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6. Jahrgang
Die nächste Nummer der „Wiener Mor-
genzertung" erscheint morgen, Mittwoch
den 2. Jänner, früh, zur gewöhnlichen
Stunde.
Zer Kalender.
—y. Wien, .1. Jänner
Neujcchrsredeu gibts heute, Trinksprüche Voll hei¬
terer Weltanschauung, gespickt mit guten Vorsätzen. Die
feiertäglich gerührte Stimmung des braven Bürgers
und Steuerzahlers wird ausgenützt, um ihm weiszu¬
machen, er bedeute wirklich etwas in der Maschine der
Politik, er sei das berühmte kleine Rädchen, ohne das
nichts gedeihen kann. Der Bürger hat das Bestreben,
den ansonsten schwer faßlichen Begriff der Zeit wenig¬
stens in der Vorstellung zu substanzieren. Sie ist ein
Apparat, der automatisch nack Wunsch zu funktionieren
hat, und wenn sie das nicht tut, einfach zurechtgeschraubt
werden kann. An ihrem Wasserstandsglas sind säuber¬
lich die Teilstrich«; angebracht und alle zwei'mdsünfzig
Wochen gibt es einen Knax, der anze'gt, daß die kalen¬
darische Jahreszahl um eins zn vermehren ist. Das wird
mit allerhand mystischen Gedanken umsponnen, die alle
daraus hinauslauken, daß die Zeit um die Mitternachts-
stnnde zwischen Dezember und Jänner den Atem an-
halte. Eine Epoche int Leben scheint abgelaufen und das
ist für so und soviele der Anlaß, aus dem Vollendenten
Abschnitt rückschauend Schlüsse zu ziehen und sich selbst
zu suggerieren, sie in Hinkunft zu beherzigen. Das
nimmt man sich insbesondere in den weiten und meist
ach so dürren Gefilden der Politik vor.
..-Aben-die Politik, die das Leben von Gemeinschaften,
ihre Beziehungen zu einander regeln soll, verträgt die
Eingriffe des Kalenders nicht. Sie geht unbekümmert
um die Mühen der weisen Sterndeuter ihren -Weg und
gehorcht nur den Gesetzen, die sich aus dem Leben selbst
ergeben, dies freilich nur dann, wenn sie von der Ver¬
nunft bedient wird. Stehen aber menschlich-persönliche
Leidenschaften am Steuer, die Sucht nach Macht, Ehre,
Besitz an Geld oder Land, dann geschieht das, was die
europäische Menschheit in den letzten Jahren erlebt hat.
Es treten in der Entwicklung Störungen ein, die wir
alle, leider mit Fug und Recht, als Abschnitte in der
Geschichte empftnden, obzwar sie im Kalender nicht
vorgesehen sind. Es kam der große Krieg, erst mit pa¬
pierenen Noten, dann mit den Mvrdmaschimn. Das
Blut strömte durch die Schützengräben, Drahtverhaue,
spanische Reiter und Wolfsgruben trennten die Linien,
die von Menschen wimmelten, und dazwischen tropfte
die Druckerschwärze. Jahre kamen und gingen. Kanonen¬
donner gab ihnen den Abschied und hieß sie willkommen.
Und ans einmal ries man den Frieden aus, wieder nicht
zu dem für wichtige Ereignisse statuierten Datum. Aber
Millionen von Müttern und Töchtern segneten den Tag.
Und nun ist Frieden.
Wie sieht er aus? Wie eben das Produkt einer in
Unordnung gebrachten Maschine, die außerdem schein¬
bar sich selbst überlassen ist. Dieser Frieden ist,, tausend¬
mal ärger als der Krieg. Trug dieser doch wenigstens
die ihm von Betrügern, von gewissenlosen Hasardspielern
aufgesetzte Papiergoldmütze von Vaterlandssinn, von
enthusiastisch befeuertem Solidaritätsgefühl, so ist die
Zeit, die ihn: folgte, ganz den Schiebern und Konjunk¬
turrittern überlassen. Das große Sterben hat nur eine
geringe Einschränkung erfahren. Einstmals sah man
sie liegen, weil das Gesetz es befahl. Jetzt im Frieden
fallen sie — höchst prosaisch. Die Bauern liefern nicht,
die Kinder halben kein Brot, keine Milch, die Kranken¬
häuser keine Arzneien. Aber am Rad der Politik stehen
noch immer dieselben, die es vor neun Jahren betreuten;
neue Zeit, aber keine neuen Geister, keine neuen-Führer.
Aber sie halten, fest an dem Brauch; das Bedürfnis der
Menschen, in den Zollstock der Zeit Kerbe zu schneiden,
rückzuschauen und auszublicken, mißbrauchen sie und
sagen ihnen, es sei alles gut gewesen und es werde noch
Vesser werden. Sie pressen die Kraft der Arbeit in die.
