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Wiener MoraerrzeltnriA.
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Aus dem Hakenlreuzsumpf.
Ile Fmergkocke als Signal m llndenanrschreilnngen. — Ane merlwlirdige Anklagerede. -
Ile Angeklagten aus freien Fuh gesetzt.
beite S Wien. GamStag
Leo MoMn.
Seit einigen Tagen weilt Leo Motzkin, der Ge¬
neralsekretär des Parker Comite des Delegations juiveS, in
Wien, um hier die Vorbereitungen für die Gründung
einer jüdischen Vvlkerbundliga zu treten.
Diese Verarbeiten hatten, dank der Initiative des durch
Motzkin vertretenen Komitees der jüdischen Delegationen
und der Mitarbeit bedeutender Peuönlichkei en de: Wiener ^
Judcnschast, vollen Erfolg, so daß bereits heute abends im
Festsaale des Ge,verbevereins. 1. Be',., Eschenbnchgassse 11,
die konstituierende Versammlung stattsinden
wird. In dieser hält Obcrrabbiner Dr. Chajes die
Einleitungsrede, das Referat wird von Leo Motzkin e stattet.
Leo Mohkin ist seit langer Zeit ser zählt je)t 67 Jahre)
in der jüdischen Bewegung hervorragend tätig. In Ru߬
land gebürtig, kam er in früher Jugend nach Deutschland
und begründete im Jahre 1889 zusammen mit N. Syrkin
und Tr. Lurje den ersten iüd'ich-nationalen Studenten¬
verein (Verein russisch-jüdischer Studenten) in Berlin.
Aus den Reihen die er Studenten gingen dann die bedeutend¬
sten zionistischen Führer des osteuropäischen Judentums,
unter ihnen Schmarjahu Lewin, Tschlenow, Dr. Eh en-
preis, Dr. Thon u. v. a., hervor. Schon damals hat
Motzkin eine sehr erfolgre'che publizistische und propagandi¬
stische Tätigkeit für den Gedanken der jüdischen Wieder¬
geburt in Palästina entfaltet. Nach dem Auftreten Herzls
schloß er sich dem politischen Zionismus an. Vor dem
zweiten Kongreß (1898) wurde Motzkin mit der Mission
betraut, den Zustand der jüdischen Kolonisa-
tion in Palästina zu studieren, worüber er auch dem
Kongreß einen eingehenden Bericht erstattete. Seit dieser
Zeit steht Motzkin in der zionistischen Bewegung in erster
Reihe. Dem Aktionskomitee gehört er seit 1911 an. Er
gehörte auch zu den aktivsten Mitgliedern, der seinerzeit von
Dr. Chaim Weizmann begründeten demokratischen
Fraktion, deren Programm er ausarbeitete.
Eine bedeutende Rolle fiel Motzkin während des letzten
Krieges zu. Als Leiter des Zionistischen ÄureauS in
Kopenha gen hatte er ein besonderes Verdienst um die
Ausrechtcrhaltung der Organisation. In Schweden organi¬
sierte er auch eine großzügige Hilfsaktion für die notleidende
Judenschaft in den kriegsbedrohten Gebieten. Er wurde auch
mit den Vorarbeiten für den Friedenskon¬
greß betraut und gab eine Schrift „Die Judenfrage
der Gegenwart" heraus, in der er ein ungemein zahl¬
reiches Aktenmaterial zur Judenfrage und ihren Problemen,
die auf dem Friedenskongreß aufgerollt werden sollten, ver¬
öffentlichte. Nach Kriegsschluß wurde er zum Generalsekretär
des von Vertretern der Nationalräte sämtlicher Juden-
schaften Osteuropas gebildeten Comites des Delegations
juives bestellt und hat als solcher unvergängliche Verdienste
bei der Behandlung der Judenfrage auf dem
letztenFriedenskongreß erworben.
Als Generalsekretär des Comite des Delegation-
juives hat Herr Motzkin auch während der Tagungen
des Völkerbundes in vielen Fallen die Juden-
frage in den osteuropäischen Ländern aufge¬
rollt und im jüdischen Interesse interveniert. Zu erwähnen
ist, daß es seinen Interventionen gelungen ist, für die
M e m e l e r Judenschast die Gleichberechtigung, zu erlangen
wie auch zur Klarstellung der Minoritätenfrage in Lett¬
land und Litauen beizutragen. Im Jahre 1921 ist über
Initiative Motzkins di« erste jüdische Welthilfs-
konferenz, deren Präsident er ist, einberufen worden,
und dank seinen Bemühungen wurde die Koordinierung
sämtlicher jüdischer Hilfsorganisationen zustande gebracht.
