Seite
Seite 836
Vr. Bloch's Wochenschrift.
Nr 46
der Verwünschuugsformel nicht □'Törn, sondern CTön^i also alle
Arten von ETfc heißt.
Daß man'» hier aber mit Juden zu thuu hat, ist wohl
klar, dies geht sowohl aus der Stelle Schabbat 116 a als auch
aus dem Umstand hervor, daß ein Hüde bezüglich seiner reli¬
giösen Ideen und Meinungen dem Judmthume gegenüber weder
Verpflichtungen noch irgendwelche Verantwortlichkeit hat. Die
Minäer des Talmuds machten also den entgegengesetzten Weg,
welchen das Heidenthum bezüglich seiner religiösen Entwicklung,
beziehungsweise Reinigung machte, indem sie durch die Annahme
einer zweiten Gottheit zum Polytheismus herabsanken. Unter
allen jüdischen Gemeinden des damaligen Judenthums ragt aber
die von Alexandria, die ungefähr eine halbe Million gezählt
haben soll, auf dem Gebiete der Lehre einer zweiten Gottheit
besonders hervor. Die Annahme eines Logos bildete die Grund¬
lage aller theosophischen Speculation. So erzählt auch Philo,
daß viele Bibelausleger nicht etwa darum stritten, ob ein
Logos annehmbar ist oder nicht, sondern blos, unter welchen
Symbolen er in der heiligen Schrift zu verstehen fei, wie z. B.
ob man unter dem Ausdrucke Sonne den Logos zu verstehen
oder etwa unter einem anderen Symbol das Vorhandensein eines
Logos, hat gar Niemand bezweifelt, ja selbst die niedrigsten
Volksschichten waren mit dieser Gcundlehre des Alexandrinismus
vertraut.
Nach dieser Lehre aber konnte die Welt ohne Logos gar
nicht entstehen, der die Urgottheit selber, kraft ihrer unerfaß-
lichen Erhabenheit und ihrer Reinheit, mit dieser niedern Welt,
mit der Materie sich gar nicht befassen und beflecken konnte.
Ja, Philo geht so weit, indem er sogar einen zweiten Logos,
der wiederum ein Abglanz des ersten ist, annimmt, und meint,
daß bei der Schöpfung nur vom zweiten, aber nicht vom ersten
Logos die Rede ist. Die Welt ist, meint Philo, erst das dritte
Glied in der Schöpfung. So hoch und erhaben hielt Philo die
Urgottheit über diese niedere Welt, daß er ihr jede Communi-
cation mit dieser abspricht und nur der Logos lman weiß, ob
der erste oder zweite) verkehrt mit derselben, sie regiert und lenkt.
Aus diesem Grunde nennt ihn auch Philo den zweiten
Gott, der den Erzvater, allen Propheten und auch dem Mose
erschienen ist. Er war es auch, welcher die Befreiung und den
Auszug aus Egypten bemerkte und dem Judenthume auf dem
Berge Sinai zurief: „Ich bin der Ewige, Dein Gott, der Dich
ausEgypten aus dem Sctavenhause herausführte". Daran glaubten
nun. wie aus einer gründlichen Untersuchung der Philonischen
Schriften hervorgeht, fast alle egyptischen Juden, die fast zwei
Drittel der gesummten griechisch reinen Judenheit ausmachten.
Bedenkt man nun, daß die Juden Palästinas mit denen
von Alexandria in sehr regem Verkehr standen; ferner, daß viele
alexandrmische Juden die Lehrhäuser in Palästina besuchten und
mit den Talmudgelehrten in enger Beziehung standen, so kann
man sich bei der Annahme nicht genug wundern, wie die Talmud¬
lehrer gegen diese ungeheuere Anzahl von ausgesprochenen Poly¬
theisten sich ganz ruhig verhielten, während ihr ganzer Groll
sich ausschließlich gegen die einzige Secte 3 ) der Gnostiker
wendete!
Selbstverständlich kann ich mich hier auf eine nähere Unter¬
suchung nicht einlaffen und den Wißbegierigen auf meine eben
erschienene ausführliche Arbeit verweisen.
Dr. N. I. W e i n st e i n.
Briefkasten.
I. W—g. Der Jude Leopold Landau, dessen Flugschrift
das „Deutsche Volksblatt" in spaltenlangen Artikeln enthusiastisch für
den — Ritualmord fructificirte, befand sich zur Zeit, wo ihm diese
Ehre widerfuhr, im Jrrenhause.
Auto» W. Renan hat in einer seiner werthvollen Studien
darauf hingewiefett, daß bei näherem Zusehen sich die Feinde der
Juden beinahe überall auch als die Feinde des modernen Geistes er¬
weisen.
M. W—g. Die nachgewiesenen literarischen Diebstähle allein
hätten den Herausgeber des „Deutschen Volksblatt" nie daran ge¬
hindert, eine glänzende Rolle im Parlament zu spielen.
M. N—g. Die bedenklichen Geschäfte des antisemitischen
Advocaten und Landtagsabgeordneten Dr. Löbl werden schlie߬
lich doch auch die Gerichte beschäftigen; aber man ersieht bereits in
dem gegenwärtigen Stadium seiner Affaire, wie gerade die antisemitischen
Koryphäen so ganz besonders des Schutzes der Immunität bedürfen.