Dividenden und Tantiemen, halten bewaffnete Heer-
hanfen in Sold. Und die Bürger und Steuerzahler
ducken geduldig unter, singen dem Kalenderdatuni ein
schönes Lie-d, und — lassen sich widerspruchslos gegen
einander Hetzen. Sie lieben und hassen auf Geheiß: Der
Weiße den Schwarzen, der Arbeiter foen Brodherrn, der
Christ den Juden. .Und kommen nicht darauf, daß sie
doch nur willenlose Marionetten sind in der Hand ver-
, W ckter Puppenspieler, die im Rasen der Zeitmaschine
noch ihr letztes bißchen Verstand verlogen hMn,
Ae Reichsregierung will versuchen, die flüchtigen Kapitalien zu erfasse«.
— Wo dar deutsche Gold steckt.
hh
Brüssel, 81. Dezember. (Tel. d. „Wr. Mopgen-
zeitung".) Reichskanzler Dr. M a r x erklärte gegenüber dem
Berichterstatter des Brüsseler demokratischen Blattes „D e r-
niere. Heure" zu dem neuerlichen Schritt der Reichs-
vegierung, Deutschland Ivevde alles tun, was es könne, um ,
seine R eparat ionsverpflichtungen zu erfüllen.
Es werde auch sein möglichstes tun, um die Arbeiten der
von der Reparatronskommission eingesetzten Aussch ü s s e
zu unterstützen. Man werde im besonderen gerne die
Mittel prüfen, wie die flüchtigen Kapita¬
lien zur Erfüllung .der Verpflichtungen Deutschland ver-
'tocnfcet werden könnten, u-nd -den Mitgliede.vn des Komi- '
tees die Bücher Vorlogen.
Das deutsche Gold kn Amerika.
New-Iork, 31. Dezember. (Universal Telegraph
Agency.) Nach einem Bericht des H a n d e l s d e p a r t e-
ments .der Vereinigten Staaten sind' seit Mai vorigen
Jahres über 42 Millionen Dollar deutsches
Kapital in Gold in den Bereinigten Staaten
eingelangt.
Die Kohleofteuer.
Köln, 31. Dezenliber. (2Mff.) Nach dem vom Rhei¬
nischen Braunkohlenstzndikat mit der Mieum abgeschlossenen
Uebereinkoumien sind an .MMädWHMiefeM»gen in den
erstert^'dr^WM^^WM Aonnych vom vierten Monat
ab monatlich 70.000 Tonnen Briktts m n em t g el't l i ch
zu liefern. Für die Zeit fort Beginn der Ruhvbesetzung ist
ein erheblicher Betrag an rückständiger Kohlen¬
steuer an die Mieum nachguzahlen. Die zukünftige
Kohlensteuer «ist aus . 6.50 französische Franken für eine
Tonne Briketts und 1.50 Franken für eine Tonne Kohle
festgesetzt. Die verfügbare Resterzeugung ist für den Ver¬
kauf freigegeiben. Die auf dem Wasserwege kommenden
Entschädigiungslieferungen sind bis zu einer gewissen Menge
unentgeltlich zu fahren, Es wird damit gerechnet,
daß auch der Versand auf den Regiebahnen bald voll aus¬
genommen wird. v
Der Ausnahmszustand bleibt bestehe».
Staatsgericht statt Militärgericht.
Berlin, 31. Dezember. (Wolfs.) Durch eine Verord¬
nung über die Abän de.rung des beste h enden
A u s n a h >m s z u st a n d e s wird bestimmt, daß gegen
das Verbot regelmäßig erscheinender Druckschriften die.Be¬
schwerde'an den Staatsgerichtshaf zum Schutze der Repu¬
blik ohne aufschiebende Wirkung zulässig ist, sowie daß auf
Beschränkungen der persönlichen Freiheit
das Gesetz be treffend - Verhaftung und Aufenthaltsbeschrän¬
kung im Kriegszustand und r m Belagevungszustand Anwen¬
dung fmdet, wobei an Stelle der ReichsmAttärgerichite der
% i ä.Lt's H evchchchs-Hp-f-MM Schutze, Republik tritt.
Diese Verordnung ' tM DsAhver Verkündigung in Kraft
,nnv findet auf bereits veÄöKne Druckschriften oder in ihrer
Freiheit beschränkte Personen Anwendung.
Pole« tritt nicht in die «eine stntente ei«.
Warschau, 81. Dezember. Die Polnische TelographM-
üjgeii'iiuv gilfa Aeußerrmgen einer maßgebenden politi¬
schen Persönlichkeit Polens wieder, welche sich mit
der Fvaige des Eintrittes'Polens in die kleine
ElNteute befassen, die im Ziusainimonhang mit der am
9. Jänner zusamimeMr elenden Konferenz der kleinen Entente
von >der Presse der dieser Mächtegvuppe aihgeihörenden Länder
lelbhaift erörtert wird. BakamMch hat Rumänien beab¬
sichtigt, ans der Belgrader Konferenz der kleinen Entante die
Aufnahme Polens in dieise Vovzuschlagen, mit der Be-
dingunig, daß weder die Dschöcho-iSl'owakcii noch Jugoflatvien
verpflichtet feien, sich in einem KonGikt Polens mit Rußland
auf di« Seite Pollens zu stellen, woMgrn Rumänien eine solche
Vsvpflichtmnig überneihmwn winde. Die erwähnte pofitissche
Persönlichkeit hat nun erlklärt, Polen sei wohl bereit, mit de«
kleinen Entente aus internationialom Wege a>uch weierthiin z u-
s amm enz na rlbeit e n, von einem formalen
Eintritt Polens in die kleine Entente könne
mau jedoch'nicht sprechen. Dies« Frage fei weder
reell noch aktuell.
