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Centrslorgsn für die gefammken Interessen des Iudenthums.
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Wien, 5. Jänner 1900.
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Inhalt. Leitartikel: Das 19. Jahrhundert und das Judenthum. — Der jüdische Hansirer gegen Ministerium, Statthalterei und
Wiener Magistrat. — Galizien — Die Blutlüge. — Noch ein Wort zum Religionswechsel. — „Theaterjuden und Judentheater."
— Vom Jahrmarkt des Lebens: Das Stotterübel und andere Sprachgebrechen. Ter jüdische Kaufmann im Mittelalter.
Antisemitische Anträge, respective Petitionen, betreffend die Uebersetzung des Talmud und des Schulchan Aruch auf Staatskosten.
Eugen Dühring gegen H v. Treitschke. Jüdische Soldaten in England. Jüdischer Stil. — Correspondenzen: Constituirung
des israelitischen Cultusvorstandes. Aus der Plenarsitzung des Vorstandes der isr Cultusgemeinde. 26 . ordentliche Generalversammlung
des israel. Tempelvereines für Mariahilf und Neubau. Wien, Karlsbad. Agram, Frankfurt a. M., Bukarest, Petersburg. London.
Marokko. — Vermischtes:-Plenarsitzung der isr. Cultusgemeinde. Wien, Floridsdorf. Prag, Wigstadtl, Krakau, Krasna, Nachod,
Troppau, Czernowitz. Brzesko. Groß-Becskerek, Straßburg i. E. — Feuilleton: Michael. — Ein Augenblick. — Briefkasten.
— Ein Fortschritt. — Inserate.
Das 19. Jahrhundert und das
Judenthum.
, Das Jahrhundert wendet sich zur Rüge und ladet zur
Rückschau ein. Es ist noch gar nicht so lange her, daß in Oester¬
reich eine allgemeine Rückschau auf 50 Jahre fast auf jedem
Gebiete stattgefunden hat. Auch die Juden haben anläßlich des
50jährigen Jubiläums unseres erhabenen Monarchen dankbaren
Gemüthes jeder Förderung gedacht, die ihnen in diesem Zeit¬
räume in Oesterreich zu Theil geworden ist. Auf dem Grunde
aller Betrachtungen liegt es aber wie schmerzliche Resignation.
Ist doch der Geist der Oeffentlichkeit seit 184-8 ein so ganz
anderer geworden. Wohin ist sie geschwunden, die Begeisterung
der Freiheitshelden des Sturm- und Drangjahres, wo bleibt
jenes einmüthige Einstehen der ganzen Bevölkerung für die
Judenemancipation? Nicht ohne Bitterkeit und Kummer konnte
man dieser Umkehr der Geister gedenken. Blickt man aber nur
um 50 Jahre weiter zurück, vergleicht man den gegenwärtigen
Zustand mit jenem zu Beginne des Jahrhundertes, dann geyt
dem Beobachter der wahre Sinn der Geschichte auf. Wie weit
sind wir doch jetzt, wo wir die uns rechtlich zustehende Gleich¬
berechtigung gegen eine andrängende Reaction zu vertheidigen haben,
verglichen mit jener Zeit, in welcher wir selbst sie als Geschenk
und Gnade erst zu erbitten hatten. Das 19. Jahrhundert als
Ganzes genommen, zeigt den tiefen Sinn jenes Symbols, das
sich Leibnitz noch auf sein Grab setzen ließ, als Darstellung seiner
ganzen Welt- und Geschichtsauffassung; es war die Spirale mit
der Inschrift: „Inclinata resurget I" Wie die Spirale ihre nieder-
steigenden Windungen hat, aber doch immer wieder emporstrebt
und höher und höher reicht, so die Tochter Zions! Die Ge¬
beugte richtet sich immer wieder auf!
Wenn das Jahr 1848 als der große Markstein dieser Entwick¬
lung angesehen werden kann, so wird die Zeit vor 1848 durch
die Jahre 1815 und 1830, die Zeit nachher durch 1867 und
1878 in kleinere Abschnitte zerlegt. Und auch das ist tröstlich.
Keine Art der Behandlung der Judenfrage hat viel mehr als
2 Jahrzehnte hindurch angedauert und der specifisch-moderne
Raeen- und Social-Antisemitismus hat dieses Alter bereits er¬
reicht. Für den Sehenden sind auch schon seine Todtengräber
zu erkennen. Doch davon mehr zum Schluß dieser Rückschau.
Bis 1815 kämpft der Geist der Encyclopädisten, der Geist
der Aufklärung des 18. Jahrhundertes auf den Schlachtfeldern
des Imperators und säet zunächst in Deutschland die Keime
der bürgerlichen Freiheit. Um den ungeheueren Weg. den wir
seit dem vielgerühmten vorigen Jahrhundert zurückgelegt haben,
mit einem Blicke zu ermessen, genügt ja die Erinnerung an die
Thatsache, daß zu Beginn unseres Jahrhundertes nur in Frank¬
reich die Emancipation der Juden durchgeführt war und daß
doch die erleuchtetste aller gesetzgeberischen Versammlungen,
die großherzige Constituante, sich 1790 nur zur Emancipation
der Juden mit Ausnahme der elsäfsischen entschließen konnte
und für diese die Gleichberechtigung erst 1791 zögernd nachholte,
ja daß Napoleon selbst diese Ausnahme theilweise wieder¬
herstellte.
Mit der allgemeinen Reaction, nach der Niederwerfung
Napoleon's ging eine Zeit traurigen Inhaltes für die Juden
Hand in Hand. Vergeblich mahnten sie in Preußen an die ihnen
versprochene Gleichberechtigung trotz der vom Kanzler Harden¬
berg gerühmten Tapferkeit der jüdischen Soldaten; in
Oesterreich wurden sie erst recht hinter den Standpunkt josefi¬
nischer Toleranz zurückgedrängt. Erst nach dem Jahre 1830, als
ein Sturmwind junger Freiheit wieder einmal von Frankreich
aus die Welt durchbrauste, kam die Zeit, in welcher Gabriel R i e s s e r
aus Hamburg als Vorkämpfer des Judenthums, unterstützt von
dem wachsenden Einfluffe der Schriften eines Börne, eines
Heine, eines Auerbach die Sache der Juden in genialer
Weise mit der Sache der Allgemeinheit, mit dem Freiheitsstreben
der europäischen Demokratie zu verschmelzen wußte. Gleichzeitig
schritt innerhalb des Judenthums der Proceß der Verdeutschung
und Modernisirung vorwärts, den Mendelssohn eingeleitet hatte.
Wenn man bedenkt, daß die Bibel-Uebersetzung Mendelssohn's
ursprünglich nur in ihrer in hebräischen Lettern gedruckten Aus¬
gabe einen größeren Leserkreis zu erreichen vermochte, so muß
man staunen, welchen ungeheuren Bildungsproceß das Juden-
thum in diesem Jahrhundert durchgemacht hatte. Man braucht
bloß an Zunz, Philippsohn, Geiger, Lazarus, Steinthal zu er¬
innern, um zu zeigen, daß es dem Culturträger Mendelssohn au
Nachfolgern auch in diesem Jahrhundert nicht gefehlt hat.
Und würde das Judenthum nur die vier Na.uen Heine,
Disraeli, Marx und Laffalle aufzuweisen haben, so würde
zur Genüge bewiesen sein, daß dieses wenig zahlreiche
Volksthum seine Anleihen bei der europäischen allgemeinen