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müssen, unsere Familie rein halten müffcti von jedweder
Verbindung mit niedriger Stehenden, daß —"
״Ihre Schwester ist getauft'? —" fragte Frau
Lewinski.
״Ach, du lieber Gott ja, — freilich ist sie ge-
taust", seufzte Irene, ״ist das nicht entsetzlich'? um
der Ehre willen, der hochadeligcu Familie anzugehören,
seinen Glauben opfern, seine Religion verschachern'? —
Ach, wenn unsere liebe gute Großmama noch leben
würde, dann wäre' ich nicht so namenlos unglücklich,
dann wäre alles anders, ^)tataUc hätte keinen Christen
heirathcn dürfen, und Alles wäre gut. — Ach, die
war ja so fromm! so fromm! denken Sic sich, am
Sabbath hat sie keinen Bries selbst ausgemacht, hat
kein Geld augerührt, nicht einmal, um einem Armen
Almosen zu geben, und war doch die personisizirte
Wohlthatigkeit. Ich erinnere mich noch, als Kind da
durften wir auch am Sabbath nicht fahren, nicht
schreiben, leine Blumen pflücken und noch vieles Andere
nicht Papa hat streng darauf gesehen, wahrscheinlich,
weil er gewußt hat, wie die Großmaina darüber denkt.
Nach und nach ist das freilich anders geworden, ab»r
unsere gute fromme Großmama hat davon nichts er-
fahren' dürfen, obgleich sie bei uns im Hause gewohnt
hat. Aber sie war schon alt und schwach und ist gar
nicht mehr anS ihren Zimmern heraus gekommen.
Und an Ostern, da hätten Sic sehen sollen, wie es
bei ihr auSgcschcn hat! Da sind alle Schränke und
alle Wörter mit weißem, ausgezacktem Paar beschlagen
worden und während der ganzen acht Tage ist kein
Stückchen Brod in ihre Zimmer gekommen, auch nicht
das kleinste Krümchen. Und einmal, ich erinnere mich
noch als ob es heute geschehen wäre, es war Ostern,
iinb unser Arthur, er wird damals ungefähr zehn Jahre
alt gewesen sein, kommt aus der Schule, denkt an
nichts und will mit seinem Bntterbrod in der Hand
hinauf zur Großmama gehen. Unglücklicherweise —
oder sollte ich vielleicht lieber sagen glücklicherweise,
kommt ihm Papa entgegen und fragt ihn, wohin er
will. Und wie er sagt, zur Großmama und Papa das
Butterbrod sicht, gerüth er dermaßen in Wuth, daß
er ihm eine furchtbare Ohrfeige versetzt. Der arme
Junge wäre beinahe die Stiegen hinuntergcfallen und
hat geweint und ans der Nase geblutet — es war
wirklich arg. — Aber darin hat Papa recht gehabt,
wenn Großmama das Kind mit dem Butterbrod ge-
sehen hätte, das wäre noch weitaus ärger gewesen. —
Ach, wenn die liebe, gute Großmama noch leben
würde, dann wäre alles anders, denn das hätte man
ihr nicht verschweigen können, daß Natalie sich hat
taufen lassen und einen Christen geheirathet hat. —
Und ich soll dafür geopfert werden! Denken Sie sich
diese entsetzliche Ungerechtigkeit! — Aber ich werde eS
mir nicht gefallen lassen! nein! nein! und abermals
nein, so wahr ein Gott im Himmel lebt, der die
Kinder den Eltern nicht überliefert hat, auf daß diese
das Herz ihnen brechen —"
Hochanfgerichtct stand sie da, die lang herab-
wallenden blonden Locken schimmerten im Sonnenglanz
wie das reinste Gold, die großen, dnnkelen Augen
schleuderten Blitze — eine vollendet schöne Mädchen-
gestalt. Doch die Ausdrucksweise, das ganze Gebahrcn
des jungen Mädchens hatte etwas Theatralisches. Frau
Lcwinöki wandte sich ab, das Lächeln zu verbergen,
das vollständig zu unterdrücken sic nicht vermochte.
Da suhlte sie sich plötzlich von weichen Armen um-
schlungen.
״Liebste, beste Frau LewiuSki, Sie sind so gut,
so unendlich gut, ich bin überzeugt, Sic werden die
Bitte einer Unglücklichen, einer Verzweifelnden nicht
abschlagen."
״Wenn cs in meiner Macht steht, sie zu erfüllen,
gewiß nicht, liebes Fräulein."
״Ich wußte cs ja, Sic sind ein Engel, sind der
Schntzgcist unserer Liebe. Nicht wahr, beste Frau
LewinSki, ich darf unserem Jean sagen, wenn AlfonS
kommt, daß er ihn hier herein führt und mich be-
nachrichtigl'?"
״Und in meiner Wohnung wollten Sic gegen den
Willen Ihrer Eltern Herrn Di׳. Lilienthal empfangen?
bestes Fräulein, Sie fordern mehr als ich gestatten darf."
״Versteh' ich Sie recht?" rief das Fräulein im
Tone schmerzlichsten Erstaunens. ״Sie schlagen meine
Bitte ab?"
״Ich darf nicht die Hand dazu bieten, daß eine
junge Dame gegen den Willen ihrer Ellern —"
״Aber Alfons ist mein Verlobter, ist mein
Bräutigam —"
״Nach Ihrer Schilderung haben Sie allerdings
Ursache sich zu beklagen, das sehe ich ein, und darum
hoffe ich auch, daß es gelingen wird, Ihre Eltern zu
bestimmen, das Sic so schmerzlich treffende Verbot
zurück zu nehmen. Wenn es Ihnen recht ist, versuche
ich cs — ich müßte sclbstverstänglich Ihrer Frau Mama
sagen, was Sie mir mitgethcilt haben."
״Dank, tausend Dank, beste Frau Lewinski, Sie
sind ebenso weise als gütig. Mama gicbt auch so viel
auf Ihren Nath. Wenn cs irgend Jemandem gelingen
könnte, meine Eltern zur Raison zu bringen, so sind
Sie cS — aber schwer wird es halten, wir dürfen
uns keine Illusionen machen —"
(Fortsetzung folgt.)