsicht die Pietät der Sache bemächtigt,
um alles in ihrem unbestimmten Gefühl durcheinanderzubringen. Und
auch damit noch nicht genug. Das unberatene Gefühl von Menschen,
die im Bannkreis westlicher Kultur herangewachsen sind, neigt in Din¬
gen der Kunst nur natürlich nach der Seite der Assimilation. Bevorzugt
also wieder jene Lehnkunst, die niemals ganz lebendig, niemals rein
jüdisch gewesen ist. Begreiflich, daß diese Menschen — befangen im
Assimilierten und Antiquierten — dann auch für die lebendige Gegen¬
wart des jüdischen Kunsthandwerkes kein rechtes, kein williges Ver¬
ständnis aufbringen.
Das aber müßte das neue Ziel aller Beteiligten, auch der Museali-
sten unter uns, werden. Unsere Vorfahren hatten keine Wahl. Wir
haben überall trefflich geschulte jüdische Handwerker. Nach der
ehrfürchtigen Betrachtung unserer alten Ritualkunst, die mehr ein