Außer der zionistischen, hat Motzkin auch eine sehr
rege publizistische Tätigkeit entfaltet. Zu seinen bedeutend¬
sten Werken zählt das vor kurzem neu erschienene zwei¬
bändige Werk über die Judenpogrome in Ru߬
land, in dem Motzkin in ungemein sachlicher Weise die
Geschichte der jüdischen Pogrome in Rußland seit den
achtziger Jahren bis zum Kischinewer Pogrom dargestellt
hat. Motzkins unermüdliche Arbeit für das Judentum
stellt ihn in die vorderste Reihe der Männer, denen der
Dank des jüdischen Volkes gebührt. .
Vertrauensvotum für Palmare.
(Eigendienst vcr „Wiener Morgenzeitung".)
Paris, 15. Februar. Die Kammer hat in ihrer heutigen
Sitzung über Verlangen des Ministerpräsidenten und des
Finanz Ministers, die die Vertrauensfrage stellten,
mit 330 gegen 242 Stimmen den Abänderungsantrag
Bonnefous abgelehnt, wonach 80 Millionen Titres zu. 50
Franken begeben werden sollen, die binnen 20 Jahren zum
Nominalbetrag zu tilgen wären, wobei die Verzinsung durch
Prämien von 500 bis 100.000 Frauken ersetzt würde.
Ministerpräsident P 0 i n ca r e erklärte, es handle sich
nicht darum, eine Frage des Staatsschatzes zu regeln, son¬
dern in Zukunft das Gleichgewicht des Budgets
der von Deutschland zurückzuerstattenden Ausgaben durch
Deckung der ständigen Budgetausgaben mittels st a n d i-
ger Einnahmsquellen zu sichern.
Die Kammer verwarf ferner mit 372 gegen 195 ©tim*
men über Verlangen' der Regierung den Abänderungs¬
antrag Uhry, wonach die Geschäftsleute und Industriellen
zur Anmeldung ausländischer Devisen verpflichtet sein
sollen, und mit 405 gegen 105 Stimmen den Abändevungs-
antrag Aubriot, der eine außerordentliche und pro¬
gressive Besteuerung in der Form, der Abführung.des Ein¬
kommens von einem oder mehreren Arbeitstagen je nach der
Größe des Einkommens vorsieht.
Deputierter Castel (soz.-rad.) begründet- sodann
einen Abänderungsantrag aus Einführung einer Ver-
Aus Berlin berichtet I. T. A.: Bor der Strafkammer
zu N 0 senbcrg send vor kurzen: die Verhandlung gegen 16
Personen statt, die an den bekannten Jndenausschrei-
t u n g e n am 8. November vorigen Jahves in Fre y st u b t
teilgencnnmen haben.
Die Beweisaufnahme ergab, baß um die sechste Abend¬
stunde des genannten TageS plötzlich die Feuerglocke in
Freystadt läutete und im Nu eine nng-heure Menschenmenge
zusammenströmte, unter der sich auch die Angeklagten befarw.m.
Den Anfang machte die Menge bei dem Lkoufmann Mar-
kowski, wo die Echmifenstcr emgeschlagrn und der an den
Hof angrenzende Warenspelcber mn Miliiarröcke, Stiefel nsw.
beraubt wurde. Aus der Menge tönten h'n und wieder die
Ruse wie: „Heraus mit den Juden!" und dergleichen. Durch
den Tumult in Aufreanng versetzt, hat der jüdische Kaufmann
Schier aus einen: Fenster des Dachgeschosses se-nes Wohn¬
hauses zwei Schreckschüsse abgefeuerl. Das steigerte die
Wut der Tumultanten und nun zertrümmerten sie die Tür des
Schierschrn Hauses, nachdem sie vorher das Schaufenster zer¬
schlagen hatten.
Oberstaatsanwalt T r i n t kam in seinem Plaidoyer zu
dem Schluß: Um eine antisemitische Hetze, ähnlich den Po¬
gromen russischer Art, handle es sich nicht. Die Not der Zeit
und die persönliche Not der Angeklagten, die durch wuck)erische
Gebaren «cmfoereizt worden feien, haben den Aufruhr ent¬
fesselt. Daß es sich hierbei um jüdische Kausteute handle,
sei zufällig, toeil eben das Gros der Freystädier Geschäfts¬
welt in diesem Falle Inden seien und solche waren, von denen
in der Bevölkerung Wucher behauptet würde. Den fünf Ange¬
klagten, die während des Tumults einige Stellen aus dem
Ehrhardt-Lied sangen, sei zu glauben, daß sie
es nicht taten, um aufreizend zu wirken. Mit
scharfen Worten wandte sich der Oberstaatsanwalt sodann
gegen die Schüsse des Juden Schier.
