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Einzelpreis LL fl.SSO
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Vostspartestenionio KAM
Nr. 640 Wien, Freitag, den 5. November 1920 2. Jahrgang
Gemischte Wirtschaft.
r —y. W le n, 5. November.
Oesterreich soll eine neue Negierung bekommen. In
den Verhandlungen, die seit dem Wahltage zwischen den
führenden Politikern im Gang waren, hatten sich die
großen Schwierigkeiten klar herausgestellt, die durch den
Abgang der Sozialdemokraten von der Negierung ent-
standen waren. Die Christlichsozialen konnten . ihres
Sieges nicht froh werden, da sie in der kritisch gewor¬
denen Ernäbnmassituation und der neuen Teuerunas-
welle eine böse Erbschaft trafen. Das Ausland begrüßte
Len Wahlairsfall mit einer neuerlichen Senkung der
Krone und bewies damit, daß man draußen die Vor¬
gänge in Oesterreich doch nicht mit den Augen der
Wiener Rechtsparteien ansiebt. Man zieht dort ins
Kalkül, daß die Sozialdemokraten die zweitstärfsie Partei
bleiben und daß ihnen die Herrschaft über Wien nicht
entrissen werden konnte. Die Haltung der bürgerlichen
Parteien in der Frage der Getreidebewirtschaftung wird
gleichfalls vom Ausland, das ja auch Zeitungen zu Tcfcn
versteht, schärfer beurteilt, als dies der Presse dieser
Parteien genehm ist. Es nützt nichts, daß die Christlich-
sozialen in öffentlichen Versammlungen. die sie in Wien
abhalten, den Bauern ins Gewissen reden und sie an
6hre Pflicht erinnern, das nunmehr wieder ..christlich"
gewordene - Oesterreich-nicht verhungern zu lassen.. Tie
Agrarier bleiben ungerührt uud -die Ablieferung des
Getreides selbst'in dem vom Gesetz so gering bemessenen
Ansmaß ist nur ein frommer Wunschfür<hie -Darbenden
- Wdter>. .Auch' die Perhandlurmßn.MMusäMLüber,^jei.
jetzt langsam Klarheit wird, konnten Len Karren nicht
weiterbringen. Ungarn kann nichts liefern nnd es ist-
ein interessantes Spiel des Zufalls, daß am selben Tage,
an dq-n Herr Wsiskrrchner ungarisches Getreide ver¬
spricht. von seinen Parteifreunden in der ungarischen
Kammer jede Aussicht auf Hilfe rnndweg abgeleugnet
wird. Das Angebot einer Grenzhericht'gung in Deutsch-,
Westungarn hat die Vndapester Machthaber nicht um-
stimmen können,, denn sie wissen genau, daß ihnen da
Oesterreich etwas verspricht, was es nicht halten kann.
Das angebotene Gebiet ist nämlich auf Betreiben der
Tschechen, die dort ihren Korridor ziehen und die Durch-
zugsmöglichkekt sesshaften wollen, Oesterreich zugesprochen
worden. Der Liebe Müh' war also umsonst.
Die siegende Partei steht also vor der recht pein¬
lichen Situation, aus eigener Krott keine Negierung
bilden zn können, denn sie würde sich damit in eine sehr
schwere Verantwortung begeben, da ibr die Wählerschaft
dann noch mit viel mebr Recht all Me Versprechungen
Zurufen würde, hi» im d-s Wohlkamvfes gemacht
worden sind. Die Sozialdemokraten . wollen nicht in
die Regierung eintreten. wenigstens jetzt picht, und
freuen sich ihres verantwortuugsfrcien Daseins: die
Grohdeutschen, dm mit sehr geknieten ^n^eTtt rm§ dem
Wahlkampf zurückkehrten. zeigen ebenfalls kein. Interesse
dafür, den Elirist^'chfoftaftn die Kastanien ans dem
Feuer zu Hellen. Es ze'at. sich, wieder das Bild, wie un¬
sachlich die Politik, in Oesterreich geworden ist. iN eberall
gibt eS nur Parteiprogramme, und Varteigrundsäße. aber -
kein freies Staatsbewußtsk-in. Das Wort des Dichters
ist umgekehrt worden: Picht mitzulieken. mitzubasien
sind alle da. Nnd so'bleibt die Klärung der Laae einem
Kabinett, vorhelmlten. dos man in ^emseften Ia^ran.
dem wir M Prapn^kaßinett verdanken, als gemischtes
Wirtschaftskabinett be'-eich^t. Es soll ein Ministerium
die Leitung des Staates übernehmen^ das aus ss^ch-
männern und Parlamentariern besteht. An seine Spitze
soll als Staat.?*anzler der Pol'mivmsident von Wien
Herr Schober treten. Damit wü'-de das- Ministerium
tatsächlich Marke erhalten. ,<Vrr Schober ist ein Mann
Von reich-r ^-fessnnng n"d einem oft bewährten voliti-
schen Takt. Die Republik verdankt ibm ungemein viel
Und es wäre vielleicht besser, wenn dieser Mann, der sich
überall so großen Vertrauens erfreut, nicht fetzt in dem
Getr'»^e d"r wurde.
