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Ach, unsere kleine Zeit ist so klein geworden, daß sie
vielfach auch ״diesen großen und furchtbaren Tag" und
seinen gewaltigen, mächtigen Gottcsruf zu ihrer Niedrig-
keit herabzieht und ihn in ihrer kleinlichen schwäche
lediglich zu einem Tage der Rührung ^und der An-
dacht beim Jahreswechsel umgestaltet. L)a erhebt sich
hier ein Prediger und begrüßt seine nie so gedrängt
um ihn versammelte ״andächtige Gemeinde" voll
stolzer Freude, daß cs doch auch einen Tag im Jahre
giebt, au welchem er, der Geistliche, zur Geltung und
Wichtigkeit gelangt, und rühmt ihre Frömmigkeit und
ihre heilige Inbrunst, die trotz der weltlichen Freuden
und Ehren die hochangesehenen, in Prachtgewändern fest-
lich gekleideten Damen und Herren für einen langen
mehrstündigen Gottesdienst andächtig zu stimmen vcr-
mag. Dort aber versteht ein anderer geistlicher Hirte
seine gläubige Heerde so nlächtig zu rühren, daß in
Vieler Augen Thränen glänzen, Thronen der Wehmnth
und des schmerzlichen Gedankens, erpreßt von des be-
redten Predigers eindringlicher, zu Herzen gehender
Aufzählung aller schmerzlichen Ereignisse des verflossenen
Jahres im händlichen und weiteren Familienkreise. Und
ein Dritter spricht von dem NenjahrStage, dem Be-
ginne eines neuen Zeitabschnittes, der dunkel und ge-
heimnißvoll vor uns liegt, von welchem Niemand in
dieser Stunde zn sagen weiß, ob er Leben oder Tod,
Gesundheit oder Krankheit, Glück oder Elend in seinem
Schooße birgt. Und ein Vierter und Fünfter — doch
wozu aufzäh len alle die Momente, an welchen das
schwache, bangende Gemüth der Sterblichen zu packen ist?
lind doch erschöpft sich in diesen rührungsvollen
Rückblicken und ahnungsreichen Ausblicken dcS uns be-
trofscncn oder uns treffenden Geschickes der jüdische
Rosch.Haschauah mit seinem Teruahruf mit nichten.
Denn nicht zunächst an das Gemüth wendet sich
Gott mit seinem Gesetze und nicht für die Erweckung
ahnungsvoller Empfindungen und andächtiger, rührender
Stimmungen hat Er die großen Institutionen cinge-
setzt und uns auf deren Wahrung verpflichtet, sondern
an den Hellen, wachen Verstand ergeht in erster Linie
das göttliche Gebot, und zur bcwußtvollen, gottgefälligen
That sollen wir uns durch die symbolischen gottesdicnst-
lichen Handlungen angeregt und begeistert fühlen. Und
nicht sowohl unser Geschick, welches wir in Gottes
Hand wissen, als unsere Psticht, als die durch uns zn
vollziehende Umwandlung und Umgestaltung nuferes
Lebens, das sich, außerhalb der Tempelrünme, im Hanse,
in der Ehe, in der Küche, in der Werkstatt, an der
Börse — kurz, in dein geschäftigen, rüstigen Treiben
auf offenem Markte, inr Genießen und Streben, mani-
fcslirt, — ist der Inhalt des Rosch-Haschanah-Tages
und des SchofartonS.
Und davon wissen unsere ״Nenjahrspredigten"
nur wenig zu erzählen, und davon dämmert in nicht
allzu weiten Kreisen eine Ahnung auf. .
Rosch-Haschanah ist der ״ יום הדין der Tag des
Gerichts", der Prüfung des Thateu- und Gedanken-
lebens, ist der ראשון לעשרת ימי השונה , leitet die
zehn Teschnwah-Tage ein, an deren Ende uns נפדה
ומהרה erwarten. Wenn dieser Tag von uns in seiner
vollen Bedeutung erfaßt worden ist, wenn der Schofar-
hall nicht nur an unserem Ohre vorübergerauscht, sondern
unser innerstes Wesen ergriffen hat, dann wird er uns
zur ernstesten, schwersten Arbeit aufgerufen haben, zur
Selbsterkenntuiß und strengen Selbstprüfung. Und wir
werden unserer Schwäche und Kleinheit inne geworden
sein, wir werden cs entpfinden, wie unzulänglich unser
Wirken geblieben, gegenüber der hohen Aufgabe, die
wir zu lösen, ohne Gehalt und Dauer, blüthenlos und
unfruchtbar, gleich dem dahinwelkendcu Gras, dem vor-
überglcitenden Schatten, dein sich auflösenden Gewölk,
dem verrauschenden Luftzug, dem aufwirbelnden Staub-
körnchen, dem nebelhaften Tranmgebild, so daß, wenn
der allerhöchste Weltenrichter nur das strenge Recht
walten lassen möchte מי יצדק לפניו נדין kein Sterb-
licher vor Ihm bestehen könnte.
Denn mit jeder nicht nach Gottes Willen ver-
wendeten Kraft und Anlage, in jeder nicht nach Gottes
Willen verlebten Minute hätten wir unser hieniediges
Dasein verwirkt und es winkte uns keine HcileSzukunst
im Jenseits, wenn nicht der gerechte Richter zugleich
der barmherzige, liebcrciche Vater der Menschheit wäre,
der nicht Ersterben, sondern Leben will und dem zu
Ihm znrückkehreuden reuigen Kinder gern die Vater-
arme öffnete, mit an ihnen das erhabenste Werk Seiner
gnadenvollen Allmacht: die wieder geschenkte Reinheit,
die auf's Neue verliehene Fähigkeit, in einem neuen,
nach Seinem Gebote zu vollziehenden Leben, der Ver-
gangenheit Sühne zu erwirken, zu üben.
Dieses Gnadengeschenk der Verjüngung unseres
ganzen Wesens durch den Gottesschutz der נפרה zur
Reinheit, zur sittlichen Freiheit, trotz unserer verfehlten
Vergangenheit, wird uns aber nur dann zu Theil,
'wenn wir in Wahrheit und Aufrichtigkeit zu Ihm zu-
rückkehren, wenn wir wahrhaft השונה vollziehen, wenn
wir eS über uns vermögen, unsere Fehler einzusehen
und die von uns geübten Abweichungen von dem Ge-
setze Gottes in allen ihren Einzelheiten zu erkennen,
um eine durchgreifende Umwandclung unseres Strebens
und Handelns selbst mit Kraft, Entschiedenheit und
Ausdauer an uns zu bewirken. ״ Welches ist eine wahr-
hafte Tcschnwah? So Jemand trotz der Gelegenheit
und Möglichkeit zur Wiederholung einer bereits früher
begangenen Sünde, solche nicht begeht und zwar wegen
seiner Teschuwah, nicht aus Furcht oder Unvermögen;
— worin besteht die Teschuwah? daß der Sünder