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Ein Monatsblatt
zur Förderung
jüdischen Geistes und jüdischen Lebens^
in Haus, Gemeinde und Schule.
Nr. X.
3616 Zweiter Jahrgang.
Thamus.
Zum Fasttag der Einnahme Jerusalems.
Es ist sicherlich eine der Betrachtung werthe Eigenthümlichkeit,
daß das Gedächtniß unseres staatlichen Untergangs sich nicht mit
dem Begehen des Tages der letzten endlichen Katastrophe begnügt,
sondern uns diese Katastrophe in ihren einzelnen tragischen Mo-
menten vorsührt, sich nicht auf die 9. Aw-Trauer der Tempelein-
äscherung beschränkt, sondern uns diesen letzten Akt der jüdisch-
politischen Geschichte in seine einzelnen Auftritte zerlegt und uns bei
dem Belagerungsansang, bet der Stadt-Einnahme, der Einäscherung
''des Tempels und bei dem Satrapenmord, wenn gleich nicht immer
zur Trauer, so doch immer wieder und wieder zu einem in sich
kehrenden Fasten ladet. Sollte uns damit nicht die Wahrheit nahe
gelegt sein, dafi die Schuld, die die Katastrophe herbeisührte, nicht
ein einmal begangenes, und damit abgemachtes, in allen seinen
Consequenzen unwiderrufliches Faktum gewesen, dessen Folgen daher
die Väter, da sie nun einmal über sie heretnbrachen, unabwendbar
über sich hatten ergehen lassen müssen, daß vielmehr es bis zum
letzten Augenblick in ihrer Hand gelegen, das Traurigste unter dem
Traurigen abzuwenden, ja sich noch am Rande des Untergangs
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