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seinen Fehler ablegt, ihn aus seinen Gedanken bannt
und den festen Entschluß faßt, nicht wieder in denselben
zu verfallen, — wer aber nur mit Worleu seine Sünden
sich bekennt, ohne den festen Entschluß zu fassen, sie
nicht wieder zu begehen, der gleicht Demjenigen, welcher
ein ReinigungSbad nimmt, aber den seine Unreinheit
veranlassenden Gegenstand in der Hand behält." (Mai-
monideS Hilchoth Tcschuwah.)
״ .שונה ישראל עד ד׳ אלדיך Kehre zurück zu
Gott, deinem Gotte!" ruft darum das Propheten-
wort, welches in der Teschuwah-Woche uns die Weis-
heit unserer großen Lehrer vor die Seele führt. Zu
Gott, der in barmherziger, unerschöpflicher Liebe und
Güte seine Menschcuwelt erziehend, über uns waltet
und keines Wesens Untergang will, trotz aller Fehler
und Jrrthümer, denen er verfallen, zu Ihm, der uns
seinen Willen gcosfenbart und Jeglichen schaut und
kennt. Zu Ihm, dem Allbarmherzigen, Allgütigcn, Allgc-
rechten zurückkehren, heißt aber nichts anderes, als Seinen
Gesetzen gehorchen, Seine Gebote vollführcn.
So wollen wir denn durch den Schofarruf uns
zu solcher Tcschuwah geweckt sehen und in Wahrheit
und Aufrichtigkeit zu Ihm zurückkehren, wollen aus
unserer Mitte bannen jede טמאה , jede unserer heiligen
Bestinttnung unwürdige Regung unseres Herzens, jeden
Eigendünkel und Stolz, jeden Leichtsinn und Haß, jede
Habgier-uud unlautere Gesinnung, jeden Klcinmnth
und nieder« Gedanken, wollen uns zu der Höhe des
gottdienenden Bewußtseins emporschmingen, in welchem
wir kein anderes Streben kennen, als Gott zu ge-
horchen in unserem ganzen schassenden und genießenden
Leben; — wollen uns entschließen, jeden Fehler und
jede Schwäche zu meiden und Seiner Gebote einge-
denk zu sein im Handel und Wandel, daß kein unheiliger
Erwerb unsere Hand schände, daß kein am Sabbath
geübtes Werk unsere Thätigkeit zu einer Gott miß-
fälligen entweihe, — wollen Seinem Gesetze uns unter-
Wersen in Speise und Trank, in unserer Ehe und
Kindererziehung, im Verkehre mit unseren Mitmenschen,
in dem 9cbm unserer Gemeinde, in unserem Verhalten
gegen die Gesellschaft und den Staat — auf daß wir
in allen unseren Beziehungen rein und makellos vor
Ihm dastehen und Er in Seiner Gnade und Vater-
Huld uns Verzeihung gewähre für die Vergangenheit
und uns von Neuem die verlorene Reinheit verleihe,
die Empfänglichkeit für alles Wahre und Gute, die
Kraft zur Sittlichkeit, die Fähigkeit zu einem reinen
Gott wohlgefälligen Wandel.
Wenn wir also die Tcschuwah - Tage zur voll-
ständigen Rückkehr zu Ihm benutzt, dann wird der
zehnte Tischri zu einem יום הכפורים für uns in Wahr-
heit werden, zu einem ״ Tage der Sühnungen" für
alle unsere Fehler und Versündigungen כי ביום הזה
יכפר עליכם לטהר אתכם מכל הטאתיבם לפני ד׳ תטהרו
״ Denn an diesem Tage soll er Sühne über euch bringen,
euch zu reinigen, — von allen euren Verirrungen, sollt
vor Gott ihr rein werden."
S ־ al01!1onif(ijc Zimchllkisheit.
Von Samson Naphacl Hirsch.
VIII. Weise »md Thoren.
(Fortsetzung.)
Wenn aber der zum eigenen Urtheil Befähigte
die rechte Weisheit besitzt, so wird er dem eigenen Urtheil
nicht zu viel und nicht zu rasch Zutrauen. Er wird
immer fürchten, in Erkenntniß des Rechlcn und in der
Wahl des Nichtigen sich irren zu können, während
dünkelhafter Thor sich überschreitet, die Grenze nicht
kennt oder nicht beachtet, die seiner Einsicht gezogen
ist, immer von Zuversicht und an die Möglichkeit des
Irrens nicht denkt.
Aber auch dies ist nach beiden Seiten hin zu be-
schränken. Der קצר אפים (— eigentlich: kurz, rasch,
im Streben, Verlangen ist, siehe Pcnt. 2. B. M. 6 , 9.,
nicht lange überlegt, daher auch der Ungeduldige —),
wer zu wenig überlegt, kommt dazu Unverständiges
zu üben, und איש סזטות , und ei: ׳ . Mensch, der gar
nicht mit Ueberlcgungcn fertig wird, vor lauter lieber-
legung sich zu Nichts entschließen kann, der kommt
nicht nur für sich zu Nichts, der ist auch für Andere
untauglich. Man meidet bei jedem Unternehmen die
Gemeinschaft mit ihm, weil er mit seiner zu großen
Bedenklichkeit nur hinderlich ist.
Die Summe des Ganzen lautet: פתאים ohne
Erfahrung und ohne Belehrung bleibt Unverstand der
Menschen ewiges Erbtheil, kommen sie aus der Thor-
heit nicht heraus. Die aber mit Geistesklarheit. דעת ,
die rechte Erkenntniß und Kenntniß verbinden, die haben
einen solchen Erfolg, daß durch sie דעת zur krönenden
Anerkennung gelangt, die Menschen der rechten Geistes-
erkenntniß unter allen Errungenschaften die Krone reichen.
־#-
Der Inbegriff aller Weisheit hat ihr HauS gebaut,
Hat ihre sieben Säulen ausgcarbeitet,
Hat ihr Mahl bereitet, ihren Wein gemischt,
Auch ihren Tisch geordnet,
Hat ihre Dienerinnen ausgcsandt, durch die sie ruft.
Auf die Gipfel der Anhöhen der Stadt:
Wer unbclehrt ist, komme hierher,
Wem das rechte Herz fehlt, dem redet sie zu,
Kommt, esset mein Brod,
Und trinket den Wein, den ich gemischt habe.
Verlasset Unwissende, damit ihr Leben gewinnet.
Und schreitet zum Heile auf dem Wege der
Einsicht. (9,1—6.)