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MENORAH
SHMARYA LEWIN: KINDHEIT IM EXIL.
Ernst Rowohlt Verlag, Berlin.
Ein großes Dokument jüdischer Geistes¬
verfassung, seelischer Beding Hilm l und ökono¬
mischer Bedingungslosigkcit wird hier ent¬
roll l, das Haus der Vater geschildert, das den
wurzellosen Söhnen in einer gewissen patri¬
archalischen Verklärtheit nur mehr Statte der
Träume, nicht mehr realer Wirklichkeit ge¬
worden ist. Daneben die Darstellung des
eigenen zwiegespaltenen Seelenlehens; der
junge Leviu als Talmudschüler und phanta-
siebegabler Dichter wird: im trockenen Lehr¬
stoff die heroischen Erzählungen der heiligen
Schrift das Epos seines Volkes erleben. Dieses
Buch wird als Darstellung jüdischer Geisles-
uncl Kulturgeschichte in. Rußland um die Zeit
des Erwachens der jüdischen Renaissancebe¬
wegung immer seinen Wert behalten.
Noah.
MAX FREIHERR VON OPPENHEIM: DER
TELL HALAF. F. A. Brockhaus, Leipzig.
Ein SchutlhügeL im Zweistromlande birgt
die ältesten Steinbilder der Welt, Zeugen einer
bisher unbekannten Kultur, die 4000 Jahre
vor der gewöhnlichen Zeitrechnung datiert.
Das wichtigste Ergebnis dieser Ausgrabung,
die der deutsche Forscher schon vor dem
Kriege begonnen und vor wenigen Jahren
vollendet hat, ist die Feststellung, daß im
vorderen Orient neben der Kultur von Ägyp¬
ten und Babylon eine dritte große selbständi¬
ge Kultur, die subaräischc, bestanden, bat. Die
Ergebnisse der Forschung werden durch die
Beigabe von mehr als 100 einfarbigen und
farbigen Bildtafeln sinnfällig dargestellt.
M—I.
ARTHUR SCHNITZLER: DIE FLUCHT IN
DIE FINSTERNIS. Verlag S. Fischer, Berlin.
Die Begabung des Menschendarslellers
und die Erkenntnis des Arztes legen unerbitt¬
lich die geheimsten Regungen und Ahnungen
der menschlichen Seele bloß. Das Schicksal
ist dem Menschen angeboren. Es gibt kein
Entrinnen. Der Wahn, der den liebenswürdi¬
gen, musikbegabten Sektion.sral verfolgt, seine
Flucht vor der Finsternis der Geistesgestört-
heil-, findet seelisch bedingtes Gegenspiel an
der kalten Nüchternheit des ärztlichen Bru¬
ders, der im S3 T mptom die Diagnose fürchtet.
Frauen gleiten schattenhaft vorbei, es ist
ihnen nicht beschieden, Klarheit zu schaffen.
Gesundung zu verbreiten. Unerbittlich wird
die Zwangsvorstellung zum Geschehen. Nur
wie sie zum Geschehen wird, das ist das Ge¬
heimnis, das eleu Menschen auf seinem. Le¬
benswege begleitet; wie sich ein Leben erfüllt,
vermag der Mensch nur zu ahnen, es ist ihm
nicht gegeben, darum zu wissen. -~r?n.
ERNST WEISS: GEORG LETI1AM ARZT UND
MÖRDER. (Roman.) 1931. Paul Zsohiny
Verlag, Berlin-Wien-Leipzig.
Immer wieder „die Sinnlosigkeit und stu¬
pide Grausamkeit des Weltenlaufes" er¬
kennen zu müssen — du zu wird Georg Lei ha m
der Jüngere von einem verbitterten Vater er¬
zogen, der die Welt „durchschaut" hat. Mit
dieser „Erbsünde" behaltet, erwächst er zum
Menschen ohne Liebe und ohne Gewissen
und wird - — Arzt von größtem wissenschaft¬
lichen Format. Er mordet seine Frau, vor der
es ihn ekelt, und wird zur Deportation auf
eine Art von Teufelsinsel verurteilt. In düesem
Inferno aus Gelbfieber und Verworfenheit er¬
kennt Leiha m den Sinn des menschlichen
Schicksals. In den Tiefen der Gemeinheit er¬
faßt er das Wesen der Gemeinschaft, lernt
im Kampf gegen den Seuchentod die Liebt 1
zum Menschen und zur Menschheit fühlen
und jenseits aller Gesetze der Logik den sinn¬
vollen Lauf -der Welt erkennen. Bietet sich
selbst zum Opfer dar, um die VerbreiLungs-
weise des gelben Fiebers zu erforschen, und
erschaut seine Lebensaufgabe, verseuchtes
Land dem modernden Gelblieber zu entreißen.
In diesen Faust-Gedanken mündet ein
von der Logik beherrschtes Leben, das Ernst
Weiss in breiter epischer Darstellung entrollt.
Mit ullen Hilfsmitteln sozusagen moderner Ge¬
scheitheit wird dieses Einzelsc.hicksal ins All¬
gemeingültige gehoben. Nicht immer geht
dieses Exempel auf, da und dort bleibt ..ein
Rest, zu tragen peinlich". Aber es ist Weite in
diesem Roman und er hat Stellen, an denen
sich dem Leser wirkliche Ergriffenheit, ja