H. N. Der Herr Professor, der durch seine Affaire mit
Dr. Margulies seinen Namen wieder in Erinnerung brachte, ist
weniger durch wissenschaftliche Leistungen auf dem Gebiete der Sprach¬
forschung, als durch seine enthusiastische Verherrlichung des — Doctor
Lueger bekannt geworden
Dr. Josef N. Ihre Erinnerung täuscht Sie nicht. Es ist der¬
selbe S t r o b a ch, der dem Grafen K i e l m a n s e g g einst im Land¬
tage sozusagen „nasse Fetzen" in's Gesicht warf, und es ist der näm¬
liche Statthalter, der auf diesen Strobach herzliche Toaste ausbringt.
W. R. Die Sache ist ja ganz klar. Die Interpellanten wußten
wohl, daß an der ganzen Geschichte kein wahres Wort sei, aber sie
waren dessen sicher, daß die blutrünstige Beschuldigung ihre Wirkung
auf die antisemitischen Geinüther nicht verfehlen werde. Grund genug,
die niederträchtige Interpellation unter dem Schutze der
I m m u n i t ä t in die Welt hinauszuschleuderu.
Justus. Professor Schlesinger und Genossen werden ihrer
Interpellation wegen, betreffs der famosen B l u t k ü g e l ch e n, die
der Schächter Kurzweil dem Rabbiner Golden berg gesendet
haben soll, in den Angen ihrer Gesinnungsgenossen nur gewonnen
haben. Die Wirkung dieser durch und durch erlogenen
Beschuldigung war ja außerordentlich förder¬
lich für den Glauben an den R i t u a l m o r d.
A. W—l. Die große Sympathie, welche die antisemitischen
Blätter für ihren wegen- Meineides verurtheilten Gesinnungsgenossen
Maßlos hegen, wird nicht dadurch vermindert, daß der brave
Mann auch ein — Dieb war. Solche Kleinigkeiten muß man einem
wackeren Judenfeinde schon Nachsehen.
Lichtner Mor. V. Uj. Sie haben Recht.
N. I— g. Es ist wiederholt von hervorragenden christlichen
Männern gesagt worden, daß die wahren „Ritualmorde" jene sind,
welche arme, unschuldige Juden infolge der Ritualmord-Beschuldigungen
erlitten haben.
Dr. Adolf Sscks'jchr Stiftung für
Her;- und Aortskranke.
Der unterzeichnet; Vorstand verlautbart hiemit, daß aus den
Stiftungserträgnissen der obigen Stiftung per 8600 L
a) Jahresunterstützungen für das Jahr 1901 im Betrage von
je 600 K für Herz- und Aortakranke zur Verleihung gelangen und daß
b) der nach a) unvertheilte Rest der Stiftungsinteressen von
Fall zu Fall an ebensolche Kranke vertheilt wird.
Anspruch auf diese Stiftung haben bedürftige Personen, ohne
Unterschied des Geschlechtes, des Standes und der Religion, welche
mit hochgradigen Herz- und Aortakrankheiten behaftet sind, an Con-
gestionen gegen den Kopf leiden und infolge dessen ihren Beruf anf-
geben müssen. Ledige Männer haben den Vorzug.
Die ungestempelten Gesuche sind bis
15. December 1900
im Einreichungsprotokolle der israelitischen Cultusgemeinde in Wien,
I., Seitenstettengassc 4, I. Stock, während der Amtsstunden von 9—12
Uhr Vormittags zu überreichen und müssen mit nachstehenden Beilagen
versehen sein:
I. einem amtsärztlichen Zeugnisse über das mit Congestionen
gegen den Kopf verbundene Herz- und Aortaleiden des Gesuchsstellers
und über den Einfluß, welchen dieses Leiden auf die Berufsfähigkeit
des Kranken ausübt;
2. einem glaubhaften Nachweise über die Armuth des Be-
iverbers, worin auch das Alter und das Einkommen der Eltern, Ge¬
schwister, eventuell der Kinder, wahrheitsgetreu anzugeben ist;
3. mit Documenten über Geburt und Zuständigkeit.
Die Unterstützung von 600 K wird auf das Jahr 1901 ver¬
liehen und in vierteljährigen gleichen Decursivraten, von denen die erste
am I. April 1901 fällig wird, ausbezahlt, gegen Beibringung ent¬
sprechender Belege, daß die Bedürftigkeit und Berufsunfähigkeit des
Stiftlinges fortdauert.
Bei unverändert bleibenden Verhältnissen haben Be¬
werber, welche bereits im Genüsse dieser Stiftung stehen, in
der Regel den Vorzug.
Auszüge aus den Geburts-, Trauungs- und Sterbematriken
der israelitischen Cultusgemeinde Wien sind als Gesuchsbelege nicht
erforderlich, sondern genügt die genaue Angabe der betreffenden Daten.
Gesuchsblanquette sind im Einreichungsprotokolle während der
Amtsstunden unentgeltlich zu beheben.
Nicht entsprechend belegte oder verspätet überreichte Gesuche
finden keine Berücksichtigung.
Wien, am 15. November 1900.
3 ) „Die einzige Secte der Gnostiker' ! 8aueta Simplicitas!
Das klingt für den Kenner ungefähr wie: die einzige Secte der
Christen! Oder wie: die winzige Kunstrichtung der Renaissance!
Die Redaction.
Der Vorstand
der israelitischen Cultusgemeinde Wien.
Herausgeber und verantwortlicher Redacteur: Dr. Josef S. Bloch. — Druck von L. Beck sc Sohn, Wien, Vffl.