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Seite 2 _ Wien, Sonntag __
Die Wilnaer Frage vor dem Völker¬
bund.
Kowno, 30 . Dezember. (J. C. B.) Der litauische
Landtag hat nach eir.er lebhaften Debatte das
Heymannsche Projekt zur Lösung der Wilnaer
Frage abgelehnt. Die für 10 . d. M. einberufene
Süzung des Völkerbundrates werde neue Vorschläge
zur friedlichen Lösung dieser Frage erörtern. Die
litauische Regierung erhielt vom Völkerbundrat eine
Einladung zur Entsendung einer Delegation nach Genf,
damit sie an der Behandlung der Wilnaer Frage teil¬
nehme. Wie wir erfahren, sei die litauische Regierung
entschlossen, in diese Delegation auch einen Vertreter
der litauischen Judenheit zu designieren. Wie verlautet,
soll der jüdische Minister für Litauen Doktor
S o 1 o w e j t s c h i k mit dieser Mission betraut
werden.
Neue polnisch-litauische Verhandlungen.
Kowno, 30. Dezember. (Tel. der „Wiener Morgen¬
zeitung“.) Wie hier verlautet, sind dem Außenministerium
Mitteilungen zugekommen, daß Polen bereit sei, mit Litauen
neue Verhandlungen aufzunehmen. Als Verhandlungsort
werden Memel und Danzig vorgeschlagen. Wie das
„Weißruss:sche Preßbureau“ meldet, sollen zu diesen Ver¬
handlungen von litauischer Seite der gewesene Außenminister
Purickis, Galwanowski und Roseaba um,
von polnischer Seite Professor Aszkenasi und einige'
höhere Beamte des Warschauer Außenministeriums delegiert
werden.
Ostgalizien — ein Rekompensations-
gegenstand für Wilna?
Lemberg, 30 . Dezember. (Tel. der „Wiener
Morgenzeitung“.) Wie die „Ch wi la“ aus Warschau
meldet, hat der französische Gesandte in Warschau
bei seiner letzten Intervention in der Wilnaer Frage
den maßgebenden Regierungsfaktoren zu verstehen
gegeben, daß die Ententemächte geneigt wären, in
gewissem Maße die polnischen Forderungen bezüglich
0 s t g a 1 i z i e n s zu berücksichtigen, falls Polen
einer schiedsgerichtlichen Erledigung des polnisch¬
litauischen Streites unter der Aegide des Völkerbundes
zustimmen würde. Der Ministerrat beschäftigte sich
mit diesem Vorschläge und hat den polnischen
Gesandte* in Paris, Grafen Z a m o j s k i, nach
Warschau berufen. Im Zusammenhang damit meldet
der „K u r j e r W a r s z a w s k i“, daß Frankreich
ein neues Projekt zur Lösung der Wilna-Frage
ausgearbeitet habe.
Die Vorsteher der Wilnaer Judenschaft
nach Warschau eingeladen.
Wilna, 29 . Dezember. (Tel. d. „Wiener Morgfcn-
ieitung“.) Wie „Unser Tog“ meldet, wurden die an¬
gesehensten Vertreter der Wilnaer Judenschaft vom
polnischen Ministerrat nach Warschau eingeladen.
Diese Einladung scheint deshalb erfolgt zu sein, weil
die Bemühungen des polnischen Innenministers Dow-
H.arowicz, die Warschauer jüdischen Abgeordneten
Hartglas und Hirschhorn für die Beein¬
flussung der Wilnaer Judenschaft zugunsten Polens zu
gewinnen, scheiterten. Die jüdischen Abgeordneten er¬
klärten dem Innenminister, daß diese Beeinflussung
von selbst gekommen wäre, wenn die polnische Rer
gierung die jüdischen Forderungen erfüllt hätte. Nun
versucht die Regierung, mit den Vorstehern der Wilnaer
Judenschaft zu verhandeln.
Manifest der litauischen Regierung an
die Wilnaer Bevölkerung.
Kowno, 29 . Dezember. (Tel. d. „Wiener Morgen-
reltung“.) Die Regierung hat an die Wilnaer Bevölkerung
ein Manifest erlassen, in dem die Erteilung einer
Autonomie mit einem Landtag in Wilna än der Spitze
versprochen wird. Den Juden Ostlitauens (Wilna) wird
die Gewährung einer vollen nationalen Auto.*
nomie ähnlich wie in Kowno- Litauen zuge?
sichert ■
Polen.
Rabbiner Perlmutter — Ritter des
Ordens „Polonia restituta“.
