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Wie«. Montag, 1. Februar 1926
8. ZaHrgaug
Sie schwarze Reichswehr.
Sin Sensationsprozeß in Berlin.
£cufe beginnt in Berlin ein Seu.'attonsprozeß, «der in die
Fclueincrsc der Formationen der sogenannten „Schwar¬
ze v R c i ch s w e h r" Einblick gcben und auch die myste¬
riöse Nolle des vielgenannten Oberleutnants Schulz auf¬
klären Helsen soll. Schulz wind als Mitschuldiger an der Er-
morsnng des Leutnants Sand, des FelÄvcbels Leg euer
und des Feldwebels W i l m s genannt. Er selbst ist im Prozeß
zwar nicht angeklagt, sondern wird erst in kommenden
Verhandlungen den Richtern Rede und Antivort stehen
müssen.
Aus der 'Anklageschrift ist folgendes zu entnehmen:
Im Frühjahr 1923 wurde in Döberitz der Schütze Erich
Panier ermordet. M.m hatte ihn verdächtigt,
ein Spion der Kommullisten
zu sein.' Er gehörte einer Komsxignie der „Schwarzen Reichs¬
wehr" an. Wie später festgestellt wurde, hatte Panier eines
Tages vor seinen Kameraden Angst bekommen. Er ahnte, daß
man etwas gegen ihn im Schilde sühre und flüchtete in Zivil
noch Berlin zu seinen Eltern. Die Todesahnung, die er hatte,
sollte sich bald bewahrheiten. Eines Tages erschienen bei dm
Eltern Paniers der Feldwebel Schirmann, der sich auf einen
Befehl des Kompagniekommandanten Wenn berief, und er¬
klärte Panier für verhaftet. Der Schütze folgte dem
Schirmann, 'hatte über offenbar 'das Gefühl, zur Schlachtbank
geführt zu werden, denn er rief, während er durch die Straßen
Berlins geführt 'wurde, einen Verkchrsschntzmann um Hilfe
an. Der Schutzmann schritt ein und nun ereignete sich fol¬
gendes Merkwürdige. Beide wurden auf die Polizeiwache ge¬
bracht. Man rief die militärischen Behörden an, wie es die
Vorschrift erforderte und 'der erhaltene Bescheid lautete, man
hatte Schirmann und Panier zum Wehrkreiskommando 3
abzuliesern. Dort wurde wieder gründlich festgestellt^ daß
Schirmann einen ordnungsmäßigen Reichs-
wehrausweis habe. Es ging also alles in Ordnung.
Kurze Zeit später holte Leutnant Benn Schirmann und Panier
von dort ab und fuhr mit ihnen nach Döberitz. Auf diese
Weise war das Opfer förmlich
mit Hilfe der Behörden ! ,.!^ I /
für den kommenden Mord sichergestellt worden. ‘ i i •
BiaNl in London.
London, 1. Februar. (I. T. A.) Die englische Zionist
Federation und 'das Landeskomitee für den Keren Hajessod
veranstalteten, wie schon kurz mitgeteilt, zu Ehren Eh. N.
Bialilks einen Empfang. Mr. Philip Guedalla
führte den Vorsitz. Begrüßungen sandten unter anderem
Israel Z a n gw i l l und Reichsrabbiner Dr. Hertz.
Biäl-ik antwortete auf die Toaste und führte aus: Zang-
will hat viele Jahre !lang ein Land für die Juden gesucht und
ist schließlich müde geworden. Wir haben ein Land und silchen
nun das V o l k f ü r d a s Land, aber wir werden nie¬
mals nrüde werden. Jch.lväre gern in Palästina geblieben,
wo allein ich mich glücklich fühle und wo ich wieder meiner
Arbeit leben kann, 'wieder Lieder singen kann, allein ich muß
hingehen, an die Türen pochen, um die Juden an ihre Pflicht
zu mahnen. Man hat mich hier mit Wünschen überschüttet, ich
aber habe nur den einen Wunsch, bald wieder in die Heimat
zurückkehren zu könnet:.
BSrgerrechtrraub vor dem Völkerbund.
Genf, 1. Februar. (I. T. A.) Die Völkerbmtdkotnmiission
für die Kodifizieruug des internationalen Rechtes hielt heute
unter dom Vorsitz des schwedischen Professors Hamars-
t j öld eine öffentliche Sitzung ab, in der beschlossen wurde,
über sieben Gebiete, die zu einer internationalen Kodifikation
reff sind, Fragebogen an die Regieruitgen zu enffenden. Die
erste Frage betrifft die Wdevsprüche irr den Gesetzen über die
Staatsangehörigkeit, die dazu führen, daß Tau-
serrde und aber Tausende Personen der Staatsbürgerschaft in
den verschiedenen Ländern verlustig gehen, ohneeinean-
dere Staatsbürgerschaft erlangen zu kön-
n e n. Eilte artdere Frage betrifft die V e r a n t w o r t l i ch-
keit der Staaten für Schädigungen, die ans
deren Gebiet Ausländerrt an Person und Eigentum zuge¬
fügt werden.
