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Großherzogliche Seminardirektion mehrere, keineswegs unerhebliche Miß-
stände zur diesseitigen Kenniniß gebracht haben, welche dadurch entstehen,
baß diese Zöglinge ohne gehörige Aufsicht zerstreut in der Stadt leben.
Beide Behörden haben daher wiederholt und dringend das Ansinnen an
uns gestellt, zur Verhütung dieser Mißstände kräftige Maßregelnzu ergreifen.
Diese Verhältnisse rufen laut um Abhülfe, wir können und dürfen
diesem Nus nicht länger unser Ohr verschließen.
Wir haben daher dringend für geboten erkannt, erstens dafür Sorge
zu tragen, daß die israelitischen Schulzöglinge durch eigends hiefür an-
zustellende wissenschaftlich gebildete Lehrer genügender! Neligionsunrerricht
bis zu ihrer völligen Ausbildung erhalten, sodann aber noch, sofern die
Mittel hierzu ausreichen, daß ihnen ein anständigeres und mehr beauf-
sichtigles Unterkommen als bisher geboten werde.
Das Großherzogliche Ministerium des Innern hat in gerechter
Würdigung der von uns in dieser Beziehung vorgetragenen Verhältnisse
durch Beschluß vom 17. März l. I. Nro. 3515 gestattet, daß behufs
der Erreichung dieser Zwecke eine allgemeine Collekte unter dem
Zsraeliten des Landes eröffnet werde.
Wir verhehlen es uns keineswegs, daß die Ausführung unseres
Planes große Anstrengung und Mittel erfordert; wir wissen aber auch,
und dürfen es getrost aussprechen, daß unser Ziel großer Anstrengung
und Mittel wertb ist.
Unsere Angelegenheit ist eine Angelegenheit des Landes, und ver-
Irauensvoll rufen wir daher alle begüterten israelitischen Einwohner auf,
uns beizustehen, und kräftigst mitzuwirken zu dem gottgefälligen Bau,
den wir zu errichten gedenken.
Ihr Alle die Euch Gott mit Glücksgütern gesegnet hat, und die
ihr vielleicht durch einstige Stiftungen für Euer Seelenheil zu sorgen
gedenket, leget hier Euer Schärflein nieder, es handelt sich hier nicht
nm die Unterstützung eines Hülfsbedürftigen, um Äufrichtuug einer durch
Armuth niedergebeugten Familie, es handelt sich um das zeitige und
ewige Wohl unserer Kinder und Enkel. Auch die kleinste Gabe ist uns
willkommen, aber die von Gott gesegneten mögen bedenken, daß nur
durch erklekliche Beiträge die Durchführung unserer Zwecke ermöglicht
wird, und daß die Art und Weise derselben von der Größe der Mittel
abhangt, die uns zur Verfügung gestellt werden.
Wir vertrauen dem biedern Sinne unserer Glaubensgenossen, daß
er die hohe Wichtigkeit unseres Vorhabens gehörig würdigen, und uns
demzufolge in den Stand setzen werde, die von uns beabsichtigten Ein-
richtungen recht bald Ln erfreulicher Weise ins Leben zu rufen, eingedenk
des erhabenen Wortes!׳
״ .Die göttliche Lehre ist ein Baum des Lebens, für alle, die daran
festhalten, und die sie erfassen, werden beglückt werden." (Sp. S. 3. B. 18.)
Carls ruhe, den 23. April 1857.
Großherzogl. Badischer Oberrath der Israeliten.