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Lr. 1.
Dr. Bloch’s
Jahrgang XIV.
Centrslorgan für die gelammten Interessen des Iudenthums.
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Nr. 810.976.
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Telephon-fir. 6535
Wien, 1. Jänner 1897.
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Versprochenes und Verabreichtes.
Aur Ohrfeigendebatte im Landtag.
Die Partei, deren ganzes Programm in der Vergewalti¬
gung und widerrechtlichen Unterdrückung der jüdischen Staats¬
bürger besteht, hat sich auch der Herrschaft im niederösterreichi¬
schen Landtage bemächtigt, und der Landmarschall Freiherr von
G u d e n n s, der bisher unter der falschen Flagge eines ge¬
mäßigten Conservativen in den politischen Gewässern lavirte, hat
in seiner Antrittsrede seine Zugehörigkeit zu den Antisemiten
einbekannt. Er sprach von dem „kraftvollen Durch-
bruche der heimatlichen Anschauungen", der
in der Zusammensetzung öes Landtages seinen Ausdruck findet.
Bereits am zweiten Sitzungstage fand diese Phrase einen, sehr
drastischen Commentar in der Aeußerung des Dr. Lueger:
„Wenn es einmal zum Prügel n kommt, dann wird sich
zeigen, wer ft ä r k e r i st." Zur Stunde, wo wir diese
Zeilen schreiben, ist der Landtag noch nicht vertagt; wir können
also nicht wissen, ob es nicht wirklich zu einem „kraftvollen
Durchbruch" in der Form von Prügeln kommt. Allerdings, es
ist nur der dankenswerthen Mäßigung und S e l b st b e- .
h e r r s ch u n g des Abgeordneten Dr. Benedikt zu ver¬
danken, daß jenes Individuum, -dessen Entsendung in eine parla¬
mentarische Körperschaft seinen Wählern zur Schande gereicht,
nämlich der Mechaniker Ernst Schneider, ungeohrfeigt das
Ständehaus in der Herrengasse verlassen durfte.
Bereits am ersten Sitzungstage hatte das genannte Indi¬
viduum, von welchem oft genug schon constatirt wurde, daß es
ins Zuchthaus und nicht in den Reichstag oder Landtag gehöre,
anläßlich der Wahlen in die Ausschüsse mit Bezug
Benedikt seinen Stimmzettel mit den Worten
„E inen Iud e n wähle ich n i ch t." Am 2. Tage, es
war dies nicht im Sitzungssaale, svuderu in einer Curie, in
welcher Dr. Benedikt abermals zu einer Wahl vorgeschlagen
war, schien dem Ernst Schneider bereits der Kamm ge¬
schwollen zu sein; er schrieb nicht, sondern sprach, und zwar
nicht in der Einzahl, sondern im majestätischen Plural: „W i r
w ü h l e n keine n Juden!" Der Vorsitzende bei dieser
Wahl war der Landmarschall-Stellvertreter, nämlich der Herr
Josef S t r o b a ch, bekanntermaßen eine Persönlichkeit von her¬
vorragender, in vier Volksschulelassen erworbener Bildung und
von weltmännischen Umgangsformen, die besonders in dem Ver¬
kehr mit Comsortablekutschern zur wirksamen Geltung kommen.
In den Augen eines Herrn S t r o b a ch war selbstverständlich
der Zuruf Schneider's den Forderungen des Anstandes und
des Rechtes vollständig angemessen; von einer Zurückweisung
S ch n e i d e r's seitens des Herrn Josef S t r o b a ch war
natürlich keine Rede und so bezeichnete denn Dr. Benedikt
die Erklärung Schneiders als das, was sie
i st, nämlich als eine Frechheit,
und kündigte dem Ernst S ch n e i d e r an, daß er ihn ein
nächstes Mal ohrfeigen werde. Wegen dieser blos ver¬
sprochenen, aber nicht gegebenen Ohrfeige erhob sich
ein Sturm der Entrüstung unter den Antisemiten. Dr. Lueger
brachte sofort einen Dringlichkeitsantrag ein, in welchem er das
Benehmen des Herrn Dr. Benedikt als pöbelhaft bezeichnete und
die Mißbilligung desselben durch den Landtag begehrte.
Der Landtag hat nun diese seine Mißbilligung dem Herrn
Dr. Benedikt ausgesprochen, und insoferne man es theo¬
retisch allerdings nicht beklagen kann, daß im Landtage Ohr¬
feigen angebvten werden, erscheint der Beschluß, nachdem der
Antrag nun einmal vorlag, formell nicht unberechtigt. Entspricht
aber dieser Beschluß, durch welchen der von Ernst Schneider
in wahrhaft bübischer Weise provocirte Abgeordnete B e n e o i k r
allein getadelt wurde, dem Rechtsgefühl? Nein! Die Sym¬
pathien aller anständigen und gerechten Menschen stehen auf der
Seite des Dr. Benedikt, die öffentliche Verachtung
wendet sich dem ekeln und züchtigenswerthen Benehmen des Ernst
Schneider zu.
Wie darf denn eine parlamentarische Körperschaft es dulden,
daß einem seiner Mitglieder wegen seiner Abstammung die Gleich¬
berechtigung abgesprochen wird? Es ist eine niedrige Heuchelei,
Menn Dr. Lueger meint, das Wort „Jude" sei keine Be-
'^pg, das sei nur die Bezeichnung einer Religion; eine