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diese Wirkung daraus, daß Herr Professor Blckcll und
der Verleger Schumacher fortan eine Kooperation mit
einem Individinm dieser Art begreiflicher Weise per-
horreszirten. Was nun das in dem Hause eines juden-
feindlichen Abgeordneten von Wien, der auch die
Advokatur betreibt, unter Mitwirkung eines ״beriihm-
teil Orientalisten" zu Staude gekommene Protokoll
Brimans betrifft, so bemerke ich, daß die ganze darin
prodnzirte Unterredung eine ebenso kühne, wie Phantasie-
reiche Entstellung der Wahrheit ist. Briman war eS,
der spontan mir von seinen Beziehungen zu Rohling
und davon, daß er den genannten Professor zu einer
Zeit, da dieser seine Talmud-Literatur in die Welt
setzte, hebräischen Elementarunterricht erthcilte, Mit-
theilnng gemacht hat, und dies zu meiner größten
Ueberraschung, da ich, dem Streite der Parteien auf
diesem Gebiete fernstehend, bis dahin von irgend welchem
Zusammenhänge dieser beiden Männer keine Kenntniß
besaß. Briman erklärte mir, er habe cs satt, sich von
den Antisemiten auch fernerhin niißbrauchen zu lassen,
er wolle seinen Beziehungen zu dieser Kliquc ein Ende
machen, und als Beweis für den Ernst seiner Absichten
wolle er mir eine Serie Rohling'scher Briefe anssolgcn,
die Rohling schwer kompromittircn. In der Thal
händigte mir Briman mehrere an ihn von Rohling
gerichtete Briefe ans und da er jenes Schreiben, in
welchem Rohling sich angeblich rühmte, vor dem Prager
Gerichte einen Eid ״unt der guten Sache willen" ab-
gelegt zu haben, trotz eifrigen Snchens nicht sand, so
rcproduzirtc er in einer an mich gerichteten Zuschrift
den Inhalt dieser Bcrühmnng. Ich habe mich seinerzeit
darauf beschränkt, diese Urkunden zu veröffentlichen und
cs unterlassen, jener Eröffnungen zu gedenken, die
mir Briman ungefragt über die Beziehungen des
Jesuitenordens und einiger hoher geistiger Würdenträger
zur antisemitischen Partei gemacht hat, und welche er,
durch in seinen Händen besindliche Papiere, erweisen zu
können behauptete. Ich führe dies heute an, damit
die öffentliche Meinung in der Lage ist, an dicscr einen
Thaksache die Persönlichkeit BrimanS und seiner Patrone
zu messen und ich darf mich wohl daraus beschränken,
den ganzen Inhalt dieses famosen Protokollcs, die mir
darin in den Mund gelegten Acußerniigeri, den mir
imputirtcn ErpressnngS- und BestcchunaSversuch an
Briman als eine plumpe Erfindung zu bezeichnen. Mit
vorzüglicher Hochachtung Dr. Friedrich Elbogcn."
K. Wien, 18. September, lieber die Einweihung
der neuen Synagoge der hiesigen türkischen Gemeinde
berichtet die ״N. fr. Pr.": Der reiche Kranz von prüch-
tigcn Gebäuden, deren Wien sich erfreut, ist um ein
neues Prunkstück vermehrt worden. Es ist dies der
Tempel der türkisch-israelitischen Gemeinde in der
Zirknsgasse. Seltsam nimmt sich inmitten der dortigen
Schablonenhäuser dieses im maurischen Styl gehaltene
Gebäude mit seiner hohen Kuppel und den orientalischen
Formen aus. Heute Abend fand die Eröffnung dieses
Tempels statt. Vollzählig hatten sich die Mitglieder
der Gemeinde in dein großen Kuppelbau versammelt;
in einer Loge saßen die Attaches der türkischen Bot-
schuft und der rumänischen Gesandschast. Außerdem
hatten sich als Gäste eingefunden: Stadthaltcreirath
Ritter v. Pfersmann, Magistrats-Direktor Vittmann,
Polizeirath Heide, Bezirksvorstand Mumb, der Archi-
maudrit der griechisch -unirten Kirche, der Prior der
Barmherzigen Brüder, Florcntin Herzog, und der
Provinzialsekretär Steiner, mehrere Vorstandsmitglieder
der israelitischen Kultusgemeinde, sowie der Rabbiner
und Prediger Dr. Gudcmann und Andere. Die Feier
begann mit einer kurzen Ansprache, die der Erbauer
des Tempels, Architekt Hugo Ritter v. Wiedcnfeld,
an den Präsidenten der Gemeinde, Herrn Mathias
M. Nus so, richtete, als er demselben den Schlüssel
Hauses übergab. Unter Orgelspiel (?) und Ehorgcsang
trugen dann die Vorsteher der Gemeinde, voran die
Herren Mathias Nnsso und Joseph 3. Eskcnasi, den
ganzen Rannt rings umschreitend, die Gcsetzesrollen
zur Bnndcsladc, wo Oberkantor Bauer den Psalm:
״Wie schön sind deine Zelte" saug. Nun wurde das
Licht der ewigen Lampe angezündet, und dann- trug
der Rabbiner Papo in spanischer Sprache ein Gebet
vor, in welchem er den Kaiser Franz Joseph, das
österreichische Kaiserhaus, den Sultan Abdul Hamid
und dessen Hans, den türkischen Botschafter, ferner den
Bürgermeister Uhl, den Vorstand der Gemeinde, die
Leiter der wohlthütigen Vereine und Anstalten aller
Konfessionen, sowie die Lehrer und Gelehrten aller
Konscssioncn und Nationen, deren Wirken der Mensch-
heit zum Wohle gereicht, segnete. Dann wurde vom
Chor die österreichische Volkshymne mit hebräischem
Texte und eine vom Cellisten Professor Joseph Sulzer
komponirtc, sehr effektvolle SuttanShymne in spanischer
Sprache gesungen. Mit dem Vortrage einiger Psalmen
wurde die Feier geschlossen.
0. Wien, 18. September. Daß der Antiscmitis-
muS an dem gesunden Sinne des Volks scheitern wird,
davon legt die Kundgebung in einer dieser Tage hier
stattgefundcnen Arbeitcrversannnlnng ein erfreuliches
Zengniß ab. In derselben äußerte sich ein Arbeiter
unter allgemeiner Zustimmung dahin, daß die Juden-
Hetze ein Schandfleck unserer Zeit sei. Kein ehrlicher
Arbeiter werde sich dazu hergeben, die sinnlose Juden-
Hetze mitzumachen.
G. Wien. Die ״Oestr. Wochcnscbr." berichtet:
Die Besetzung der Lehrkanzel für pathologische Anatomie
an der Universität zu Innsbruck war ausgeschrieben.
Da meldete sich rar Audienz beim Minister ein junger