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bei* nicht vorhandenen Viehseuche sollten die Inden }
auflgeräuetKrt werden! Natürlich unter Hohngclächtcr !
des Pöbels. *Nach Jom Kippur fand eine große Unter- ;
snchnng der Juden Häuser statt; man hing die Fenster !
und Thürcn aus und rcquirirtc jetzt 84- Juden zum :
Graden Alle Waa reu vor rät he der Juden wurden vcr- ^
siegelt, nichts durfte verlaust werden. Am Snckoth war ;
kein l^ottcsdienst, die Juden waren sämmtlich beim !
Graden. So dauerten diese Quälereien fort, bis endlich !
höheren Orts bekannt wurde, daß erstens keine Bich- ;
seuchc in dem Städtchen grassirtc und zweitens die eine :
der zwei gefallenen Kühe einem christlichen Einwohner |
gehört habe. — ־ — Ein Jude hatte das Verbrechen !
begmigcn, Jcinandem Waarc anzubicten, die vor Erlaß j
des vausirgcsctzcs erworben war. Er wurde dabei bc^ !
troffen und zu 100 Frcs. Buße oder 20 Tage Ge- |
fängniß vernrtheilt. Der Acrinstc, welcher über keine
20 Kranken verfügt, wurde durch die Aussicht auf die
Gefangenschaft mit dem elendesten Gesindel zur Bcr-
zwcislnng brachte, wagte nicht mehr, in seiner Be-
Hausung zu übernachten, aus Furcht, dort arrctirt und
ins Gcsänguniß geschleppt zu werden -- kürzlich fand
man ihn entseelt auf der Straße liegen.-—
WlMsmus und Iudenthum.
Bon Friedrich Roll.
0 .')U’lillC l'Dll'l’lullU'll.
i Fortsetzung?!
Am jüngsten Weihnachtsabend sind es zwei
Jahre geworden, seit wir einander kennen gelernt, mein
!()eurer Al so ns und ich. Und seit wir einander zuerst
gesehen, lieben wir uns auch, unsere Herzen sind
einander, ich möchte fast sagen, zngeflogcn, als wären
sic von Anbeginn für einander beftimmt. Seit jenem
Weihnachtsabend, der unsere Liebe geweiht, trafen wir
einander fast täglich, ans jedem Ball, in jeder Gesell-
schaft war Alfons an meiner Seite, und als der
Fasching zn Ende, und Bälle und Gesellschaften seltellcr
wurden, kaut er tagtäglich in unser Haus. — Schon
in den ersten Wochen hatte er mir jetue Liebe gcstan-
den und um Gegenliebe gefleht; wir tauschten Schwüre
aus, und AlfonS hielt bei Papa um meine Hand an.
Papa war auch gar nicht ungehalten darüber, sagte
zwar, er könne noch keine bindende Zusage geben, weil
ich noch gar zn jung, ich war damals erst siebzehn
Jahre alt, und überdies, bevor meine ältere Schwester
Natalie nicht verhcirathct wäre, dürste ich mich nicht
verloben. Aber Papa und Mama wußten recht gut, daß
wir einander Treue geschworen, und hatten gar nichts
dagegen, daß Alfons tagtäglich unser Hans besuchte,
und als er vor ungefähr vier Monaten eines Erb-
schastsprozesscs halber nach New Jork reisen mußte,
ward cS als selbstverständlich betrachtet, daß ich tag-
täglich Briese von ihm empfing und ihm tagtäglich
schrieb. Sagen Sic selbst, liebe Frau Lewinski, war
ich da nicht vollauf berechtigt, in die Zustimmung
meiner Eltern keinen Zweifel zu setzen?"
״Dem kann ich allerdings nicht widersprechen.
Aber ich begreife um so weniger —"
.,Weshalb ich nun auf einmal mit Alfons brechen
soll? — Ja, das ist auch kaum zn begreifen, denn
wie Eltern ein Kind auf Kosten des andern, opfern
können. — Aber ich muß Ihnen das ausführlich er-
zählen: Bor drei Monaten hat sich meine Schwester
Natalie mit dem Baron Wilkcnfcls verhcirathct. Es
war dieses durchaus keine Neigungsparthic, am Vcr-
lobungstage haben sic sich zum ersten Mal gesehen,,
und vierzehn Tage darauf war Hochzeit. Die Sache
verhält sich nämlich so. Der Baron ist ein sehr
nobler Kavalier, vom äUestcn Adel, einer seiner Ahnen
soll schon unter Attila gekämpft haben, aber er war
total verarmt, hatte nichts als Schulden. Nun, Papa
braucht Gottlob nicht ans Geld za sehen, er fühlt sich
sehr geschmeichelt, einen Schwiegersohn von altem Adel
und eine Baronin als Tochter zn haben, und darum
hat er die schönen aber verschuldeten Güter des BaronS
mit seinem noch schöneren Gelde cingclöst. Mein
Schwager müßte sich ihm in Wirklichkeit von ganzem
Herzen׳ verpflichtet fühlen; statt dessen will er die ganze
Familie dominircn. — Ich weiß selbst nicht, wie cs
gekommen ist, ob cs ihm absichtlich verschwiegen worden
oder nur zufällig, weil Alfons verreist war, nicht
erwähnt worden ist, daß wir mit einander versprochen
sind. Er muß cs erber erst jetzt erfahren haben, denn
erst gestern Abend erhielt Papa einen geradezu wüthcn-
den Brief von ihm. Nie und nimmer würde er sich
einen jüdischen Advokaten als Schwager gefallen lassen,
und wenn man ihm einen solchen aufoktroircn würde,
so würde er ihn niedcrschießcn wie einen rendigcn
Hund. Papa und Mama waren zuerst auch arrßcr
sich über diese Arroganz. Papa bezahlt seine Schulden,
er lebt von seinem Geld und znm Dank will er ihm
Vorschriften machen. — Aber heute Morgen, weiß der
Himmel, woher dieser plötzliche Umschwung, höre ich
wie Papa zn nnsercrn Jean sagt: .Wenn Herr Dr.
Lilicnthal kommt, so sind wir nicht zn Hanse, das
Fräulein auch nicht? -- Ich stürze in Papa's Zimmer,
um ihn zur Rede zu stellen, aber er koinmt mir
zuvor, nimmt niich bei der Hand und hält mir da
eine lange Nedc von der Ehre, die unserer Familie
durch die Verbindung mit der altbcrühmtcn Familie
.Wilkenscls widerfahren ist und von der Wahrheit 1)eö
Sprichwortes noblesse oblige, daß wir uns der Ehre,
mit den Wilkcnfcls verschwägert zu sein, würdig zeigen