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Vr. Vloch's Wmhrnptzrtst
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erschüttern und die besseren Elemente des Volkes tit Widerspruch
zu der Staatsleitung zu bringen.
Zu diesen Braven gesellt sich noch Sebald t. Dieser
racenreine Germane, wie er sich selbst nennt, schrieb an den
Herrn Oberstaatsanwalt Dresche r eitlen Briefs in welchem
er einräumt, der Polizei gegen Bezahlung gewünschte Infor¬
mationen gegeben zu haben, was er selbstredend für ehrenvoll
hält. Dieser polizeigefällige Herr ist aber bis vor Kurzem Re-
dactenr der „Deutschen Zeitung" des Obergermanen Friedrich
Lange gewesen, er ist also zweifellos ein waschechter Antisemit.
So also sieht die auserlesene Gesellschaft ans, die es wagt,
von der Verkommenheit der Judenpresse zu sprechen. ^Das also
ist die Moral dieser Geister, die täglich über die Sittlichkeit
der Juden zu Gericht zu sitzen sich erdreisten. Wahrlich, die
Judenheit kann sich zu diesen Feinden gratuliren, denn von
solchen verkrachten Existenzen gehaßt zu werden, ist eine Ehre.
- F. S.
Madame Furtado-Heine.
Paris, 14. December 1896.
Madame Furtado-Hein , welche gestern im Park ihres
Schlosses Rvcquencourt, an der Versailler Bahnlinie, beerdigt worden
ist, war eine große Wohlthäterin. Es war in den letzten Jahren viel
von ihr und von ihren Wohlthaien die Rede, und es war vielleicht
sogar ein ganz klein wenig zuviel davon die Rede. Aber wenn auch
die oft etwas geschmacklosen Huldigungen, mit welchen die Boulevard-
Journalisten diese Wohlthäterin überhäuften, ganz dazu angethan
waren, den Widerspruch hervorzurufen, so kann doch Niemand es be¬
streiten : Madame Furtado-Heine hat ihrem Vaterlande und besonders
den Armen und „Enterbten" ihres Vaterlandes gut gedient.
Zu ihren vornehmsten Schöpfungen gehören eine Armenapotheke
und eine Kleinkinderbewahranstalt. Daneben lieh sie besonders einem
Blindeninstitnt und mehreren Waisenhäusern ihren Beistand. Im
vorigen Frühjahr machte sie ihre Billa in Nizza dem Staate zum
Geschenk, mit der Bedingung, daß Reconvalescenten ans dem Osfi-
ciersstande, zunächst besonders die ans Madagaskar heimgekehrten
Fieberkranken, dort Aufnahme fänden. Als vor einigen Monaten die
Kleinkinderbewahranstalt eröffnet wurde, überreichte ihr der Minister
des Innern, Bart hon, im Namen der Regierung das Kreuz der
Ehrenlegion .... ein Kreuz, das nur sehr wenigen Frauen bisher
zu Theil ward.
Im Ganzen soll Madame Furtado-Heine in den letzten Jahren
zwanzig Millionen für wohlthätige Zwecke verwendet haben.
Trotzdem bleiben ihren Erbe», wie mau sagt, noch hundert und
zwanzig Millionen, das Schloß Rvcquencourt und mehrere Häuser
in Paris.
Madame Furtado-Heine — von Hause aus eine Fonld —
hatte in zweiter Ehe einen Sohn Salomon Heine's, des Hamburger
Onkels unseres Heinrich, geheiratet. Die Fonld, die Furtado und die
Heine waren und sind bekanntlich recht begüterte Familien. Nur das
e i n e Genie,das in diesen Familien austaucht, der eine Heinrich Heine,
war „ein armer Verwandter".
Die hundertundzwanzig Millionen sollen angeblich (nach Aus¬
scheidung der Legale rc.) in zwei Theile getheilt werden. Den einen
Theil erbt die Adoptivtochter der Verstorbenen, die Herzogin von
R i v o l i, welche in erster Ehe mit dem General Michel Ney, Herzog
von Elchingen, vernrält g,wesen (der G n-'ral hat sich 1881 unter
ziemlich mysteriösen Umständen erschossen) und fünf Kinder aus ihrer
ersten Ehe hat: Napoleon von Elchingen. Fürst von der Mvskawa,
Jean, Herzog von Elchingen, Rose und Charlotte von Elchingen
und Cacilia von Elchingen, vermält mit dem Prinzen Joachim
Murat. Den anderen Theil der Millionen erbt diese letzte Enkelin
Cäcilia, die sich damit auf lange Zeit hinaus vor jeder Roth geschützt
sieht.
