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das Gedeihen dieser Reform im Interesse der christlichen, wie der israe-
littschen Bevölkerung durch einen wohlbemeffenen UebergangSzustand be--
dingt. In Betracht des wichtigen Umstandes, daß der christlichen Bevöl-
kerung, ohne veranlassendes Ansinnen der Landesrepräsentation, RegierungS-
Vorschläge zu abermaliger Prüfung des Systems christlicher Ansässigmachun-
gen angekündigt sind, und daß nichts naturgemäßer sein kann, als der
israelitischen Frage gleichzeitige Behandlung mit der christlichen anzuwei-
sen, erblickt der Ausschuß kein anderes Mittel, als das Aufsuchen des
Uebergangszustandes in jenem milden, ״zustimmende gemeindliche Erklä-
rungen vollberücksichtigenden"׳ Vollzüge des bestehenden Gesetzes, wofür die
wohlwollenden Aeußerungen des Ministers gelegentlich der Ausschußbera-
thüng eine erfreuliche Aussicht böten. Demgemäß schlägt der Ausschuß
folgende Bitte an den Thron vor: 1) mit der angekündigten Initiative
zu erneuerter legislativer Revision der allgemeinen Normen über Ansäs-
sigmachung uMVereheligung, auch jene zu legislativer Revision der noch
in Kraft gebliebenen Bestimmungen des Edicts von 1613 über die Ver-
hältnisse der jüdischen Glaubensgenossen verbinden zu lassen ; 2) alle äußere
halb des erwähnten Edicts in Absicht auf die Verhältnisse der israeliti-
schen Glaubensgenossen etwa noch als geltend erachteten polizeilichen
Ausnahmsbestimmungen außer Kraft und Wirkung zu setzen.
' Hü Berlin, s. Juni. Für heute nur eine kurze Notiz, die für
unsere Personen und Verhältnisse charakteristisch genug ist.
An hiesiger Universität besteht ein kleines Stipendium für Me-
diziner, welches alljährlich Denjenigen gewährt wird, die sich durch-
ein im Auditorium zu fertigendes Extemporale darum bewerben.׳
Da, wie gewöhnlich, die Aufforderung zur Bewerbung allgemein an
die Commilitonen gerichtet war, so war auch diesmal die beträchtliche Zahl
von 20 Studenten erschienen, als der Dekan, Professor Jüngken, er-
schien und den Versammelten, wie die hiesigen Montagszeitungen berichten,
eröffnete, daß auf höhere Anordnung diesmal nur christlichen Studenten
der Medizin die Vergünstigung des Stipendii gewährt werden würde. In
Folge der Anzeige mußten sich 18 Studenten entfernen.
Als pikantes Seitenstück hiezu entnehme ich der verläßlichen ״Lon-
doner Korrespondenz," der geachtetsten hiesigen Zeitung, folgenden Passus:
— ״Darüber ist in London nur eine Stimme, daß die City seit Jahren
keinen so würdigen Vertreter gefunden hat, als jetzt in Mr. Salomons."
Meiningen, 3. Juni. In Folge des neuen Juoengesetzes hat
das Ministerium alle Verwaltungsämter angewiesen, sofort Einleitung zu
treffen, daß die Einverleibung sämmtlicher mit Unterthanenrecht im Lande
wohnenden Juden in den Gemeindeverband ihres Heimathsortes mit mög-
lichster Beschleunigung stattfinde, auch genau zu untersuchen, ob und wo
Judengemeindevermögen vorhanden ist, welches zu politischen Zwecken be-
stimmt war und in diesem Falle dahin zu wirken, daß die Ueberweisung
desselben an das Gemeindevermögen des Ortes erfolge. —