Es scheint, daß dieser SbaüÄpuM Polens durch die For-
mulierung des tschechvHowÄHch-sranMischein Bündnisses her-
voryeruifen iruvde.
Ae bulgarische Regieruns verlangt eine Armee.
Erregung in Belgrad.
Belgrad, 31. Dezember. (Tel. d. „Wiener Morgen¬
zeitung".) Im bulgarischen Söbranse hielt am Schlüsse der
Adveßdebatte Mnisterpräsident Zankow ein Expose, in
welchem> er die auswärtige Lage behandelte. Der
Mnisterpräsident stellte ftst, daß Bulgarien der einzige be¬
siegte Staat sei, der seine Verpflichtungen aus den Fvie-
densverträgen loyal erfülle, doch müsse es anderseits auf
der ihm durch diese Verträge und vom Völkerbünde ge¬
währten Rechte bestehen, namentlich bezüglich des freien
Z u g a n g e s z u m A e g ä i s ch e n Meer und bezüglich
des Schutzes der nationalen Minderheiten.
Der - Ministerpräsident besprach sodann die Be¬
ziehungen Bulgariens zu den einzelnen Nachbarländern
und mcklävte nanrentlich bezüglich Iug oslawie ns, daß
sich die gegenwärtige Regierung bemüht habe, die in N i s ch
etngeleiteten Verhandlungen zu einem Erfolg zu führen.
Der güte Wille Bulgariens habe sich auf der b u l g a r i f ch-
serbischen Konferenz gegeigt, in deren Verlauf
die schwebenden finanziellen Fragen geregelt
iyurden. Wenn mAere Nachbarn von demselben versöhn¬
lichen Geiste beseelt sind, wird die Pagisikation deS Balkans
Tat Ivevden. Immerhin müssen aber die Rechte der
bulgarischen Minderheiten in-Mazedo¬
nien anerkannt werden.
Was die Reparationskosten anlangt, wird
Bulgarien auch diese Verpflichtungen nach Maßgabe seiner
Kräfte'erfüllen. Schließlich gab der Mniisterpräsident dem
Wunsche Ausdruck, daß die Mächte zur E-rlelchtevitng der
das Land bedrückenden Lasten Bülgavien gestatten, seine
Armee wenigstens zum Teile provisorisch auf der
Grundlage der allgemeinen Wehrpflicht
zu ergänzen.
Dieses Expose Zankows hat in jugoslawischen
Regierungs- und politischen Kreisen einen höchst u n g ü n-
stigen Eindruck gemacht. Sie erblicken darin die alte
Politik des Exkönigs Ferdinand, bezeichnen die Worte
Zankows als von den mazedonischen O r g a n i sa-
tioncn und jenseits der Adria inspiriert und erblicken
in den: Expose eine direkte Drohung undHeraus-
sorderung an den jugoslawischen Staate.
Der „Politika" zufolge wurden von der Regierung
Schritte unternommen und der'Sofioter Ge¬
sandte Rakic angewiesen, sofort nach Belgrad zu reisen.
Wie verlautet, wird wach der Ankunft R a k i e' ein M i n i-
st errat, wahrscheinlich unter Vorsitz des K ö n i g s, ab -
gehalten werden. .
Amerika M die griechische M«M.
. Bukarest, 31. Dezember. (Del. der „Wr. MorjgenzviWug".)
Die oisiMöse R ad'i o - Ageu-t ur LerüffenMcht über London
eine Tarftelluug -über die SteMuguahme Amerikas zur
gri-ech'ifchen KälviWfrage, worin es heißt: Riulmänion and
JiuigoislliaiivI'ien'schuDen den xV-eretniiWen Staaten hohe Summen,
and diasor UnHand gestattet nicht, daß diese GÄder indirekt
für einen Krieg gegen die - junge Repribilik Griechenland uinv
für die Wiedecherftellmrg einer srernden Dynastie uer-
wendet werden, die mir mit Gewalt auf dam Dhron erhalten
werden kann. Die amer.i!kani>sche Regierung hat keinerlei
Interesse a.n einem Königtum in Griechenland naid auch
in England wird dieses Interesse bald erlöschen, wenn die
. A r d e i-t e r r e gier nt u g aus Ruder gella>nigt.
Anrerika hat -seine Beobachter in Europa oiwfgefordert,
gemüe Edntzechsit-en über die Ereignisse in Griechenland zn
melden. Die anteMan>ische öffentliche Memunjg hält die grie¬
chische Dynästie für endMtng besei-iiigt.
Mehrheit für Achmet Bei.
I« Albanien.
Belgrad, 30. Tezemder. (Aväla.) Die albanischen
Wahlen, die gestern zu Ende geführt niuivden, brachem der
'RegierimP Ach-met Bois-etm-c starke Mehrheit.