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Dr. Vloch's WochenMxrtfl
Nr. 19
Gehimen die Erkemitniß aufgedämmert sein, was man heute christlich
schilt und social schimpft. Der antisemitische Kinderkreuzzug bedeutet
vielleicht den Höhepunkt dieses gottvergessenen Treibens, geradeso wie
der Kinderkreuzzug des Mittelalters sich als die Culmination einer
wahnwitzigen, von halbverrückten Pfaffen fanatisch geschürten, den
Volkswohlstand vernichtenden Agitation darstellle.
Höher geht's nicht mehr. Künftige Jahrhunderte werden in
ihren Annalen des antisemitischen Kinderkreuzzuges nicht mehr ver-
geffen dürfen als eines der sprechendsten und merkwürdigsten Belege
für die Moral der Lueger-Aera.
Asstmilation. *)
Eine Betrachtung.
In wenigen Tagen wird die diesjährigeJahresausstellung
im Künstlerhause geschlossen. Sie hat den jüdischen Künstlern
manche Ehre gebracht. Irren wir nicht, so ist die R i e s,
der für ihren großgedachten, grüblerischen, wenn auch von
Stuck beeinflußten „Lucifer" die goldene Carl Ludwigs-
Medaille zuerkannt wurde, jüdischer Abstammung. Isidor
Kaufmann, der nach langer, mühseliger Brodarbeit mit
seiner „Sabbathandacht" in einem orthodoxen Tempel, wäh¬
rend die letzten Töne von des Vorbeters Liede verklingen,
einen großen künstlerischen Fortschritt bekundet, seinen Special¬
erfolg als Schaffender errungen, erhielt, nachdem ihn Kritik und
Publicum reicherer Ehren für werth gehalten, doch mindestens
für sein inniges und großes Werk den Königswarterpreis. Der
Anlaß scheint uns nun günstig, einmal auf dem Gebiete der
Gesammtkunst Umschau zu halten, zu untersuchen, was es
wohl mit der Unmöglichkeit einer Assimilation der Juden,
welche die Gegner mit einer solchen Ueberzeugung behaupten,
auf sich haben möge. Vielleicht stimmen die Ergebnisse doch
Manchen nachdenklich; wenn er nur sonst nicht eingeschworen
ist, selbst gegen seine Ueberzeugung, auf die neuen Lehren. Und
wenn sie die Juden mit einigem Stolze auf das erfüllen,
was aus ihnen hervorgegangen ist, so schadet das nichts.
Sie können es augenblicklich ganz gut gebrauchen.
Daß die Kunst die feinste Blüthe jeder menschlichen
Gesittung ist, das steht wie ein Gemeinplatz. Daß sie, um
sich recht und gedeihlich zu entwickeln, national sein muß, das
ist ein Axiom. Denn der Dust und die Form der Hecken¬
rose sind wohl nicht so intensiv und bestechend, immer aber
feiner und holder, als der ihrer gezüchteten Schwestern, und
veredeln kann man überhaupt nur auf einen Wildling, das
heißt also auf ein bodenständiges Stämmchen. Wer also
in einer nationalen Kunstform etwas leisten will der muß
sich das Beste und Innigste des betreffenden Volkssinues
angeeignet haben, der muß in sich fühlen, was diesen Men¬
schenschlag bewegt, was ihm wichtig, was ihm kostbar ist.
Selbst seine Vorurtheile mitzuempsinden, wird ihn minder
schädigen, als wenn der Schaffende, ein gelassener Beobachter,
von Außen her in das zu dringen suchte, was nur innerlich
entsteht, nach rein innerlichen Gesetzen sich entfaltet. Darum
bleibt die Wissenschaft, das Erlernbare, außerhalb unserer
Betrachtung.
Zunächst sei ein kurzer Blick auf die bildenden Künste
geworfen. Man behauptet nicht, daß Mütterchen Rußland
Ihre jüdischen Künstler mit sonderlicher Zärtlichkeit um¬
fange. Und dennoch ist es einem Juden gelungen, was neben
ihm nur noch dem Böhmen Myslbeck gerietst Antokolski
hat, wie man sagt, die Plastik mit flavischem, mit echt
russischem Geiste erfüllt und sich dadurch erst aus dem ersten
Kunstmarkte der Welt, in Paris, eine sehr gefeierte Stellung,
alsdann in seiner Heimat jene Geltung erworben, die einer
so mächtigen Begabung gebührt. Wie das mit seiner sla-
vischen Plastik zu verstehen sei, können wir, denen keines
*) Aus Anlaß der Polemik Dr. G ü d e m a n u—Dr. Herzl
siudet uns ein hervorragender österreichischer Dichter vorstehenden
Aufsatz, den wir gerne zur Kenntniß unserer Leser bringen, wenn wir
auch nicht mit allen Schlußfolgerungen des geehrten Verfassers über¬
einstimmen.