Um halb 5 Uhr rnorgens erklärte der Feldwebel Schir¬
mann dem Schützen Panier am nächsten Tage, er würde ihn
nach Berlin zurückbringen, um ihn dort freizulassen.
Man ntachte sich also auf den Weg. Außer Schirmann wurde
Panier noch von den Feldwebeln Stein, Aschenkampf und
Schmidt ^begleitet. Als sie in der Nähe des Franzenbusches
angelangt waren, machte:! sie Halt. Schirmann entfernte sich
unter einem Vorwand. Im selben Augenblick zogen Aschen¬
kampf und Stein
ein verborgen gehaltenes Beil
hervor und schlugen ihn mit dieser Waffe auf den
Schädel, so daß er blutülerströmt zusammenstürztö und
auf der Stelle starb. Die Mörder verscharrten die
Leiche in einem nähen Birkenwäldchen.
Ins Lager zurückgekehrt, meldeten die Feldwebel dem
Leutnant Benn, daß sie seinen Befehl ausgesührt hätten.
Benn hatte nach zwei Tagen Bedenken,
ob die Leiche auch tief genug vergraben sei,
und sendete darum die Feldwebel Schirmann, Aschenkamps
und Stein neuerlich an den Tatort, die nun die Leiche in einem
früheren Uebungsschützengraben etwa zweieinhalb Meter tief
vergruben.
Die Anklage richtet sich gegen die Fe-d'webel Schirmann,
Stein uttd Aschenkampf wegen Morde s, gegen Feld¬
webel Schmidt wegen Beihilfe zum Mord, gegen die
Offiziere Haüptmann G u t k n e ch t, Oberleutnant Freiherr
v. Senden und Leutnant Benn wegen Anstiftung zum
Morde, gegen den Oberfeldwebel S t e tz e l b e r g wegen
unterlassener Anzeige, gegen M e d e r s, S e n t h l a g e und
Z e i t I c t wegen Begünstigung: .. = ...
Schirmann, Aschenkampf, Stein und Schmidt sind
in der Hauptsache geständig.
Nach der Anklage ist der Befehl zur Ermordung vom Leut¬
nant Benn ausgegangen. Haupimann Gutknecht und Ober¬
leutnant Senden sollen mit dem Mord einverstanden gewesen
sein.
Bon der Anklagebehörde sind nur vier Zeugen ge¬
laden, von der Verteidigung acht. Wenn keine zeitrauben¬
den Zwischenfälle eintreten, soll der Prozeß, in drei Tagen zu
Ende geführt iverden.
Die Foinlarbeit in Polen.
Warschau, 1. Februar. (I. T. A.) Die gegenwärtig in
Warschau weilenden Jointsührer Dr. Bernhard Kahn und
Dr. David Schweiger mußten ihren Aufenthalt verlän-
gern, da sie täglich von zahlreichen Abordnungen von Wohl¬
fahrtsvereinigungen Polens bestürmt werden, sie zu empfan¬
gen. Auch das Warschauer R a b b i n a t 'bat, eine Ab¬
ordnung Warschauer Rabbiner zu entpfangen, die über die
nicht wiede rzugebende Not der Warschauer Judenheit. tmd
über die Lage der A g u n o t h (Frauen int Kriege und
anderswo verschollener Männer) Bericht erstatten wollen. Die
Herren vom Joint wohnten auch einer Beratung der jüdi¬
schen Kreditgenossenschaften Polens, in der
über die Beschaffung von Krediten für die werktätige Bevöl¬
kerung beraten wurde, bei. Ferner hatten sich Abordnungen
der größerett jüdischen Gemeindett Polens eingefunden. Es
stellte sich heraus, daß in Polen für 12.000 Bolltvciiscn ttnd
15.000 Halbwaisen zn sorgen ist, ferner für viele tausende
verwahrloste und schwindsüchtige Kinder.
JointhiLfe für Oesterreich.
Wien, 1. Februar. (I. T. A.) Wie der J.-T.-A.-Ber-
tretcr erfährt, har die Direktion der Berliner Joint-Jca-
Fondation bestimmt, daß in den nächsten drei
I ahren je 50.000 Dollar jährlich dem österreichischen Hilfs-
lverk zugeführt lverden. Anßerdent soll die vor drei Jahren
vom Joint gegründete jüdische Darlehenskasse mit
weiterem Kapital gestützt werden.
Der Sttelk in Warschau.
Warschau, 31. Jänner. (Poln. Tel.-Ag.) Der ArbeitS-
minister Hai mit der Gewerkschaft der T lep h o n a n ge°
stellten zwecks Liquidierung des Streiks Berhundlungen einge¬
leitet lmd eine Bermittluiigsformel sowie einen Schiedsspruch der
Regierung vorgeschlagen. Beide Pari eien haben versprechen, diese
Vorschläge, in Beratung zu ziehen. Aehnliche Berhandlmrgeu ha!
der Arbeitsminister mit den Straßenbahnern gesührt.
Helmut von verlach 88 Fahre alt.
Morgen wird der Vorkämpfer für Demokratie itt
Deutschland, Helnntt v. G e r l a ch, sechzig Jahre all.