Warschau, 30 . Dezember. (Tel. der „Wiener
Morgenzeitung“.) Rabbiner Perlmutter wurde
vom Präsidium des Ministerrates für die Ernennung
zum Ritter des Ordens „Polonia restituta“ vorgeschlagen.
Wie verlautet, soll Perlmutter diese Auszeichnung
als Dank für seine letzte Sejmrede, von der. wir
bereits gemeldet haben, erhalten. (Perlmutter ist damals
für das Gesetz über die Vermögensabe-eingetreten;),
Prozeß gegen Balachowicz-Pogromisten
Warschau, 30 . Dezember. (Tel. der „Wiener
Morgenzeitung“.) In L u c k fand am 29 . Dezember
die erste Verhandlung gegen zehn Balachowicz-
Pogromisten statt. In der Anklageschrift werden
sie beschuldigt, während der * bolschewikischen In*
vasion im Städtchen Krymno 60 Juden, darunter
ein zweimonatiges Kind, ermordet zu
haben. Der Gerichtshof verurteilte vier Angeklagte
zu lebenslänglichem Kerker, die übrigen
wurden mangels an Beweisen f r e i g e s p r o c h e n»
Die Obstruktion Im Tiroler Landtag. -
Innsbruck, 31. Dezember. Die Sitzung des Land¬
tages währte bis 1 Uhr früh und endete nach nahezu
J33 s t » n d i g e r Dauer mit der Erledigung des
Voranschlages für das lahr 1922.
WIENER MORGENZEITUNG
Oesterreich.
Die Großdeutschen und der Vertrag
von Lana.
Die Grazer „Tagespost“ schreibt nach In¬
formationen vJn großdeutscher Seite unter anderem:
Die Großdeutsche Volkspartei wird sich Mitte
J ä n n e r mit der durch den Vertrag von Lana ge¬
schaffenen Lage beschäftigen. Abänderungen liegen ge¬
wiß im Bereiche der Möglichkeit, wenn sie auch nicht
so leicht sind wie bei einer anderen Regierungsvor¬
lage. Es ist atiich. fraglich, ob die gegenwärtige
Regierung und i h r C h e f in Unterhandlungen
über eine Abänderung überhaupt Eingehen können.
Die Krise könnte daher unter Umständen dazu führen,
daß die bestehende Regierungsgemeinschaft aufgelöst
wird o'er festere Formen annimmt als bisher. Bei
einer Festigung müßte das Arbeitsprogramm für die
nächste Zukunft in schärferen Fdrmen hervortreten als
im Juli. Bedauerlich wäre es, wenn aus dem Ab¬
kommen von L a n ä eine innerpolitische Kompli¬
kation entstehen würde, da im Zusammenhang mit den
Sanierungsmaßnahmen schwere Wochen
bevorstehen, die t ur durch ein Erstarken des Ge-
meirisamkeitsgefühls überwunden werden können. Es
bleibt den Parlamentariern überlassen, einen Ausweg
aus dem Zusfa d zu finden, für den die Bezeichnung
Krise vorläufig vielleicht noch zu stark ist, der
aber doch alle Merkmale einer Krise in sich birgt.
Die Forderungen der Wiener Tschechen.
Der tschechische Landtagsabgeordnete Machat
erklärte in einer Unterredung unter anderem: Das Haupt¬
interesse der tschechischen Minorität in Wien ist auf das
Schulwesen gerichtet. In Wien befinden sich 6200 tsche¬
chische Schulkinder an 15 öffentlichen und 8 Privat¬
schulen in 167 Klassen. Die Tschechen in Wien begrüßen
den t s c h ec h o-slowakisch-österreichi-
sehen V e r t rag von Prag und Lana.
Ungarn.
Milderung des Numerus clausus in
Budapest.
Budapest, 31. Dezember. (Tel. der „Wiener Morgen¬
zeitung“.) Vor seiner Abreise gab Ministerpräsident Graf
Bethlen die Erklärung ab, daß demnächst eine
Aenderung des Gesetzes über den Numerus clausus an
den Universitäten erfolgen soll, * Unter Berufung auf diese
Erklärung hat ein Mitarbeiter des * Az Est“ die Meinung
des stellvertretenden Ministerpräsidenten und Ministers für
Kultus und Unterricht Josef. V a s s über diese Frage
eingeholt Minister Vass antwortete: Atif dem Gebiete des
Numerus clausus wurden in letzter Zeit tatsächlich mehr¬
fache Aenderungen vorgenommen. Diese bestehen darin;
daß ich als Kultusminister immerfort das Kontingent, nach
welchem das Zahlenverhältnis der Minorltätskonfessionen
und Rassen festgesetzt wird, erhöhe, die weitere Ent¬
wicklung kann also auch nur in dieser Richtung erwartet
werden, das heißt in dem Sinne, daß wir durch die Er¬
höhung des Kontingents den in die berechneten Kategorien
gehörenden Hochschülern die Aufnahme in die Universität
in erhöhterem Maße ermöglichen.
