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am fi. ober 7. Juni sei sein alter Bekannter Amschel
Fogel daselbst eingctroffcn und habe ihm von der
Affairc in Tisza-Eszlar berichtet. Fogel sagte ferner,
dos; die Inden, nachdem sie der Ermordung der Esther
Solymosi beschuldigt werden, entschlossen wären, eine
Reiche die Theiß abwärts $u schwemmen, welche mit
Kleidern \\1 versehen sei, die jenen der Esther Solymosi
gleichen. Fogcl, der behauptete, daß einer seiner Auftrag-
gebcr der Bajnager Insasse Nicßcn Mendelivics sei,
forderte den Sinilovies auf, den Transport der Leiche
zu übernehmen. Auf das Zureden deS Fogel willigte
Sinilovies gegen ein Honorar von 500 fl. ein und
übernahm von Fogel sofort einen Vorschuß von 80 fl. \
Nachdem sic handelseins geworden, sagte Fogel, die I
Leiche werde ihm in der Gemarkung von Szcnt-Marton !
übergeben werden; Smilovics solle den Leichnam über- !
nehme!!, nach Eszlar transportiren und dort loslasscn.
Bei Kerceseny habe er dann den David Hersko getroffen !
und diesem gegen ein Honorar von 120 fl. den Trans- !
port der Leiche überlassen. Am 11. Juni Morgens !
langte Smilovics beim Ufer von Szcnt-Marton an. ן
Dort erblickte er die Eszlarer Juden Martin Groß !
und Ignaz Klein, die in einem Wagen mit der !
Leiche seiner warteten. Nachdem sic sich gegenseitig !
erkannt, sei er mit den Genannten im Wagen nach !
Tarkany gefahren. Dort langten sic um 3 Uhr j
Nachmittags an, hoben den Leichnam vom Wagen, !
den Smilovics ans einem kleinen, aus Brettern zu- j
fainmcngcstcllten Floße zum Wasser trug und daselbst '
den! David Hersko übergab, dem er sofort 40 fl ein-
bändigte. Die Eszlarer Juden entfernten sich von
Sinilovies mit den! Bedeuten, daß sic sich beeilen
müßten, um für die Kleider der Leiche vorznsorgcn,
und erklärten, er werde den Anzug an! Eszlarer Ufer
von einer Frau empfangen, fügten auch gewichtig hinzu,
wie er die Leiche kleiden und daß er das Tuch mit
der Farbe an die linke Hand knüpfen inüsse. Amschel
Fogel leugnet entschieden, daß er dem Smilovics den
Auftrag ;!!!!! Transport des Leichnams ertheilt habe;
allein — so drückt sich der Gerichtshof aus —- diesen!
Leugnen steht die gerichtlich authcntizirte, gravirendc
Aussage des Jaukcl Sinilovies gegenüber. Auch die
Angeklagten Martin Groß und Ignaz .Klein leugnen
jede wie immer geartete Gemeinschaft mit Sinilovies;
allein — Ist er gebrauchen wir wieder die Worte des
GerichtsHofes — die von ihnen angernfenen Zeugen
konnten nicht vollständig beweisen, daß Groß und Klein
zur Zeit der Uebergabe der Leiche sich anderwärts auf-
gehalten haben, andererseits steht ihrer Behauptung
die gerichtlich authcntizirte Aussage des Sniilovic!
gegenüber, wonach er in den Beiden jene zwei Eszlarer
Juden ganz bestimmt erkenne, die ihm den Leichnam
übergeben haben. Ignaz Klein entlieh überdies im
Juni von Mathias Antal einen leichten Wagen, behielt
denselben über Nacht und spannte, nach den Aussagen
dreier Zeugen, vor denselben sein schwarzes Pferd und
den Falben des Abraham Braun. Smilovics aber
behauptet, daß vor den leichten Wagen der Eszlarer
Juden wirklich ein Nappe und ein Falben gespannt
waren. Sonach erscheine auch die Anklage gegen Fogel,
Smilovics, Hersko, Groß und Klein begründet. Der
Schluß der Motive bezieht sich auf die Freilassung
einzelner Angeklagten und ist nicht von Belang.
Korrcspolidciizcll Md Nachrichten.
Deutschland.
—a— Berlin, 27. Mai. Es ist sicherlich
für die Entwickelung des religiösen Geistes und die
Förderung einer huinanen Gesinnung unter dem deutschen
Volke vcrhängnißvoll, daß von berufenster Seite, von hoch-
gestellten Geistlichen, von einer Partei, die mit besonderer
Emphase sich christlich nennt, fortwährend und in stets
sich steigerndem Maße es als die Aufgabe des Christen-
thumS betont wird, die Juden und das Judenthum
zu bcküntpfen. Es will uns nicht geziemen zu unter-
suchen, ob hierin in der That der Lehre des Christen-
thuins nachgckontmen wird. Wir haben stets gen!eint,
daß, wenn die christliche Religion die Mission zu haben
verincint, die Gcsammthcit, und somit auch die Juden,
zu ihren Dogmen zu bekehren, dieses Vekehrnngswerk
nur durch die Macht der Belehrung und Ueberzcugung
auf dem Wege der Liebe und Milde zu vollführen im
Sinne des Ehristcnthums läge. Durch Kampf, so
glauben wir, unterwirft man sich wohl im Falle des
Sieges den Gegner und erzwingt dessen Gehorsain,
aber überzeugt ihn nicht, belehrt ihn nicht. Was sollen
diese ewigen aufreizenden Reden, diese Verunglimpfungen
des Judenthuins, wenn man wirklich für Wahrheit,
Recht, Frieden, Religion, Gott. König und Vaterland
wirken und schaffen will? In der regelmäßigen Wochen-
Versammlung der christlich-sozialen Partei hat Herr
Hosprcdigcr Stöcker einmal wieder cs für gut befunden,
gegen das Judenthum zu Felde zu ziehen und es beklagt,
daß cs in der antiscinitischen Bewegung eine Richtung
gebe, deren Vertreter glauben, ״dem Judenthum den
Garaus machen zu können, ohne auf christlichem Wege
zu bleiben"; man n!üssc deshalb zuvor sich ״aus den
Ketten des Materialismus und des Judenthuins bc-
freien, daun haben wir Aussicht auf Sieg." Wir
möchten den Herrn Hofprediger bitten, uns zu sagen,
ob das Judenthum denn wirklich in einem Athen! mit
dem Materialismus genannt werden kann, ob das Juden-
thum weniger zu Tugend und Sittlichkeit, zur Ucbcr-