Page
346
noch als Ziel einer schönen Ankunft winkt; jeder Jude
wäre daselbst ..ans den! Lchooßc der Gotteslehre groß-
gezogen" und besäße eine uinsaßende Kcnntuiß des
ganzen Gesetzes und wäre zugleich erfüllt non dem
!feiste eines (^ott dienenden Gehorsams, dem die Er-
fnllnng des Gesetzes als einzige Aufgabe des Vebens
gilt. Da dem leider nicht also in, da vielmehr gerade
diejenigen Kreise, ans denen die Oberlirchenräthe ernannt
zu werden pflegen, in Württemberg sich durch alles
Andere, aber nur nicht durch Gesetzeslnnde und Gesetzes-
Irene anszeichnen, so hat die wnrltembergische ״Inden-
gesetzgebnng" eine unbegreifliche Nnteuntniß der that-
sächlichen Zustände bewiesen. Sie hat eine oberste
Neligionsbehörde eingesetzt, dieselbe mit einer beispiel-
losen, fast nnnmschränlten Gewalt bekleidet, den
Gemeinden jegliche Mitwirkung an ihren heiligsten
Angelegenheiten entzogen und die GesetzeSlehrcr, die
Rabbiner, sammr Vorstehern jas! zn Sklaven dieser
Behörde gemacht, somit die bedeutendsten Interessen
eines großen Meuscheukrcises der Willkür und dem
Belieben einer Autorität preisgegcben, ohne die Garantie
zn haben, daß dieses Religiouskolteginm ans für ihre
unermeßlich weit reichende Besngniß befähigten und
würdigen Personen zusammengesetzt wird.
Darum !nagten wir den Ausspruch und wieder-
holen eS mit der ganzen Entschiedenheit innerster
Ucberzeugung: ein solcher Zustand ist nicht mehr zu
ertragen. Viel zn lange bereits hat er gewährt. Und
darum richten nur die ernste dringende Mahnung an
unsere würltembergischcn Glaubensgenossen: erhebt euch,
ermannt euch, tretet hin zu den Hallen der Gesetz-
gebung, wendet euch an eure wohlwollende, erleuchtete
Negierung und strebt eine Beseitigung des gegenwärtigen
traurigen Zustands an. Verlangt vorAllem die Auf-
hebn ng der israel itischenO der -Kirchen -Behörde,
dieser wahrhaft ungeheuerlichen Institution. Gemeinde׳
milglieder, Vorsteher und Rabbiner sollten in dieser
Forderung cinmüthig sein. Die Genicindemitglieder
haben sich ihr nnvcrlier- und nnverjährbareS Selbst-
bestimmnngsrccht, welches sie an dieses ihnen auf-
gezwungene Kollegium abtrcten mußten, zurückzuerobern;
die Vorstände haben sich loSzuwindcn aus der ohn-
mächtigen Stellung, die ihnen diese Behörde angewiesen,
um wiederum daznstehen in der ihnen gebührenden
Würde als die erwählten Vertreter der Gemeinde;
und die Rabbiner haben das druckende Joch von sich
abznschntteln im Bewußtsein ihres erhabenen Berufs
als Lehrer, Prediger und Wächter dcS GotteSwortS.
Es handelt sich um eine durchgreifende Reform der
gesammten Organisation des israelitischen Kirchenwesens,
um eine Rückkehr zn der alten, gesunden Basis der
jüdischen Gemcindcvcrfassung. Das ganze künstliche
Gebäude muß abgebrochen werden, welches eine
I Zwingburg der württembergischen Israeliten ist.
j In diesem Zwinger ist kein Raum für einen freien
selbstbewußten Mann; man sieht nur Ketten tragende
Sklaven unter der Aufsicht ebenfalls gefesselter Wärter,
welche blindlings den Befehlen einer unheimlichen,
allmächtigen, unnahbaren Gewaltherrschaft sich zu
beugen haben. .Kein freies Wort, keine frische That-
kraft, ja nicht einmal das Knirschen der Unterdrückten
wagt sich hier zu äußern. Ein despotischer Wille
regiert, ertheilt Befehle, droht und straft in dieser
eigeuthümlichen Welt, und Tausende gehorchen in
stummer Gleichgültigkeit oder in ebenfalls stummer
Verzweiflung. Sollte denn in wirklich aller Math
und alle Mannhaftigkeit bereits geschwunden sein, daß
man nicht endlich sich zn einer That anfraffen kann?
Empört sich denn keine Regung in der Brust der
würtembergischen Juden gegen diese Knechtschaft sonder
Gleichen'^ Empfinden sie noch immer nicht die Schmach
ihrer Ketten? Treibt das Bewußtsein, unfreier zu
sein, als ihre politisch gedrückten Groß- und Urgroß-
väter, unfreier, als ihre Glaubensbrüder in Bayern
und Preußen, ja selbst als in Baden und Hessen, ihnen
nicht die Schamröthe auf die Wangen?
Warum ertragen sie noch immer, was unerträglich
und dcS Mannes unwürdig ist? Weil sie es nicht
ändern können? Es bedarf sicherlich nur einer Knud ׳
gebung, einer ruhigen, ernsten, klaren Darstellung des
Zustandes, einer eindringlichen, einmüthigen Bitte zn-
ständigen Orts, um des Joches frei zn werden, um
eine Revision der Gesetzgebung im Sinne der freiheitlichen
Grundsätze, welche auf anderen Gebieten des kommunalen
und kirchlichen Gebens zur Geltung gelangt sind, und
im Sinne der Glaubens- und Gewissensfreiheit herbei-
zu führen. —- Oder etwa, weil die Wirksamkeit dieses
despotischen Regiments sich zum Heil und Segen erwiesen
hat? Der weitere Theil unserer Abhandlung wird
dieses zn erörtern und klarzustellen suchen.
(Fortsetzung folgt.?
Autlagcschrist im Tiszn-Eözlnrcr Prozeß.
(Schluß.)
011111 ־ ) diesen gravirenden Aussagen — so argn-
mentirt der Bescheid — erscheint die von der Staats-
anwaltschaft erhobene Anklage des vorsätzlichen Mordes
gegen Schwarz, Wollner, Bnxbaum und Braun rechtlich
begründet, ebenso die Anklage gegen Joseph Scharf,
weil er im Einverständnisse mit Anderen der Esther
Solymosi, auS dem Fenster blickend, auflanerte, sie in
seine Wohnung lockte und den in der Synagoge harrenden
Mördern anslieferte; desgleichen die Anklage gegen
Junger, Lustig und Weißstein, weil sie ohne besonderen
Grund, nachdem sich die anderen Gläubigen entfernt