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AUS DEM KUNSTLEBEN
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sinnreiches Kapitel unserer Kultur — und weil weniger ein solches un¬
serer Kunstgeschichte ist, diesem jungen Lehen sich zuwenden, seine
Kräfte gebrauchen und planmäßig entwickeln — wäre das nicht auch
Pietät? Und ist diese Pietät vor dem Leben, vor den endlich befreiten
schöpferischen Kräften unseres Volkes nicht gerade so gut und edel,
wie die andere?
Von der Plastik
Seit einigen Jahren ist Wien die Bildhauer schule für Palästina.
Der jüngste dieser Reihe heißt Arje Reznik. Er ist in dem polnischen
Kohlengebiet zu Sosnowjed geboren, ging 1920 nach Palästina und hat
hier durch sechs Jahre, zuerst als Chaussee-, dann als Landarbeiter, an
dem Aufbau des heiligen Landes mitgearbeitet. Bei Grabungen in Beth
Alpha stieß man auf eine alte Anlage. Bausteine davon sind die Werk¬
stoffe für die ersten freien Versuche Rezniks geworden. Nun hat er drei
Jahre in Wien, in der Kunstgewerbeschule, bei Professor Steinhof, zu¬
gebracht. Und hat sich in dieser knappen Zeit überraschend entwickelt.
Das liegt zum Teil an dem Lehrer, dessen Schüler vom Töpferhand¬
werk schnell auch im Figurenstück zu einfach großen Formen kom¬
men, das liegt gewiß auch an dem Material, der Terrakotta, die schon
aus ihrer Natur zu solchen Formen drängt. Ungefährlich ist solche Ent¬
wicklung nicht. Auch erschwert sie, infolge ihrer Parallelität mit den
Entwicklungen der Kameraden, das Urteil, den Einblick ins Eigentüm¬
liche. Trotzdem wird man schon sagen dürfen, daß hier eine echte Be¬
gabung am Werke ist. ,,Die Hockende" von 1928 mit der sehr schwie¬
rigen und doch schon angenehm gelösten Gliederbildung ist wohl noch
Lehnkunst, weniger schon das ,,Schreitende Mädchen" mit den eksta¬
tisch erhobenen Händen. Die stärkste Erwartung erwecken aber die
zwei „Umarmungen" aus dem Jahre 1930. Wohl ist auch bei diesen
Gruppen die Gestaltung so leicht und schmiegsam, wie sie sich bei
einem ursprünglichen Verlauf des plastischen Schaffens nur spät, als
Zeichen der Reife ergibt. Wohl ist in einem der beiden Fälle der
schwer und heftig bewegte innere Vorgang auf einen gefälligen Reiz
der Erscheinung gebracht. Aber es wird schon zwischen Terrakotta
und Granit, also zwischen den materiellen Bedingungen der Form gut
unterschieden. Auf eine knabenhaft schöne Empfindung folgt eine tra
gische, die schon vom Schicksal weiß. Und auch sonst wird in dieser
letzten granitenen Gruppe schon sichtbar, was nun auf eigenen Wegen
sich erfüllen müßte: der leidenschaftliche und doch beherrschte Ernst,
der die reine plastische Form feierlich verwirklicht.