Die Uebergabe Öedenburgs.
Oedenbürg, 31. Dezember. Morgen findet die feier¬
liche Uebergabe dds Oedenburger Abstimmungsgebietes an
die ungarische Regierung statt, aus welchem Anlasse die
interalliierten ; Truppen und die ungarische Garnison am
Szechcnyi-PIatz eine Parade aohalten. An die Uebergabs-
feierlichkelt6n schließt sich eine Reihe von Festlichkeiten an.
Heute nachts wurde in H a r k a u, also auf burgen¬
ländischem Gebiet, eine Bande ungarischer Freischärler in
der Stärke: von 150 Mann gesichtet. Die österreichische
Reichswehr wurde sofort alarmiert und nahm die Verfolgung
der Bande auf.
Ex-lex-Zustand.
Budapest, 31 . Dezember. (Ung. Tel.-Korr.-Bur.)
Da die Nationalversammlung die Beratung über das
.Budgetprovisprium nicht beendet hat, tritt mit
dem morgigen Tage der Ex-lex-Zustand ein.
Palästina.
Ein Vertreter des Kolonialministedums
in Petach-Tikwah.
Jerusalem, 28 , Dezember. (J. C. B.) Colonel
V e r n o n, Vertreter des britischen Kolonialministeriums
in London, stattete gelegentlich seiner Inspektionsreise
in Begleitung des. Gouverneurs von Jaffa der jüdischen
Kolonie P e t a c h-T i k w a h einen Besuch ab, wo
er vom Vorstand der Kolonie mit einer warmen
Ansprache begrüßt wurde. Colonel Verrion da kte für
den warmen Empfang und-erklärte: „löh danke für die
Gelegenheit, die Sie mir gebo’en haben, um den jüdischen
Ackerbau zu sehen. Ich werde Mr. Churchill alles
erzählen, was ich hier an Schönheit, Fruchtbarkeit und
an Fortschritt gesehen- habe. Das sind Dinge, die
ohne die Einwanderung von Juden
nicht bestehen können, ich bin überzeugt, daß
ich bloß den An fa n g dessen sehen konnte, was
ihr in der Zukunft .vollenden wollt. Ich bin ebenso
überzeugt, daß.diese Bevölkerung bloß den Kern der
großen Bevölkerung der nächsten Zukunft bildet, ebenso,
daß das Land diese Bevölkerung mit allem Notwendigen
versorgen wird.
I. Jänner 1922 . , Nr. 1050
Ein zionistisches Departement für
Handel und Gewerbe,
; Jerusalem, 28 . Dezember. (J. C. B.) Die zip«
nistische Exekutive eröffnet im Rahmen ihres „De¬
partements für städtische Siedlung“ eine Handels-
u n d Gewerbekamme r, um einerseits allen
Interessenten auf diesem Gebiete verläßliche In¬
formationen zu erteilen, andererseits das pri-,
v ale K ap i t ad für die der zionistischen Leitung
vorgelegten und fachmännisch begutachteten Projekt«
zu gewinnen.
Errichtung eines Gartenstadtamtes.
i Jerusalem, 28 . Dezember. (J. C. B.) Die zioitisti*
sehe Exekutive hat : in Ausführung eines Kongre߬
beschlusses die Einrichtung eines Amtes für die Er¬
richtung von Gartenstädten in Angriff ge¬
nommen. Dieses Amt, das unter Leitung von D a v i s
Tri e t sch stehen wird, soll eine besondere Ab¬
teilung im Kolonisationsdepartement der palästinensi¬
schen Exekutive bilden. Herr Trifetsch wird anfangs
Februar seinen Dienst in Palästina antreten.
Rußland. ,
Friede und Arbeit,
Ein Beschluß des. russischen Rätekongresses.
Moskau, 31. Dezember. (Funkspruch.) „Prawda“ ver¬
öffentlicht die vom ' neunten allrussischen 'Räte¬
kong, r e ß auf Grund der Berichte des Volkskommissars
T r o t z k i j gefaßte abschließende Tagesordnu n g,
in der es,heißt: : -
Der Kongreß bestätigt den festen Willen der Räte¬
republik, mit allen Völkern in F r 1 c d e n zu leben. Keine
Grenzverschiebung könnte die Hungernden ernähren oder
den wirtschaftlichen Ruin wieder aufrichten. Der
Kongreß . heißt die Bemühungen der Regierung, die
erste Räterepublik vor neuen Kriegen zu bewähren, gut
und-wünscht nur Frieden und Arbeit. Er billigt auch die
Verminderung- des Roten Heeres, Der
Kongreß drückt die Entschlossenheit der arbeitenden
Massen aus, die nötigen Opfei' für den- Unterhält des
Roten Heeres auf sich zu nehmen, und fordert alle wirt¬
schaftlichen Institutionen auf, die zur Erhöhung der Schlag-
fertigkeit des Heeres notwendigen Materialien zu liefern.
