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gegen erhoben wurden, da lieber jede Gemeinde ihren ,
eigenen alten Minhag bcibehaltcn wollte. Die Proteste !
besagten noch, daß beide Gemeinden dem altherge- !
brachten Indenthnm treu anhängcn wollen, daß sie ׳ !
trotz ihrer synagogalcn Trennung in Bruderliebe und ;
Eintracht ferner neben einander bestehen wollten. j
A merika. j
Hl Philadelphia, im Dezember. Einige Mit- ;
Heilungen ans dem inneren Leben der russisch-jüdischen !
Vcvökcrnng dürfte für Ihre vcscr einiges Interesse >
haben: Die hier unter dem Namen ! בני אברהם אנשי
רוס״א bestehende Bereinigung hat nach den Feiertagen !
eine Talmud-Thora-Schule ins Leben gerufen, in !
welcher jetzt 40 Kinder non 2 Lehrern in den Neli- j
gionSgcgcnständcn unterrichtet werden. ES liegt der
russischen Kolonie sehr am Herzen, sich und ihre Kinder !
in der Gesctzcstrene zu befestigen und zu crhallen, und !
soll diese Schule hierzu beitragen. — In SLouis !
ist seit 57urzem eine polnische Gemeinde gegründet j
worden, welche etwa 60 Mitglieder zählt und täglich '
Gottesdienst abhält, außerdem aber für Schcchita und
Mikwe sorgt und eine NetigionSschnlc besitzt.
Algerien.
* Verschiedene Umstände tragen dazu bei, die
BcvölkernngSverhältnissc in diesem Lande ungünstig zu
gestalten. In Folge der Sorgfalt der Regierung
haben sich dieselben in den letzten Jahren gebessert.
Die tncisle Aussicht hierfür gewährt die jüdische Be-
völkcrung, bei welcher sich daS Verhältniß der Geburten
zu den Todesfällen wie 55 zu 24 stellt. So berichtet
daS ״ Ausland" nach dem kürzlich erschienenen anS-
sührlichen Merke Gassarel's über Algerien. Mir fügen
denl noch hinzu, daß die Inden überhaupt anerkannter-
maßen sehr bedeutend zur Hebung der Wohlfahrt dieses
Landes beitragen. Sie schmiegen sich leichter der
abendländischen Sitte an und stelltn nicht nur jür den
Handel, sondern auch für den Bcantten- und Hand-
werkcrstand daS beste Kontingent.
Der Freitag Abend. Unterhaltungen im hänS-
tichcn Kreise über die Wochenabschnittc der fünf
Bücher Mosw. Ein Buch für die jüdische Familie
von Di ׳ . S. Daukowitz, 'Rabbiner. I. Ein-
lehmig und Genesis. (Berlin l 683. 2 H 0 2 ׳ .)
Ein Familienbuch, daS Diejenigen, denen die Quellen-
schriften des Iudenthnms unzugänglich sind, in einer
ihnen leicht verständlichen Sprache mit dem Inhalte
der OfscnbaruugSurkundcn in der Weise vertraut macht,
in der dies in früheren Zeiten durch die insbesondere
für jüdische Frauen geschriebenen ErbaunngSbücher ge-
schchen, ist als eine den Bedürfnissen der Gegenwart
entsprechende Arbeit zu betrachten, weshalb dem Herrn
Vcrsasser für sein Streben, durch seine an den Schrift-
tept möglichst treu sich haltenden Gespräche zur Förde-
rung der Kcnntniß und des Verständnisses der heiligen
Schrift beizntragcn, Anerkennung gebührt. Recht zweck-
mäßig erscheint cS uns auch, daß der Vcrsasser seinen
Darstellungen die von MaimonideS anfgestclltcn Glaubens-
artikel vorausschickte. Zn unserem Bedauern aber be-
findet sich bei Besprechung des achten Glaubensartikels
S. 13 u. 14 solgender Satz: ״ Da die überlieferten
Gesetze ohne Unterbrechung von MoseS ab bis auf unS
sich fortgepflanzt hatten und unter der Eingebung des
(dem Menschen innewohnenden) göttlichen Geistes ent-
standen sind, so gebührt ihnen die gleiche Achtung wie
dem geschriebenen Gesetze."
In diesem Satze ist die Göttlichkeit der sinaitischcn
GcsetzeStradition in Abrede gestellt; denn wären die
überlieferten Gesetze ״ unter der Eingebung deS dem
Menschen innewohnenden göttlichen Geistes" ent-
standen, so wäre sie nicht göttlichen Ursprungs, wären
sie nicht GotteS Anssprüche, wären sie eben Produkte
deS n-enschlichen Geistes, den man nur darum göttlich
nennen kann, weil er von Gott verliehen ist. Wären
aber die durch die mündliche Lehre überlieferten Gesetze
nur in diesem Sinne als göttlich zu betrachten, jo
wären sic nicht GotteS Offenbarung, wären alle in
dem mündlich überlieferten Thcilc der Thora enthaltenen
Bestimmungen nicht GotteS Gesetze, nicht דאוריתא ,
sondern würden alle nur durch die der Mündlichkeit
übergebene Offenbarung ausgesprochene GesctzeSbc-
stimmnngen in die Kategorie der von den Trägern
der Ueberlicsernng anSgegangeuen VorbengnngSgesetze
und Anordnungen fallen.
Wir sind weit entfernt, dem Herrn Verfasser eine
derartige die Authentizität des GotteSgesetzeS ncgirende
Behauptung zu impntircn, da er S. 12 sagt, daß die
Interpretationen, die das mündliche Gesetz auSmachen,
MoseS von Gott erhalten. Da nun auch diejenigen
von Gott überlieferten Gesetzes best immun gen, die
im Wortlaute der schriftlichen Thora nicht angedeutet
sind, ( הלבות למשה יזסיגי ) als Interpretationen des
Gesetzes bezeichnet werden können, kann angenommen
werden, daß der Verfasser an dieser Stelle (S. 12) der
Anerkennung der Göttlichkeit der mündlichen Lehre Aus-
druck geben wollte. Wir sind aber nicht im Stande,
hiemit die oben erwähnte Stelle, in der die überlieferten
Gesetze als ״ unter Eingebung deS dem Menschen inne-
wohnenden göttlichen Geistes entstanden" bezeichnet
werden, in Einklang zu bringen, und würden unS
freuen, wenn der Verfasser sich veranlaßt sehen würde,
diesen Widerspruch auszugleichen.