- Man ist hierzulande noch zn wenig damit vertraut,
daß die Politik des Staat»? eiaentlich nicht hier gemacht
wird. Die Entscheidi'"a über Oesterreichs ^ch'^sas li»at
in Paris: von dem Ernst, mit dem dort die Interessen
Oesterreichs und seiner P^-chha^s^ft "wogen werden,
hängt die Zukunft des Sw^tes ob. Oesterreich ist viel
.mehr ein 'wi^sch^ftlich-S als ein pgftii.'cheS Prahl»m
Die Käwnfe um Republik oder Monarchie spielen sich nm
an der Oberfläche ab. Und in dem groß»n Riua»n der
Mlttvltemtz pM rechts und Links spielt Oesterreich eme
Eriechrnlanü vsr einem MgerMg.
Blutige Anruhen. — Kundgebungen für König Konstantin.
Basel, 4. November, (Tel.-Komp.) Wie das ' Mond bildete sich eine Riesendemonftration, die von der
griechisch-amerikanische Prcßbureau anS Athen meldet, hat Sichcrhritdwache angegriffen wurde. Die . Polizisten
Venizclos die Diskussion über die Thronfolgesrage am schossen auf die Menge, wobei es mehrere Schwer»
1. November sreigegeben. i verwundete nnd einen Töten gab.
Die meisten Zeitungen Athens sind heute znm ersten ! Dir Demonstrationen zugunsten Königs Konstantin
Male seit dreieinhalb Jahren wieder mit Bilderndes dauern fort. In gnu*. Griechenland ist die Lage alar,
K ö n i g S K o n st « « i I n erschienen. Domonstrations- miercnd. In vielen Provinzen, besonders im PMponneS.
znge durchzogen die Stadt mit Bildern des Königs unter sind zwischen Polizei nnd D-monstranten Kümpfe vor-'
Nnsen: „Nieder mit der Tyrannei!" „Nieder mit gekommen. Ueberall wird die neuerliche Verschievnns der
VenizcloS!" „Hoch lebe König Konstantin!" Gegen Wahlen verlangt.
Frankretch gegen dle Auf¬
nahme Deutschlands in den
Völkerbund.
Stockholm. 4. November. (Wolsf.) Wie Leon
Bourgeois dem Pariser Vertreter der Nordist Preß,
centralen erklärt, steht die Frage noch offen, ob die Gene,
ralversammlnng des Völkerbundes in Genf sich mit der
Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund beschäftigen
werde. In französischen Völkerbund kreisen wünsche man,
dM dirste Frage Zcht'AW. behandelt werde, da sie er.
"Mrbe^'^iemaÄb
denke daran, Deutschland endgültig außerhalb des Völker-
bundeS zn halten. Jetzt aber, da die WredergntmachnngS.
frage noch nicht gelöst sei, würde die öffentliche Meinung
Frankreichs nnd Belgiens sich einmütig weigern, Deutsch
laud in *»« V^l"crl'nnd -nzulasien. Ein Antrag ans Auf--
nahnie Deutschlands würde in Gens ernste Reibungen
Hervorrufen, wodurch der Bestand des Völkerbundes aufs
Spiel gesetzt werden könnte.
Der polnische Landtag fordert
die Einverleibung Wilnas.
W a r s ch a u, 4. November. (Poln. Tel.-Ag.) In der
Sitzung des auswärtigen Ansschnsses des L a n d t a g e S.
in der die Anträge, betreffend die Lösung der Frage von
Wilna angenommen wurden, wurde auch folgende Ent.
schliestnng gefasst: Die Versuche, auf dem Wilnaer
Territorium rin besonderes StaatSwcsen zn
gründen, überschreiten die Bedürfnisse der zeitweiligen
Verwaltung. Sie fuhren nicht zu einer Vereinigung dieses
Gebietes mit Polen, hingegen drohen sie internatiokale
Komplikationen hervorzurufen nnd erschüttern die durch,
den Vertrag von Riga festgclegten polnischen Grenzen.
Der Sejm fordert die Negierung ans, alle derartigen
Versuche hintanznhalten nnd in den Gebieten, die im
Sinne des Rigaer Vertrages zu Polen gehören oder dir
durch das polnische Militär besetzt sind, sofort die normale
polnische Staatsverwaltung cinzuführen.
Hardkngs Wahl.