Der Kongreß hofft, daß der wirtschaftliche Fortschritt es
auch der Roten Flotte möglich machen wird, die Zugänge
zu den Häfen der Republik zu schützen.
Tagesbericht.
Ein Anschlag auf die Mutter des
: Gemeinderates Dfi Plaschkes^
Zwei Diebinnen verhaftet
Der Wachsamkeit der Kriminalbehörde ist eä '
anscheinend geglückt; einen Ansdhlag anaf die greise
Mütter des Gemeind-erates Dt. P las c h *v e s a-bzu- j
wehren. Lieber Art und Ziel dieses Anschlags, dessen*"
zwei -wiederhojt Vorbestrafte Dienstdiebinnen be¬
schuldigt werdend wird erst die lamiesgericbtiiche
LTniersudrung Klarheit bringen, doch besteht schon ;
jetzt kaum ein Zweiter darüber, daß die gefaßten
Gewöhn,heitsverbreeherinnen'Schlimmes, wenn nicht j
’ Schlimmstes' planten.' ' ;
. - Die beiden Verhafteten sind die am 26. Jänner 1
18. September 1889 zu Oberndorf geborene, naoh'
Allenz zuständige Marie A h g e r c r-und die am j
18. September 18S9 zu Oberndorf geborene, nach j
Nußcorf bei Salzburg zuständige Franziska W a g-
n e r. Kennen gelernt haben sich dis beiden Freun-
dit.nen chWakteri-stiisc.hcrwcisc in 1er Straf¬
anstalt Wicncr-Xeudorf. Beide haben trotz ihrer
Jugend schein zahlreiche momate- uin.d jahrelange
Strafen hinter sich. Doch weiß man jetzt, daß die
eine »für alle Fälle«.eine Hack e, die andere einen
Revolver bereitgehalten hatte, so daß inan sich
über'd-ais Schicksal ihrer Dienstgebennnen, wenn sie
v>11 diesen auf frischer Tat ertappt worden wären,
keinem Zweifel hihgeberi kann
' Die Krunfrialpeanrits.! n. Viktoren R e i'te r,
Hermann Naroz.n y, Pfleger und Pros? er. j
wären mit der Uebenvacbunq der beiden Dienst* j
diebinheh betraut lind brachten in Erfahrung, daß !
che Wagner vor einiger Zeit bei dem Gememderat«'!
Reqhtsanvyalt Dr. P 1 a s c h fc e s, Nova-ragasse 28. |
bedieiis'tet war. Siejhatte 'den Posten-anfangs Augu-st j
nach ihrer Strafe angetreten und ihn am 25. De¬
zember mit der Begründung verlassen, daß sie m j
ihrer kränken Mutter nach Ottakring müsse, üm sie J
zu «pflegen. Um ja keimon Verdädbt in ihre'Ehrlich-
ke.it auf kommen zu lassen, hat sie sich beim Dienst- 1
antritt.wie ein Landmädcben gegeben, das zum - j
ersten. Mal in Wien war, u-n-d hat »ich die Sehens- •
Würdigkeiten Wiens geflissentlich zeigen lassen,
wobei, sie guige&p.iqlte naive Beyvuoderung zur Schau
trug. Inspektor Reiter und. seine Leute ermittelten, '
d-äß ji$ich die Wagner keineswegs nach Ottäikring .
zu ihrer kranken Mutter begeben hat, sondern ln ;
dais ihrem letzten pien&tort benachbarte Haus Nö- j
varagässe 26 übersiedelt war. Dort hat der Buch- !
bindergehilfe Johinn Braun eine, fensterlose, in
den Hof gehende Wohnung in ne'und bei ihm fand
die -Wägn-er Unterschlupf ohne .polizeiliche Mel*
düng.
Es wurde nit-irt ermittelt, daß die Ahgerar, die
nach' Aflenz abgesefioben worden war, gleich nach
I VVien zuiiick zukehren beabsichtigte. Die Wagner
I hatte mit ihr vereinbart, daß sie auf, ein Zeichen irt
, der Wohnung Brauns Eintritt finden könne. Im