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Arabien eines Mai thrinms iiberftanben, bnS seines j
gleichen nicht in der lhränciireichen Geschichte der Volker s
auf וחןד 1 טו 11 ן hat. Wir haben leiden und dulden gelernt ,
mit keine andere Familie der Menschheit. Wir haben ge- ,
lernt, mitte» im Kammer und Elend, unter der nieder-
schmetternden Wucht seindticher Gewalten den Weg zu
dem Mächtigsten ;11 finden, welcher das Mcnschenaeschick
lenkt, und in der beseligenden Nähe Gottes haben wir
die.'traft ,111 ־ Aasdaucr und ;um Widerstand und den
frischen Gcistcsmnth gewonnen, uns unserer heiligen
Bestimm 1mg zu erhalten.
Wüst entrang sich Israels Brust der bange Aus-
schrei ' עד־ אנרז ד־ ..Bis wohin, 0 Gott? תת״כהני נצה ,
— wirst Ln ewig mein vergessen? עד אנה תכ-תיד
״ את פניך דרני bis wohin Dein Angesicht mir ver-
bergen? Bis wohin soll ich Rath in mir selbst suchen
müssen, und nur Kummer Tags in meinem Herzen
sinden? Bis wohin soll mein Feind sich so hoch dünken
über mir? Schaue nur und erhöre mich damit, Gott
mein Go!l! Erleuchte meine Augen, daß ich nicht in
Todesschlaf falle, — daß mein Feind nicht sage, ich
l.-abe es doch an ihm fertig gebracht: — meine Dränger
jauchzen schon, wenn ick nur schwanke. Und ich habe
doch in Deine Xüicbc vertraut, daß mein Herz durch
Deine Hülfe ,11111 Anfjauchzcn komme: ich mochte Gvtt
noch singen, wie Er alles über mich Gekommene zur
Reife hat gebracht." (Psalm 13 .)
Der Mund, der diese Klage, diesen Seufzer, diese
Erhebung, diesen Trost, diese Hoffnung. diese Zuvor-
sicht, diesen Jauchzer aus der israelitischen Volksseele
gesprochen, ist längst verstummt, aber seine Lame leben
unsterblich mit dem unsterblichen Volke des unsterblichen
Gottes. Sie haben es begleitet durch die verschlungenen
Pfade seines schiveren Ganges, sie haben es den Auf-
schwang zu Gott finden lassen, haben ihm Trost ge-
bracht durch den Balsam der Hoffnung, und in dem
zuversichtlichen Vertrauen auf Gottes Heil haben sic
es den Jubel gelehrt ob des endlichen Erreichens der
ihm gewordenen Mission.
Israel hat warten gelernt. Es harret geduldig der
Zeit, ivo der volle Inbeltou seiner Freude die Welt
durchhallen wird, der Freude der durch Gott zur Reife
gebrachten Vollendung seines leidensvollen Geschickes.
Es weiß, daß dasselbe nur die Vorbereitung für das
Gottcshcil ist, welches durch Israel der gesammten
Menschheit gebracht wird; es weiß, daß trotz der Ob-
macht seiner Feinde, des Triumphgeschreis seiner Dränger,
trotz der eigenen Ohnmacht und — ohne Gottes Bei-
stand — rathloscn und verzweiflungsvollen Lage, —
dennoch die Zukunft sein ist, so cs sich vor Gottes
Antlitz weiß, Seiner Liebe vertraut und Ihm seinen
Kummer und seinen Jubel weiht.
Wenn es darum in der That bestimmt sein sollte,
daß sich die Hoffnungen unserer heutigen Feinde in
dem Wiederaufleben mittelalterlichen Elends verwirklichen
würden, so vermöchte uns diese furchtbare Aussicht in
unserer Zuversicht nicht zu erschüttern. Wir flüchteten
uns mit unserem Elend zu Gott und wüßten uns ge-
borgen in seinem Schutze. Von der antisemitischen
Strömung in der christlichen Welt fürchten wir des-
halb nichts für unseren Bestand.
Man konnte einwcnden. daß wir keine Ursache zu
einer Befürchtung hätten, wenn in der That der heutige
Antisemitismus nichts anderes ats der brutale, finstere,
mittelalterliche Judenhaß sein würde. Gegen die rohe
Faust der (Gewalt bäumte sich auch des Zaghaftesten
und Schwächsten schlummernder Muth endlich auf;
auch das sanfteste Thier ließe sich in der Stunde ernst-
licher Gefahr zum Widerstand reizen. Die Führer der
anrisemitischeu Bewegung aber planten gar nicht einen
blutigen Vertitgnngskamps, sic ivärcn viel zu sehr von
dem Geiste der Liebe und Gerechtigkeit erfüllt, als daß
solche Mordgedanken in ihrem Busen jemals aufsleige»
tonnten. Sie würden niemals den durch Gesetz und
Recht vorgezeichneten Weg verlassen, sic strebten in voll-
ständig friedlicher und legaler Weise eine gesetzliche
Regelung der Stellung der Juden im Staat und in
der Gesellschaft an und wendeten jich gegen die Inden
allerdings auch außerdem mit den Waffen des Spottes
und — leugnen könnte man dieses freilich nicht, so
man der Wahrheit die Ehre geben wollte, — haßte
allerdings in einem gewissen Sinne den Juden und
das Indenthum, d. h. nur insoweit dieser Haß ans die
gewiß nicht unberechtigte Abneigung gegen das Jüdische
im Inden und aus den Ausschluß der Juden aus den
Ehren-, Vertrauens׳׳ und Autoritätsstcllnngcn in dem
bürgerlichen und politischen Leben und anS dem intimeren
sozialen Verkehr sich bezöge. Man wollte die christliche
Welt mit einem unsichtbaren Walte gegen das Inden-
thmn umgeben, so daß sich der Jude ans sich selbst
zurückzoge. Er möchte dort friedlich seinen Hauthierungen
und Geschäften nachgehen und sich des Schutzes christ-
licher Obrigkeit und des christlichen Bewußtseins der
Bürger erfreuen, weiche auch in dem Inden das Ge-
schöpf Gottes nicht verkennen ließe, dem man kein Leid
zu fügen dürfte.
Und gerade dieser Spott und Haß in der milderen,
. geläuterten Form des heutigen Antisemitismus 'müßte
den Bestand des Indenthums gefährden, weil der
Mensch sich dem rohen Angriff gegenüber allerdings
stark fühlen könne, aber der sozialen Achtung erliegen
müsse und zwar um so mehr, je ebenbürtiger er sich
! dünke. Der ungebildete Jude des Mittelalters habe
j auch den Fußtritt und Speichelwurf der Ritter und
- Bauern ertragen, der gebildete heutige Jude müsse