Man bemerkt, daß Madame Furtado-Heine mit der Creme des
napoleonischen Adels verwandt war. Sie hatte die Ney und die Murat
in ihrer Familie. Dieser Adel ist nicht ganz so gut wie der orleanistische
er ist gewisiermaßen nur zweitclassig, aber immerhin — der alten
Dame hat es gewiß Vergnügen gemacht, einen Enkel zu haben, der
„Prinz von der Moskawa" heißt. Eine der Ersten, welche nach dem
Tode der Madame Furtado-Heine den Hinterbliebenen telegraphisch ihr
Beileid kundgaben, war die Exkaiserin Eugenie. Doch auch der
Herzog von Orleans sandte ein Telegramm. Bonapartismus, Orleanis-
mns und Republik beugten sich vor der Wohlthäterin.
Madame Furtado-Heine war Jüdin geblieben, eine im Herzen
gläubige Jüdin. Sie hatte den Wunsch ausgesprochen mit dem ganzen
Ceremoniell ihres Glaubens beerdigt zu werden. An ihrer Bahre be¬
teten und sprachen vier Rabbiner: der Großrabbiner von Frankreich,
Zadoc-Kahn, der Großrabbiner von Paris, der Rabbiner von Paris
und der Rabbiner von Versailles. Die Synagogenchöre sangen. Und
im Park, am Wege zu der Grabstätte, machten Dragoner mit ihren
Lanzen Spalier. Als die Gärtner des Schlosses den Sarg vor¬
übertrugen, senkten sie die Lanzen. Dem Sarge voraus schritt ein
Officier, der auf einem Kiffen das Kreuz der Ehrenlegion trug. Neben
dem Sarge schritten die männlichen Mitglieder der Familie: die Her¬
zoge von Nivoli und von Elchingen, die Prinzen von der Moskawa,
Murat, Della Rocca, der Graf Fery d'Esclands und die Herren Heine,
Curdvza und Rodrigues, und dahinter: der Minister des Innern
' Barthon, als Repräsentant der Regierung, der Commandant Moreau,
} als Vertreter des Präsidenten der Republik — dann die Vertreter des
Kriegsministers, des Gouverneurs von Paris, der Seine-Präfectur;
Mitglieder der französischen Aristokratie, wie die Herzoge von Mont-
morency und Monchy, die Grafen de Breteuil und de Beaumont;
Mitglieder der Geldaristotratie, wie die Rothschild, die Weißweiller,
Ephruffi, Ster», Fould, Beer, Schlumberger und die Deputationen
aller Wohlthätigkeitsanstalten, welche Madame Furtado-Heine gegrün¬
det oder beschenkt.
An dem gleichen Tage war der russische G r o ß s ü r st N i k o l a s
N i k o l a j e w i t s ch der Gast einer anderen französischen Finanzgröße,
des Grafen Raphael Cahen d'A n v e r s. Ans dem Jagd¬
schloß ins Finanzmannes im Departement Seine-et-Oise fanden sich
bei Vieser Gelegenheit die Töchter des Grafen, die Schwiegersöhne —
lauter Herzoge! — und zahlreiche Aristokraten mit klangvollen Namen
zusammen. Und diese zwei so verschiedenen Ereignisse — das Begräb-
niß der wohlrhätigen Frau Furtado-Heine und das Gastmahl der
Cahen d'Anvers — sind doch in ihrem Verlaus Beweise für ein und
dieselbe Sache. Sie zeigen, wie wenig in Frankreich der Antisemi¬
tismus das gesellschaftliche Leben störend beeinflußt hat.
Nicht wie anderswo hat er hier die Gesellschaft in zwei Lager geschieoen,
und ich möchte hinzufügen, daß das nicht nur für d i e Gesellschaft
zutrifst, in welcher die 120 Millionen-Bermögen zu Hause sind, sondern
auch — und fast mehr noch — für die Gesellschaft mit bescheidenen
Einkünfte.", für die Kreise des guten Bürgerthums.