seiner Hauptwerke voll ausgeführt bekannt ist, natürlich
nicht bestimmen. Etwas muß wohl daran sein, denn ge¬
wiegte Kenner haben dies Losungswort ausgegeben, haben
den russischen Juden als durchaus national, als eine ganz
echte und wesentlich russische Erschemung gefeiert. Wir müssen
uns wohl dabei bescheiden. Ein Bahnbrecher scheint er unter
allen Umständen zu sein; das ist in der Plastik schwerer
denn anderwärts, weil der Bildner immerdar durch den
spröden Stoff, den er meistert, bedrängt, durch die Be¬
dingungen des Raumes, den voll zu füllen seine Aufgabe
ist, gebunden sein wird.
Kein Künstler braucht so unbedingte Hingebung an
seine Themen, als der Landschafter im modernen Sinne.
Er soll sich in das Stückchen Welt, welches abzuschildern er
sich vorgesetzt, versenken mit allen seinen Sinnen, soll es
förmlich in sich saugen, um es dann bestimmt und in seiner
vollen Eigenart wiedergeben zu können. Besonders schwer
ist es, die Poesie dürftiger Landschaft zu heben, den
Eindruck der Oede und der Gottverlaffenheit wahr und den¬
noch nicht so beklemmend festzuhalten, daß es unerträglich
wirkt. Einem ist es geglückt, sogar der Mark Brandenburg
ihren Reiz abzugewinnen. Man muß diesen dürftigen Boden
wohl sehr lieben, muß fick sehr mit ihm verwachsen fühlen,
um sich so an ihn dahinzugeben. Dieser Eine thut es rast¬
los und unermüdet. Er malt diesen wehenden Sand mit
dem dürftigen Graswuchse darüber, mit den zerzausten
Föhren, die sich kümmerlich daraus gen Himmel heben:
malt diesen blaugrauen Himmel mit den ziehenden, wei߬
grauen Wolken darauf: diese Erde mit ihren Bewohnern —
den Menschen, die nur durch rastlosen Eifer ihm das Nöthige
und selbst mehr abgewinnen, die freilich durch die ständige
Mühe frühe verkümmern, den eigenwilligen Ziegen, den
trägen Kühen, die hier grasen. Er hat seine Heimat eigent¬
lich erst künstlerisch entdeckt; das Spiel des Windes und
jeder Bewegung überhaupt weiß er festzuhalten, meister¬
lich, überzeugend, wie Keiner. Und dieser Urmärker ist ein
Jude, entstammt, wenn wir nicht irren, selbst dem vielge¬
schmähten Thiergartenviertel. Klingenden Lohn trug ihm
seine Kunst keinen. Er kann darauf verzichten. Aber reiche
Anerkennung, und zwar der feinsten Kenner, ist ihm zu
Theil geworden; man stellt ihn, den Entdecker des Landes,
neben Menzel, den Schilderer seiner Leute, und, wenn man
die besten Namen in deutscher Kunst der Gegenwart nennt,
so darf man seinen Max Lieb er mann, nicht vergessen.
Alsdann das Sittenstück. Da sprach man durch Jahre
in den Berliner literarischen Kreisen von einem blutjungen,
schwächlichen Bürschchen, das für die Zukunft Großes ver¬
heiße, das eine Frühreife und ein Können bekunde, erstaun¬
lich nicht nur in Anbetracht seiner Jahre. Diese Saison
vermittelte uns die Bekanntschaft des Dichters, den die
Berliner Kritik in einzelnen Stimmen unmittelbar nach der
Aufführung seines Dramas, meines Erachtens frevelhaft
übertrieben, als den Vollender dessen gepriesen, was der
einsame und große Gerhart Hauptmann gewollt, wie seines
Werkes: Georg Hirschfeld's und der „Mütter". Nie¬
mals ist das kleinste Bürgerthum Berlins inniger und mit
mehr Neigung gemalt worden, als hier, wo man vordem
nach Suderman nur die Schatten gesehen, dort fand
Hirschfeld auch das Licht. Seine ganze Wärme wendete er
nicht dem jüdischen, wohlhabenden Hause zu, dem der trau¬
rige Held entsprossen ist und das ihn nach gemeinem Welt¬
lauf endlich wiedergewinnt — sie gehört dem armen Mäd¬
chen, das dem Geliebten so Alles hingegeben hat, so ohne
Wunsch und so ohne Lohn. Die strenge Zucht der jüdischen.
Familie wird hier direct als etwas aufgezeigt, was zu
überwinden wäre, das der junge Künstler aus innerer
Schwäche nicht zu überwinden vermag. Das eigentliche
Wiener Stück aber, eine Gattung, die im Aussterben schien,
hat wieder so ein Judenstämmling, C. K a r l w e i s, neu
belebt. Aus genauester Kenntniß dieses Bodens, der einem