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Die Juden in Rheinbayem.
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schworen mußte, keinen Juden im Lande zu dulden. Dagegen waren
die Inden in angränzenden und etngeschlossenen geistlichen und Welt-
liche» Herrschaftsgebieten um so massenhafter auf engen Raum zu-
sammengepreßt. Wo man aber verschiedenartige Volksgruppen äußer-
lich getrennt nebeneinander hält, da dringen sie nach gegenseitiger
Ausbreitung und Ausgleichung, wie warme und kalte Lust, die sich
berührt. Fällt die Schranke, dann folgt der zurückgehaltene Theil
dem Naturgesetz der Wiederherstellung des Gleichgewichts, und er-
gießt sich in das geöffnete Land, bis eine annähernd ebenmäßige
Ausbreitung hergestellt ist. In unserer Zeit wird fast alle friedliche
Volksbewegung bestimmt durch die Arbeit. Um der Religion, um
des Namens willen, läßt sich selten mehr Jemand an einem Punkt
zurückhallen, der anderswo ein lohnenderes Feld seines Schaffens
erblickt. So strömten auch die Juden über die ganze Pfalz, wo
ihnen die kleinbäuerlichen und kleinstädtischen Verhältnisse ganz be-
sonders zusagten, und obgleich einzelne weiland kurpfälztsche Aemter
noch immer eine minder hohe Zudenziffer haben, als ihre früher an-
derherrtsche Nachbarschaft, so zählt doch Rheinbayern als Ganzes zu
den judenretchsten deutschen Ländern, und dieser Proceß der aus-
gleichenden Volksstrvmung ist seit der französischen Revolution
bis auf diesen Tag in stetigem Fortschreiten begriffen. Die Juden-
schaft wuchs sogar relativ stärker als die christliche Bevölkerung. Sie
hat sich hier in unserem Jahrhundert mehr als verdoppelt, während
die Gesammtvolkszahl noch weitaus nicht auf das Doppelte gestiegen
ist.-Bei aller Zerstückelung der Glaubensparteien haben die
Pfälzer nach langem Kämpfen sich endlich vertragen gelernt. Sic
setzen einen besondern Stolz darein, tolerant zu heißen. Im vort-
gen Jahrhundert gab es auch in pfälzischen Städten noch Juden-
gaffen und Judenviertel, und als damals Dürkheim wieder zur Stadt
erhoben wurde, mußten die Juden ihre an der Hauptstraße gelcge-
nen Häuser den Bürgern gegen einen Abschätzungsprcis überlaffen,
und sich, nahe vor dem Thorschluß der alten Zeit, noch einmal in
den Nebengassen anbauen. Heutzutage wohnen sie nicht nur unter
den Christen, sie liegen wohl gar neben ihnen begraben. Aus dem
Kirchhof zu Landau umschließt dieselbe Mauer christliche und jüdt«
sche Grabstätten, und nur ein schmaler Fußweg scheidet die Beken-
ner des alten und neuen Bundes.