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Dr. Blvch's Wochenschrift.
Cultur bereits reichlich zurückgezahlt hat. Konnte doch selbst
die Reaction unseres Jahrhuilderts ihre besten Gedanken aus
bat Schriften des getauften Juden Stahl schöpfen und hat auch in der
zweiten Halste des XIX. Jahrhunderts ihren Ausgangspunkt von dem
Kampfe des Inden Lasker gegen die Ausschreitungen der Gründer¬
jahre genommen. Lasker's und Bamberger's Auflehnung gegen
oen fortschreitenden Militarismus und Despotismus Bismarck's
ist es ja doch auch gewesen, welche im Jahre 1878, wie in so
vielen anderen Dingen z. B. in der Kirchenpolitik, in den Fragen
des Freihandels, der Goldwährung rc. auch in der Haltung
zum Judenthum zu einer Umkehr der Geister führte.
Es ist tröstlich, sich dies immer wieder und wieder vor
Augen zu halten. Man darf niemals vergessen, daß auch auf
dem Gebiete der Politik und der Philosophie gewisse Moden
auftreten und wieder verschwinden. Wie hat seinerzeit Schelling,
dann Hegel, gleich darauf Schopenhauer, der doch Hegel für
einen „Unsinn schmierenden Tintenkleckser" erklärt, dann Darwin,
in den Achtziger-Jahren Marx, in den Neunziger-Jahren
Nietzsche die Geister mit sich fortgerissen, noch jetzt stehen wir
mitten in der Zerttümmerung des Marx- und Nietzsche-Cultus.
Auch der Antisemitismus wird den Reiz der Neuheit verlieren,
welche das Wesen aller Moden ist, sobald andere Objecte die
öffentliche Aufmerksamkeit fesseln werden. Wer die Zeichen der
Zett versteht, sieht diese neuen Objecte schon kommen. Die Zu¬
kunft Deutschlands liegt auf dem Meere, die Blicke Europas
sind den fernen Welttheilen zugewendet, der steigende Zinsfuß
und der Hunger nach Rohstoffen in der ganzen Welt deuten auf
ein Zeitalter wirthschaftlichen Aufschwunges hin, wie es die Ge¬
schichte noch nicht verzeichnet hat. Andere Sorgen, andere Ziele
werden rm XX Jahrhundert den Sinn der Völker gefangen
nehmen als das kleinliche Gezänke mit den zersprengten
Trümmern eines Völkchens, welches überdies in den Leiden der
letzten Jahre gelernt hat, die uur menschlichen, allzu menschlichen
Fehler zu vermeiden, welche zu so viel Haß und Verfolgung
aufgereizt haben.
Ver jüdische Haustrer gegen
Ministerium, Statthalterei nnd
Wiener Magistrat.
Wien, Jänner. .
Kurz vor Jahresschluß fand vor dem Verwaltungsgerichts¬
hofe in Wren eine Verhandlung statt, welche für unsere Zustände
charakteristisch und symptomisch zugleich ist und ein klein wenig
einen Zipfel des Schleiers lüftet von den jämmerlichen und be-
jammernswertheu Verhältniffen, die in Sphären herrschen, wo sie
am allerwenigsten anzutreffen sein sollten.
Der Sachverhalt ist in Kurzem folgender: Ein galizischer
Jude, zweifelsohne ein Nabob, sonst hätten ihm die Mittel ja
gefehlt, sein ebenso kühnes als verbrecherisches Unterfangen zu
insceniren, bewarb sich bei der Bezirkshauptmannschaft seiner
Heimatsgemeinde, in Zloczow nämlich, um eine Hausirlicenz, die
ihm, da gewiß alle vom Gesetze vorgeschriebenen Erfordernisse
bis auf das I-Tüpfelchen vorhanden waren, auch ertheilt worden
war. Dieser Bösewicht hatte aber den herausfordernden Muth,
sein Hausirbefugnlß nicht in irgend einem galizischen Neste, wo
die Hausirer alle am Hungertuche nagen, sondern im antisemiti¬
schen Wien unter dem Regime Lueger's, Strobach's, Geßmann's
et tutti quanti, auszuüben. Nun begab sich das unbegreifliche
schreckliche Ereigniß, daß der Wiener Magistrat, als politische
erste Instanz, das Hausirbuch anstandslos vidirte, so daß es dem
jüdisch-galizischen Hausirer möglich war, ein volles Jahr sein
Haufwbefugniß in Wien frank und frei auszuüben, vermuthlich
gar Schätze und Reichthümer zu sammeln, ein Palais auf der
Ringstraße anzukaufen und, o Schrecken, sogar durch Erwerbung
eines Zinspalais im todten Viertel der Arealnachbar des juden-
verttlgenden Bürgermeisters Dr. Lueger zu werden. Das geht
aber denn doch zu weit und darf nie und nimmermehr geduldet
werden.
Das Jahr des Glückes war für unseren galizischen Juden
bald um, das Hausirbuch mußte behufs Verlängerung der Hausir-
licenz dem Wiener Magistrate neuerdings präsentirt werden. Doch
nicht nur der Mensch, sondern auch der Wiener Magistrat wächst
mit seinen, in diesem Falle antisemitischen Zwecken. Der galizische
Jude wurde mtt seinem, im Gesetze begründeten Begehren um Ver¬
längerung der Hausirlicenz auf ein weiteres Jahr, mtt der
Motivirung abgewiesen, die Bezirkshauptmannschaft in Zloczow
sei nicht befugt gewesen, dem bewerbenden galizischen Juden
einen Hausirschein auszustellen. Die jüdischen Häusirer sind aber
bekanntlich so unverfroren und arrogant, die bestehenden Gesetze
auch für sich in Anspruch zu nehmen und mit arischen Staats¬
bürgern eine gleiche Behandlung und Anwendung der Staatsgrund¬
gesetze zu verlangen. Der Held dieser Affaire, der jüdisch-galizische
Hausirer recurirte an die Statthalterei und das Ministerium des
Innern, wurde jedoch von den beiden höheren Instanzen, die sich
erstaunlicherweise auf die Sette des Wiener Magistrates schlugen,
abgewiesen.
