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belohnt sehen, die sie für die unglücklichen, verfolgten
Brüder gebracht haben.
Paris, 8. 31111t. Leit dem 2. d. M. erscheint
hier ein Wochenblatt ״I/X 11 lj-dü׳miti<jmG mit dem
Motto: juif. voila 1'mim-mi!-- (50 wir demselben
aber kein langes Leben prognoslizirt.
Rußland.
Petersburg, 6 . Juni. Wir hassen und
bangen: jeder srenndliche Schimmer hebt und die Brust:
jedes verbürgte oder unverbürgte düstere Gerücht läßt
uns zittern. Die kürzlich berichteten Krawalle sollen
gcdämpst sein. Wahres und Unwahres läßt sich kaum
unterscheiden. Rußland ist groß, — wer vermag jede
Nachricht ans ihre Echtheit zu prüfen? Man erzählt
sich eine Aenßernng des früheren Polizeimeisters von
Petersburg, Trcpow, welche dahin gehen sott, daß es
gegen die Juden nicht so weit gekommen wäre, wenn
das Militär sofort ernstlich eingeschritten, ivaS zu
seinem Bedauern aber nicht geschehen. Aber diese
Nachricht stammt ans fremdem Munde; iver will
nntersuchcn, ob diese Anschauung wirklich sich jetzt
Bahn bricht? — Eine andere freundliche Kunde ist
allerdings auch nicht verbürgt. Fürst Demidow,
welcher in der Inden-Kommission sitzt, habe eine
Denkschrift ausgcarbeitet, in welcher er nachweist, daß
die Jndensrage nur darin ihre glückliche und friedliche
Lösung zum Heile des Reichs finden könnte, wenn den
Inden die Ansässigmachung überall gestattet würde.
Aber die Kommission soll, wie verlautet, noch gar nicht
arbeiten, sondern erst im September wieder einbcrnfen
werden.
A in e r i k a.
* Newyork, 2t). Mai. Eine russisch-jüdische
Ackerbau-Kolonie bcsiudet sich jetzt auch in Oregon.
Dieselbe heißt Neu-Odessa und liegt an der Kalifornia
und Oregon Eisenbahn in der Nähe von Leland im Eounty
Douglas. 'Wie die ״Volks-Ztg." in St. Paul mittheilt,
gedeiht die Kolonie, da ihre Mitglieder fleißig den
Acker bearbeiten und durch Lieferung von Brennholz
an die Eisenbabukompagnic eine lohnende Beschäftigung
finden.
Arvllektiv-Berichte aus Nrigarn.
xn.
In der pädagogischen -Hand- und Taschcnbibliothek
von Handel und Scholz (XIX) ist folgende zutreffende
Satire zu lesen: ״Der Schullehrer sott die Geduld
HiobS, die Lehrgabe des Sokrates, die Weisheit SalomonS
besitzen; er sott scharssinnig sein wie Newton, dichten
wie Goethe, den Himmel kennen wie Herrschet, die
Erde wie Humboldt; er soll mit Kästner rechnen, mit
Paganini geigen, mit Ponßin zeichnen; er soll auf dem
Klavier ein Thalberg, ans der Orgel ein Bach sein;
er sott singen wie die Sonntag ." Welche Skizze
könnte man erst entwerfen von den Anforderungen
und Wünschen, welche die winzigste ungarisch-jüdische
(Gemeinde an ihre Rabbiner stellt! — Wir wollen
dieselben in kurzen Umrissen notircn:
״ Gründliche talmndischc Gelehrsamkeit, התרות
von anerkannten rabbinischen Koryphäen, Ausweis des
akademischen Trieninms (wer auch ein Doktor-Hütchen
aufsitzen hat swenn'S auch nach Amerika riecht — thut
nichlSj er wird bevorzugt;) rhetorische Gewandtheit,
vollkommene Beherrschung der deutschen und nugarischen
Sprache, um in diesen beiden Sprachen gleich korrekte
und exzellente Kanzelreden abhalten zu können; er soll
ferner ein tüchtiger Pädagoge, routinirtcr Stylist :c. :c.
fein, und womöglich auch Aehnlichkeit mit Absalom
haben. ״
Doch dagegen läßt sich wohl nicht streiten, wie
sagt das vulgäre Sprichwort: ״ Ein עשיר dars
einen Gusto haben," und ein jüdischer Spruch lautet:
". אין ציבור עני " Aber einen nicht unwesentlichen
Faktor scheinen die ungarisch ׳ jüdischen Gemeinden bei
den kolossalen Ansprüchen und Forderungen, welche sic
j nrgiren, völlig außer Acht zu lassen, nämlich, daß ein
! Gusto auch bezahlt werden muß! — Es sieht mit der
! Honorirung der hierländischen Rabbiner nicht sehr
. rosenfarbig aus, zum Leben zu wenig und zum Sterben
: zu viel, und noleus volens müssen sich gar Manche
! strikte an den mageren Speisezettel der Mischnah halten:
• פת ביזלה תאבל ובו' !
| Gewiß, noch vor wenigen Dezennien wurden die
> Rabbiner der Großgemcinden nicht besser besoldet, als
! heute manche Rabbiner in Provinz-Gemeinden; aber
i früher hat man für wenig Geld viel bekommen, während
j man heute für viel Geld wenig bekommt; ferner die
! Ansprüche, welche Leben und Gesellschaft heute an den
! Rabbiner stellen, sind gegen früher unendlich gesteigerte,
und es hat der heutige Rabbiner unabweisbare Be-
; dürfuissc und Ausgaben, welche riesige Summen Geldes
; verschlingen, von den die früheren Rabbiner gar
! keine Ahnung hatten. —
I Doch auch dies wäre noch das Schlimmste nicht
לא על הלהב לבדו יהי׳ האדם und die Sorge um die
Deckung der Bedürfnisse in der Gegenwart, so drückend
sie auch sein mag, hält noch lange den Vergleich nicht
- aus mit der Sorge um die Zukunft der Familie.
! Für das Desinitivum und die Pensionirung der Volks-
l schullehrer hat die königlich ungarische Regierung bestens
j gesorgt, jedoch für die AlterS-Versorgnng der Rabbiner
! und für die Sicherstellung der Zukunft ihrer Familie
wird nichts gethan. —
I ES ist schon drückend und deprimirend genug,