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Rezensirt von Dr. Gugenheimer-
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es auch nicht nothwendtg, daß der Schriftsteller feinen Leser bestän-
dig den ganzen Weg mitmachen läßt, ans welchem er zu seinen
Resultaten gekommen ist, so kann doch mit Recht verlangt werden,
daß ein Autor, welcher Neberzeugnngen widerspricht, die Jahrtausende
lang herrschend waren und noch immer die Grundlage unseres
religiösen Lebens bilden und bilden müssen, — von seinen Ansichten
wenigstens durch einen Wink, durch eine Andeutung Rechenschaft
gebe. Wir werden aber zu zeigen suchen, weßhalb Herr Low eine
Begründung seiner Ansichten nothwendtg unterlassen mußte, welcher
Nachweis zwar für den auf dem Gebiete der jüdischen Literatur nur
einigermaßen Bewanderten überflüssig ist, aber für das größere
Publikum um so erforderlicher erscheint, als die in jenem Werke
niedergelegten Ansichten, wie der Verf. selbst bemerkt, auch auf das
Leben zu influiren geeignet sind, und als der Verf. bei seinem
Streben, ״ in Ton und Vortrag die erforderliche Wärme und Innig-
kett" nicht vermissen zu lassen, sich manchmal frömmelnder Phrasen
bedient, durch welche wohl die, welche Lust haben, sich vom Herrn
Löw ״ die Pforten eines tieferen Verständnißes der Bibel" eröffnen
zu lassen, leicht geblendet und dazu verleitet werden können, seinen
Aufstellungen ein Zutrauen zu schenken, das ihnen durchaus nicht
zukommt.
Wir schweigen nun von dem, was über die Anordnung und
den Plan des ganzen Werkes zu bemerken wäre, schweigen über den
Werth der Einleitung, die der Verf. dem ersten Abschnitte voran-
schickt, und gehen zu jener Stelle über, in welcher der Verf. seine
Ansicht über die ״ Entstehnngszcit des göttlichen Wortes überhaupt"
(sie!) niederlegt. Hierüber sagt er § 33: ״ Mose, der Sohn Am-
״ ranis, Israels erster Prophet, — geb. im I. d. W. 24 l 3, gest.
2533 ״ , — war auch der erste Schriftsteller Israels. Durch die
״ Thora legte er den Grund zu einer Sammlung heiliger Schrift-
״ werke. Im Laufe der Jahrhunderte wurde diese Sammlung von
״ weisen, gotterleuchteten Männern, besonders von Esra, Nehemia
״ und den Sofertm ( סופרים Schreiber, Gelehrte) erweitert, bis sie
.,ungefähr hundert Jahre vor der Zerstörung des zweiten Tempels,
׳ »Mv Zeit der gelehrten Schulhäupter Schamai und Hillel, für im-
״ mer geschlossen und vollendet wurde. Zwischen der ersten Auf-
״ Zeichnung heiliger Urkunden und dem gänzlichen Abschlüsse der