Der Jubilar, der einer der erfolgreichsten lind mutigsten
Bekämpfer der antisemitischen Seuche ist, wurde arm
2. Februbar 1866 tn Mönchmotschelnitz in Schlesien ge¬
boren. Er wurde in die deutsche Politik durch den cutti-
semitischen Hofprediger Stöcker eingcführt. Auch in
dem antisemitischen Verein deutscher Studenten vertrat
er Stöckersche Gedankengänge. In seinen Erinnevrmgs-
büchern „Meine Erlebnisse in der preußischen Ver¬
waltung" und „Lebensevinneruugen eines alten Jun¬
kers" schildert er, wie er insbesondere durch A h l-
wardts Auftreten die Unmoral der antisemiti¬
schen Belvegnng erkamtte und wie sein erstes Zusammen¬
treffen mit Juden ihn zum ntutigen Vorkämpfer für die
Gleichberechtigung der Juden machte. Eine
Zeitlang war er liberaler Reichstagsabgeordneter, nach
der Revolution war er kurze Zeit Unterstaatssekretär im
Ministerium des Innern. In der Zeitung „Die Welt
am Montags hat er sich ein breites Fovum für den
Kampf gegen jedes Unrecht und für die Durchsittlichung
der Welt geschaffen.
Gerlach veröffentlicht in der „Jüdisch-liberalen
Zeitung" einen Artikel über „Der Jude in der Politik",
. in welchem er an Hand von Daten und Tatsachen nach¬
weist, daß die Inden von Natur keineswegs ein politisch
radikales Element sind. Man sieht sie zum Beispiel in
England, Frankreich und in anderen Ländern in allen
Parteien. Sehr oft haben Juden konservative Bewegungen
tnitschasfen geholfen und haben führende Stellungen in
der Politik wie im Staatswesen eingenommen. Nur im
kaiserlichen Deutschland verstand es sich von selbst, daß
die Juden zur Opposition gehörten. Ihnen war außer
dem Offizierskorps auch jede wichtige Stellung in Ver¬
waltung und Diplomatie verschlossen. -Sie .waren .prak¬
tisch nur Staatsbürger zweiter Klasse. Wenn sie die recht¬
liche Gleichstellung i.n eine Tatsache umwandeln wolltett,
konnten sie sich natürlich nicht den herrschenden Gewalten
anschließen,, die ja dem bestehenden Zustand verewigen
wollten, sondern sie mußten sich zu den Parteien halten,
für die das Wort von der Gleichberechtigung aller Staats¬
bürger keine leere Phrase war.
° Ueber die Zustände im neuen Denischlartd schreibt
Gerlach:
„Zweifellos haben, namentlich in der ersten Zeit
nach der Revolution, eine größere Zahl von Juden
führende politffche Stellungen eingenommen. Aber etlva,
weil sie Juden waren? Nein, obwohl sie Juden
waren. Es gibt keine einzige Partei/ in der eine'
Judensreundlichöert derart existierte, daß die Zugehörig¬
keit zum Judentum als eine Art Etttpfthlnngsbvief gälte.
Man kann vielleicht sagen, daß bei den Kommunisten ;
und Sozialdemokraten überhaupt nicht nach der Ab¬
stammung gefragt wird. Aber schon bei den Demo¬
kraten glaubt man manchmal gewisse Rücksichten
nehmen zu müssen. Oder hält man es ettva für einen Zu¬
fall, daß ein Mann tvie Hugo Preuß zwar für ge¬
eignet zur Abfassung der Reichsvevfasiung, aber nicht für
geeignet für eine Neichstagskandidatur gehalten wurde?
Wenn mehr Juden, als den: Bevölkerungsprozent¬
satz entspricht, eine politffche Führerstellung einnehmen,
so einfach um deswillen, weil die jahrhunderte¬
lange Verfolgung und künstliche Iso¬
lierung ihren politischen Blick geschärft und sie zur
Aktivität exogen hat. Ihr besonderes politisches
Interesse ist nicht das Produkt ihrer sogenannten Rasse,
sondern die Folge ihrer Geschichte. Die hat sie
im Durchschnitt politisch regsamer und politisch i-nter-
esiierter gemacht als den Durchschnitt ihrer Mitbürger.
Smigratloarsragen auf der «rbeitrlonferenz.
Genf, 1. Februar. (I. T. A.) Aff der Tagesordnung der im
Mai und Juni d. I. in Genf stattfindenden Beratungen des
Internationalen Arbeitsamtes mit Vertretern der interessierten
Staaten stehen auch Fragen der Emigration. Bon ver¬
schiedenen Regierungen sind bereits die Antworten auf die
vom Internationalen Arbeitsamt an sie gestellten Fragen einge-
troffeu.
Straberikömvfe in Damaskus.
Damaskus, 30. Jänner. (Havas.) Die Bauer n haben aus
der Vorstadt von Damaskus die Räuber verjagt, die auf
der Flucht ihre Toten zmücklüßen. Durch das Bombardement von
Johar iit der Umgebung von Damaskus wurden den Aufständischen
ernste Perluste jUHefirgi.