Oesterreichische Moralstatistik. Das soeben zur Ausgabe ge¬
langte VrüteHestdeS45 Bandes der österreichischen Statistik enthält dieEr-
gebnisse der Strafrechtspflege während des Jahres 1893. Uns interessirt
natürlich nur der Antheil, den die ö st e r r e i ch i s ch e n Juden an
dieserStatistik haben, undzwar gerade umsomehr. a!S eine lebhafte
Hetze in neuester Zeit gegen die galizischen und ungarischen Inden,
welche sich in Preußen aushalten, ins Werk gesetzt worden ist, die viel
Schrecken anzurichten und selbst auf die Anschauungen jüdischer Kreise
zu reflectiren droht. Nun denn, die österreichischen Juden dürfen mit
Stolz auf die Ergebnisse dieser amtlichen Veröffentlichungen sehen,
und die viel geschmähten galizischen Juden haben noch mehr Grund
zu diesem Stolz als die anderer Provinzen der Nachbarmonarchie. Die
Zahl aller Verbrechen ist von 30.867 ans 28.498, d. h. um ca. 7 pCt.,
gefallen, die der bestraften jüdischen Verbrecher von 1157 aus 1012,
d. h. nm ca. 13 pCt., zurückgegangen. Da die Jaden 4 8 pCt. der
ganzen Bevölkerung des österreichischen Staates ausmachen, so hätten
nach der Seelenzahl auf sie 1349 Bestrafungen entfallen sollen; es
waren aber nur 1012, also nm ein Viertel weniger, als zu erwarten
war, oder statt 4 8 PCt. (wie bei der Bevölkerung), bei den Ver¬
brechen nur 3-6 PCt. Wenden wir uns nun zu den galizischen Juden
speziell, so finden wir folgende Ziffern:
Bestrafunqen wegen Verbrechen überhaupt: Rückgang:
1892: 8112, 1893: 6943. U l / 2 pCt.
Galizische Juden bestraft: Rückgang:
1892: 773,1893: 628. 19 pCt.
Ferner: Bestrafungen wegen Verbrechen in Galizien überhaupt
1893 sind 6943, da nun die Juden in Galizien 11 ^/ 3 pCt. der Be¬
völkerung bilden, würden auf sie 788 Fälle kommen, da aber nur
628 bestraft sind, so ist bei den Juden in Galizien der Stand der
Criminalität viel günstiger als bei den Nichljuden. Aber auch gegen¬
über den Israeliten der anderen Provinzen Oesterreichs trifft dasselbe
zu, wie aus der folgenden Gegenüberstellung hervorgeht:
1893 wurden in Oesterreich bestraft im Ganzen 1012 Juden
wegen Verbrechen; da nun 69 pCt. der Israeliten dieses Staates
aus Galizien entfallen, so könnte man erwarten, daß auf die 69 pCt.
der Seelenzahl auch 69 pCt. der Bestrafungen kommen würden,
also 689 Fälle. Dies ist aber nicht richtig, es sind nur 628, d. b.
10 pCt. weniger, oder, mit anderen Worten, d,e galizischen Juden
stehen noch um etwas besser als die Juden der anderen Provinzen
Oesterreichs, die ihrerseits wiederum viel besser stehen als die
Nichljuden.
Auch noch nach einer anderen Richtung sind die amtlichen
Zahlen eine Ehrenretiung für die geschmähten Juden. Diese sind be¬
kanntlich in einigen Delikten ungünstiger gestellt als die Nichtjuden,
nämlich der sogenannte, kaufmännischen. Es ist nun aber nachzu¬
weisen, daß die christlichen Kaufleute in viel höherem Procentfatze be¬
straft werden als die jüdischen, was folgende Tabelle bei einem den
Juden gerade besonders oft zur Last gelegten Vergehen zeigt:
Wegen Verschulden von in Cvncurs verfallenen Schuldnern
wurden bestraft 786 Kaufleute, darunter 234 Inden. Nun sind aber
die Juden fast die Hälfte dieser Berufsgruppe, es hätten daher statt
234 fast 390 sein können; wir sehen also die christlichen Kaufleute
mit 552 Bestrafungen doppelt so oft betrügerischen Bankerott machen
als die Juden, welche, fast ebenso viel M Zahl, nur 234 Bestrafungen
aufzuweisen haben. Das Gleiche haben wir schon bei früheren Jahr¬
gängen von Betrug, Veruntreuung u. s. w. nachgewiesen. Immer und
immer wiederholt sich die Thatsache, daß die beste Widerlegung der
gegen die Juden erhobenen Vorwürfe die Klarstellung der wirklichen
Verhältnisse bildet._