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den, sie alle thun nach besten Kräften und Einsichten vollkommen ihre
Pflicht. Die Schuld liege am Systeme, an der Organisation, oder viel-
mehr an der Unzulänglichkeit oder dem Mangel beider. ״Unser.ganzes
System, meint I. CH., Wohlthätigkeit zu üben, ist schlecht. Wir fol-
gen in unserer Mildthätigkeit mehr dem augenblicklichen Impulse, als
bFtinunteu Principien. Es sind nicht die natürlichen, gesunden Gesetze
Staatsökonomie, die wir uns zur Richtschnur gesetzt, sondern es ist
das alte, stockende Herkommen. Wessen wir bedürfen? Vor allem ein
Comitä, das selbst überall den Spuren der Armuth nachforscht, eine
organisirte Körperschaft, Vereinigung und Verschmelzung und ein Wohl-
thätigungs-Comitä, wie es in Philadelphia projektirt worden. Unsere
wohlthätigen Bestrebungen sollten mehr gegen das Elend und die Noth
selbst, als gegen deren Symptome gerichtet sein. Was nützt es, stär-
kerkbe Medizin einem Kranken zu reichen, der auf dem dumpfig-feuchten
Boden eines Kellers ausgestreckt liegt, und /dem nichts, als kräftige, fri-
sche Luft helfen kann? Darin besteht eben der Mangel und die Unzu-
länglichkeit der öffentlichen Wohlthätigkeit. Ein weites Feld ßer Einsicht
und Wohlthätigkeit liegt noch geöffnet da, ),1110 Rhodus, hic salta. a
Die Mittel dazu sind vorhanden, es verlangt nur des leitenden Geistes,
der sie gestalte und ihnen die gehörige Richtung gebe."
Die Unzulänglichkeit und der Mangel der öffentlichen Schul-
und Erziehungs-Anstalten entspränge vor allem aus dem Ab-
handensein jeder Verbindung und jeden Zusammenhangs unter einander,
daß "jede für sich allein sorgt und ihren eigenen Gang geht, ohne Be-
Ziehung zu ihren Schwester-Anstalten, und endlich, daß die Ueberwa-
chung meist in Händen Solcher liegt, die nur selten Muse haben, sich
persönlich von dem Zustande der ihrer Aufsicht anvenrauten Anstalten zu
überzeugen und denen auch oft -die Fähigkeit dazu abgehe. Alle diese
Mängel würden durch die Anstellung eines Oberinspectors über die ge-
sammten jüdischen Schulen der Hauptstadt leicht Abhülfe finden.
Türkei.
Constanttnopel. Herr Albert Cohn Präsident des isr. Wohl-
Lhätigkeits ComitÄ in Paris, hat bekanntlich eine Reise nach dein Orient
zur Jnspicirung der daselbst von ihm gegründeten Anstalten unternommen.
Nach dem ״Jounial de Constantinople, “ aus dessen ausführlichen Be-
richten wir Folgendes entnehmen, wohnte er zuerst in Galata einer Todten-
feier für die im letzten Kriege gefallenen jüd. Soldaten chet, bei der alle
Notabiläten der Stadt anwesend waren. Ende August kam er in Con-
stantinopel an, wo die mit den Schülern der daselbst gegründeten isr.
Schule angestellte Prüfung allgemeine Anerkennung fand. Donnerstag
den 21 . August, hatte Herr Cohn die Ehre nach einem Besuche beim
Groß-Vezir, Mehemed-Ruchdi pacha und Fuad pacha, beim Sultan in
einer Audienz empfangen zu werden. S. M. erinnerte sich vor 2 Jahren
an eben demselben Tage Hr. Cohn gesehen zu haben und erkundigte sich