Der Gerichtshof erkannte nach einhalbstündiger Beratung
gegen die Angeklagten Klawon, Bogdcm, Grabowski und
Tischmann auf die Mindeststrafe von je «einem Jahr Ge¬
fängnis, gegen' Bieber, Kaiser, Liedtk«, Kle'st, Kolbe, Lu-
brncru, Prange und Roßbach lautete das Urteil auf die Min-
deststrafe von je drei Monaten. Sämtlichen Angeklagten,
soweit sie verurteilt worden waren, wurde Strafaussetzung mit
«einer Bewährungsfrist von drei Jahren zuge¬
billigt, so daß sie straflos bleiben, sobald ihnen innerhalb dieser
Zeit kein neues Verbrechen nachgewiesen werden kann.'
Ritualmordhetze in Patzer«.
München, 18t Februar. (I. T. A.) Die feit kurzem in
München erscheinende neue nationalsozialistische Tageszeitung
„Völkischer Äutfter" versucht in ihren letzten Nummern, die in
Deutschland bislang ungewöhnlich geivesene Rilualmord-
hetze neu aufzuwärmen. In ihrer Nummer vom 8. d. bringt
die Zeitung eine Schilderung über „Das jüdische Blutritual",
in welchem gesagt wird, der Jude sei fest überzeugt, ohne den
Genuß des Blutes seiner Wirtsvölker bei diesen sich nicht be¬
haupten, geschweige denn sie restlas aussaugen zu können. Die
Zeitung gibt di« folgende Schilderung eines ihrer „wissen¬
schaftlichen" Mitarbeiter:
„Bezüglich des Rituales fei hier nur bemerkt, daß es
öuf jede Weise geheim gehalten und nur jeweils der geeig¬
netste Sohn vom Familienoberhaupt eingeweiht werden soll,
daß als Opfer tunlichst jugendliche Personen männlichen
Geschlechts vor Eintritt der Pubertät gesucht, daß diese zu¬
nächst' langen, qualvollen Martern, zum Beispiel durch Auf-
hängen an den Bäumen oder durch Kreuzigen, auSgesetzt
werden, worauf ihnen das Blut durch Oeffnen der Arterien
an verschiedenen Körperteilen biS auf den letzten Tropfen
Finanzminister de Lasteyrie verlangte die Ab¬
trennung «des Entwurfes, da er nicht genügend erwogen sei,
und stellte die Vertrauensfrage. Die Abtrennung
wurde hievcmf mit 353 gegen 201 Stimmen ange¬
nommen.
Frankreich» Gelbbuch.
Kein Einspruch Englands.
London, 16. Februar. (Tel. der „Wiener Morgen-
zeitung.") Nach einer Meldung des „Daily Telegraph" be¬
nachrichtigte Mac Donald P 0 i n c a r e, die englische Re¬
gierung habe gegen die Veröffentlichung des neuen französi¬
schen Gelbbuches über Frankreichs Sicherheit
nichts einzuwenden. Poincare, der in dem Gelbbuch einen
Ueberblick über sämtliche Etappen dieser Frage während der
Friedenskonferenz zu geben beabsichtigt, hält das Buch, in dem
die französische Politik sehr gut verteidigt werde, für ein erst¬
klassiges politisches Dokument.
Sine Anschuldigung gegen Harbins.
Der Verkauf des „Marion Star".
Washington, 15. Februar. (Tel. der „Wiener Moigen-
zeitung".) Der New-Dork^r Bankier van der Lipp ist vor
die Unkrs-uchmlgskvmm'lffion des Senats berufen worden»
weil er seinerzeit dem früheren Präsidenten Harding
di« Zeitung „M a r i 0 n S t a r" für 10 0.0 00 Dollar
abgekauft hat. Diese Summ« wird als v i e l z u h 0 ch an¬
gegeben, und man fragt sich,' ob Nicht auchHarding in
irgend welche unlautere Manöver verwickelt ge-
i Wesen sein könnte.
entzogen wird, daß ferner dieses Blltt. das in den Synagogen
und auch von herumreiscuden Inden um schweres Geld ver¬
kauft wird. zur. Beimischung in die ungesäuerten Brote, zum
Besprengen der Speisen, znm Bestreuen der Wunde bei der
Bcschnoidnng, zur Würzung deS EieS, das die hebräischen
Brautleute bei der Trauung verehren, zur Heilung von
Krankheiten, zur Beschwörung Verstorbener bei yestat-
tunaen usw. gebraucht wird, daß also Wohl der gesamte he¬
bräische Kult von diesem Bli^ritual durchsetzt ist, im Blut-
gchermnis ausgeb:. Hierbei stehen das Purim- und da-
Passahfcst au erster Stelle. Dieser llnlstand erklärt auch
Wohl zum Teil das spurlose Verschwinden so vieler Kinder
gerade um die Zeit der jüdischen Ostern.