Nun begab sich aber das Unerhörte, das noch nie Dag -
wesene, die höchste Potenz von Anmaßung und Herausforderung.
Der jüdische Hausirer richtete gegen den von allen drei Verwal-
tuugs-Justalizen gleichlautenden abweislichen Bescheid die Be¬
schwerde an den Berwaltungsgerichtshof in Wien.
Zum besseren Verständniß lassen wir einen knappen Auszug
der beim Verwaltungsgerichtshofe durchgeführten Verhandlung
folgen:
„Der in Jezerna ansässige Samson E l.l e n b v g e n. kam
gegen Ende 1896 bei der Bezirkshauptmannschaft Zloczow um
die Ausstellung eines Hausirpasses ein und begab sich bis zur
Erledigung seines Gesuches zu seinem in Wien lebenden Bruder.
Als am 11: Jänner 1897 das Hausirbuch ausgestellt war, über¬
siedelte er mit seiner Familie nach Wien, wo sein Buch vom
magistratischen Bezirksamte visirt wurde und er in der Folge
dem Hausirhandel nachging. Am 13. Februar 1898 ersuchte er
um Verlängerung seiner Hausirbewilligung, doch wies ihn das
magistratische Bezirksamt Währing ab und die Statthalterei be¬
stätigte die Verweigerung, der Hausirbewilligung, wogegen Ellen¬
bogen durch Dr. Ernst Weil die Beschwerde an den Verwal¬
tungs-Gerichtshof ergriff, welcher am 23. v. unter Vorsitz des
zweiten Präsidenten Dr. v. Lemayer darüber verhandelte.
Die vom Statthaltereirathe Dr. Graf Khuenburg vertretene
Regierung präcisirte ihren Standpunkt dahin, daß Ellenbogen
seinen Hausirpaß in Galizien löste, um in Wien hausiren zu
können. Der von der Bezirkshauptmannschaft Zloczow ausgestellte
Schein könne nicht anerkannt werden, weil diese Behörde nicht
competent war, dem in Wien lebenden Ellenbogen einen solchen
zu geben. Der Beschwerdeführer habe sich das Hausirbuch auf
diesem Wege verschafft, r>a er wohl wußte, daß es ihm in Wien
nicht bewilligt würde. Die Behörde habe das lebhafteste Interesse
daran, ungarischen oder galizischen Hausirern die Einwande¬
rung nach Niederösterreich möglichst zu erschweren, weil durch den
starken Zuzug eventuell die Wiener Geschäftsverhältnisse schwer
geschädigt würden. Da die Würdigung der Competenten um
Hausirbewilligungen dem freien Ermessen der Behörden anheim¬
gegeben sei, könne sie auch die Verlängerung verweigern, diesfalls
umsomehr, weil die Bezirkshauptmannschaft Zloczow eine ungil-
tige Bewilligung eiLetlt habe. — Beschwerdevertreter Doctor
Weil entgegnete, daß es nicht angehe, daß zwei coordinirte
Behörden ihre Verfügungen gegenseitig überprüfen oder für un-
giltig erklären; denn das müßte zur Anarchie führen. Das Hau¬
sirbuch Ellenbogen's sei rechtskräftig, er habe zur Zett seiner
Ausstellung in Jezerna gewohnt, und wenn er damals auch zu
seinem Bruder nach Wien ging, so sei dies nur ein vorüber¬
gehender Aufenthalt gewesen, da er seine Familie noch eine zeit¬
lang in Jezerna zurückließ. Da das Gesetz seinen Hausirhandel
auf Grund des in Zloczow ausgestellten Buches nicht auf Galizien
beschränkt, könne die Behörde seinen Aufenthalt und Handel in
Wien nicht verhindern. Uebrigens hätte sie den Hausüpaß nicht
seinerzeit visiren dürfen, wenn sie der Meinung war, daß die
Bezirkshauptmannschaft Zloczow nicht zur Ausstellung berechtigt
sei. Die jetzige Verweigerung bedeute für Ellenbogen den voll¬
ständigen Ruin seiner ohnehin sehr kargen Exi.enz.
Der Verwaltungs-Gerichtshof hob die a n g e f o ch-
tene Entscheidung auf, da dem magistratischen Bezirks¬
amte eine Überprüfung der Entscheidung der Bezirkshauptmann¬
schaft nicht zustand und Ellenbogen thatsächlich in Jezerna gelebt
hat, als ihm das Hausirbuch ausgestellt wurde. Und dieser Zeit¬
punkt sei maßgebend, selbst wenn die Absicht, den Handel in
Wien zu betreiben, bestand."
Bemerkenswerth ist der vom Vertreter der Regierung ein¬
genommene Standpunkt, welchem zufolge die Behörde das „l e b¬
hafteste Interesse" daran habe, ungarischen und
galizischen Hausierern die Einwanderung nach Niederöster¬
reich möglichst zu erschweren, weil durch den starken Zuzug
eventuell die Wiener Geschäftsverhältnisse schwer