N e w - D o r k, 4. November. (Tel.-Komp.) Als End.
crgcbnis der Präsidentenwahl wird bekannt, daß 397
Wahlmänner für Harding und 139 für Eox gestimmt
haben. Besonders eindrucksvoll ist der Sieg Hardings
in Kalifornien, wo gleichzeitig das gegen Japan ge.
richtete Neberfremdungsgesctz 'mitabgestimmt wurde. Die
deutschen nnd irischen Stimmen haben sich
restlos ans .^"»rdtug vereinigt. In pol't'schen Kreisen
wwd die Bedeutung des Sieges Hardings dahin
charakterisiert, daß er ein«- offenkundige Spitze gegen
Europaunddca Völkerbund tragt. Die amen.
kanischr Oessentlichkcit erwärkrt von Harding de« so.
svrtigen F r i e d e n S s ch l n tz m i t D e u t s ch I a n b und'
Beseitigung aller Hindernisse, des Handelsverkehts mit
Europa, einschließlich Nusstand. ' i
Aus New-Pork wird berichtet: Infolge des Er-
gebn'ises der Präsidentenwahl wurde zum Gouverneur^
von New-York an Stelle des jetzigen-demokratische«
Gouverneurs ein republikanischer ldandidat gewählt. ,
Nach einer Meldung der „Chigaco Tribüne" 'wurde
Harding mit 6,587.000 Stimmen gewählt.. ;In-
einem Telegramm beglücktvünschw Cox den neuen-Prä-,
sibenten zu seiner Wahl- und erklärt, .d.aK-M/sMf'.üm^
"Enischluß der Mehrheit beuge.arnd dle
allen Umstanden unterstützen werde. ... ; 1.
Der Sekretär Wils o ns sagte, der- Ausfall der?
Wahlen rufe ihm die Worte Wilsons ins Gedächtnis:
Ich erleide lieber eine Niederlage für eine Sache/,
die einstmals triumphieren wird, als daß ich
siege in einer Sache, dir einstmals verloren sein wird.'
Aus Orlanda (Florida) wird gemeldet, daß dw
Neger, die zur Wahl nicht zugelässLn worden' sind,s
da sie die Steuern nicht bezahlt hatten, einen Auf«!
lauf verc.n'aßten, wobei zweiFrauen getötct und'
mehrere verwundet wurden. Die Menge henkte einen
Neger und verbrannte fünf andere, die an
den Zusammenstößen teilgenommen hatten. Die Häuser^
in die sich die'Neger geslüchdet hatten, wurden a n-s
gezündet.
Die Senatswahlen bringen den Republikanern eines
Mehrheit von 18 Stimmen. Im früheren Senate hatten
die Republikaner nur eine Mehrheit von 2 Stimmen^
Nach den letzten Meldungen habe Harding ein^
Mehrheit von 5.000.000 Stimmen errufen, dh*
wähnenswert erscheine, daß Harding nicht nur ftn?
eigenen, bisher demokratisch g.'sinntcn Wahldistrikt siegte^'
srn^ern daß auch in Dayton, dem Wohnsitz Cor', fornee
in Hydepark im Staate New-York, dem Wohnsitz Roose-z
Veits, und in Princeton. dem Wahlkreis Wilsons, diq
Mehrheit sich für Harding aussprach. Cox verlor seinen
eigen'« Wahlkreis Ohio.
Die MlKerliga nnd die Minoritäten.
Brüssel, 1. November. (Iewish Corr. Dur.) Ist
einer öffentlichen Sitzung des Völkerbundrates berich»
tote Tittoni über die vom Völkerbunde zu leistenbr
Garantie bezüglich der Minoritätenklaüseln
der verschiedenen Verträge. Jedes Mitglied des Mates.
ist mit dem Recht ausgestattet, jeden Bruch oder di<'
Gefahr eines Bruches der ans den Verträgen sich
gebenden Verpflichtungen, dem Rät zur Kenntnis z«'
bringen, der hierauf die erforderlichen Maßnahmen er^
greifen wird. Die Minoritäten selbst und sogar die im
Völkerbundrat nicht vertretenen Staaten haben daä i
Recht, den Völkerbund auf besondere Fälle eines Der«
gebens gegen die Minoritätenverträge aufmerksam zu 1
machen.
sehr untergeordnete Rolle. Der Krieg bat Oesterreich so
mitgenommen, daß . 3 nicht einmal mehr als Ezperi-
mentierfeld in Frage kommt. Es muß cmsgeba"t werden.
D'eS ist nur möglick). wenn ' ' Äugend Vertrauen
foßt wenn durch ei'wn V^rgfrieden d"r Parteien die
Möglichkeit geschaffen wird, .den materiellen rmd politi¬
schen Kredit im Ausland zu beben. Die Koalition. d'»e
Anteilnahme aller Klagen an der Regierung bat sich im
großen ganzen beivährt, weil, ihr der gesunde Gedanke
der lleberwindnng der Partei eg oismen zugrunde sag
Sie ist gekündigt worden, weil die Eifersüchteleien bei
Parteiführer die schwere Probe des Wahlkampfes nich
mehr ertragen konnten. Aber der heutige Zustanl
j zeigt genau, daß der Weg wieder zur Koalition zurü<k
führt, freilich nur in dem Sinne, daß die Partei«
i nicht nur nominell, sondern tatsächlich die solidarisch«
^ Haftung für die Tätigkeit der Regierung übernehme«