Bemerkt sei noch, daß dieses Opferblut nur «auf die
Dauer von sieben Jahren als wirksam erachtet wird, wes¬
halb in dieser Frist der rituelle Blutgenuß zu erneuern ist.
Grund genug, die Juden nicht nur auszuweisen, sondern sie
angesich's ihres feit Jahrtausenden verübten rituellen Vam-
pirtums vor unerhörter und unüberbietbarer Scheußlichkeit
aus der Menschheit auszuschließen?
Diesen Artikel versieht die Rodaktion mit der folgenden
Bemerkung:
„Mr kennen den Verfasser als einen.Maim, der eigene,
aber sorgfältig überprüfte Wege geht. Mit den Einzelheiten
der Abhandlung können wir uns nicht restlos (sic!) einverstanden
erklären, besonders nicht mit dem Schlußsatz. Im übrigen
hoffen wir, daß die Abhandlung unseres Mitarbeiters zu einem
fruchtbaren Gedankenaustausch über, die bmrkl»
Frage des Ritualmordes führt."
Ae LrganiMon Konsul.
Berlin, 16. Februar. (I. T. A.) Das Ermiltlungsver-
fahren gegen die Organisation Consul, da's im
Berlau.se der Voruntersuchung im Rathenau-Prozcß gegen
zahlreich? Mitglieder dieser Bewegung eingeleitet worden
war, ist nach mehr als einjähriger Tauer zu seinem Ab¬
schluß gekommen. Aiwenblicklich schweben Erwägungen
darüber, ob der Fall dem Staatsgerichtshof überwiesen
oder au die ordentlichen Gerichte abgegeben werden, soll.
Nach Entscheidung dieser Frage dürfte dann gegen di«
40 Beteiligten die Anklage wegen Geheimbö«-
de!ei schoben werden.
Sie Wiener Roßbach-Nruvve an¬
geblich aufgelost.
Die „Wiener Nachrichten" melden: Der Leiter des
„Vaterländischen Schutzbundes", der Kampforganisation der
österreichischen Nationalisten, Oberleutnant Schale!, ist
von der Leitung dieser Organisation zurückge treten.
Die Gruppe „Roßbach", welche bei verschiedenen An¬
lässen von sich reden gemacht hat, in letzter Zeit aber bei
der eigenen Partei in Verruf geraten war, hat sich auf-
Sberst Bauer — militärischer
Instruktor für Wim.
Wie wir erfahren, wird Oberst Bauer, der sich trotz
steckbrieflicher Verfolgung durch die deutschen Behörden Wege»
Beteiligung am Kapp-Pütsch unbehelligt hier aufhallen und
so an der vöMschen Bewegung Mitarbeiten konnte, in nächster
Zeit Wien verlassen. Ihm nahestehende Freunde teilen mit,
daß er von der chinesischen Regierung mit einem
Monatsgehalt von 8V0V Dollar zum militärische-
Experten berufen worden sei.
Kein englisch-deutscher ssnrbftossMomme«.
London, 15. Februar. Der Plan eines Abkommens
zwischen der englischen und deutschen Farbstoffindustrie ist
gescheitert.
Ae SnWatiichnng der deutschen Reichsbahn.
(Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".)
Berlin, 15. Februar. In einem Erlasse an di« Beamten,
Angestellten und Arbeiter der deutschen Reichsbahn gibt
der Verkehrsmini st er bekannt, daß die Reichsbahn
von heute ab ein selbständiges Unternehmen
ist. Die Geschäfte des Unterm>hmens werden bis aus wei¬
teres unter Aufsicht und Leitung «des ReichisverkehrsMinisters
geführt.
Nach einer offiziös n Mitteilung bereitet der Reichs-
verkehrsminister eine weitgehende Dezentralisa¬
tion in denjenigen Ve.waltungszweigen vor. die dazu ge¬
eignet sind. Von Bayern wird das bayrische Rc': selbst
verwaltet werden. Dieses Entgegenkommen an Bayern hat
die preußische Regierung zu der Ekrlärung ver¬
anlaßt, daß sie für Preußen dieselben Rechte in Anspruch
nehmen wolle.
Ae Unrnheu in Pirmasens.
Pirmasens, 15. Februar. (Wolfs.) Die Zahl der bei
dem Blutbad nms Leben gekommenen Personen wirb
auf 20 geschätzt. Taru-nter befinden sich 16 Separatisten
und 4 Zivilpersonen. Ein Teil der noch hier anwesenden
Separatisten wurde gestern abends unter französi«
scher Bedeckung in Automobilen aus der Stad
fördert. Ein weiterer Teil befinde sich noch bei d'