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Vr. Bloch's Wochenschrift.
Nr. 47
Hungersnoth und Typhus in
Palästina.
(Origmaltelegramm der „Oesterreichischen Wochenschrift".)
Von dem ehrwürdigen Oberrabbinat in Jerusalem erhält
die „Österreichische Wochenschrift" nachstehenden Hilferuf:
„Oesterreichische Wocheuschrift", Wien.
„Blattern, Typhus, Dyphteritis, Influenza, ge¬
fährliche Augenleiden wüthen im heiligen Lande.
Tausende unserer Glaubensgenossen sind von diesen Krank¬
heiten befallen, leiden bittere Noth. Bitte dringend eine
Hilfsactiou anzuregen, denn die Gefahr ist groß."
Oberrabbiner S a l a n t.
Unsere Preisausschreibung.
Der Herausgeber der „Oesterreichischen Wochenschrift"
hat einen Preis von fl. 500u für die Namhaftmachung und
Ueberweisung der unbekannten „Mordgenossen" Leopold Hils-
uer's ausgesetzt. Nach dem Verbiete der Piseker Geschwornen
ist nämlich Leopold Hilsner nicht der alleinige, ja nicht
einmal der unmittelbare Mörder der Agnes Hruza und der
Marie Klima, sondern er hat au diesen beiden Verbrechen
nur „thätigen Antheil" genommen. Das Schwurgericht in
Pisek hat.gleich jenem in Kuttenberg ausgesprochen, daß
beide Blutthaten von mehreren Mordgesellen verübt
wurden, denen Hilsner nur behilflich war. Durch welche
Handlungen Leopold Hilsner sich zum „Mitschuldigen" ge¬
macht, aus welche Weise er seinen angeblichen Genossen ge¬
holfen hat, ist durch das Verdict der Geschwornen nicht
aufgeklärt. Ueber diese fundamentale Frage äußern sich die
„Juristischen Blätter" wie folgt: „Es fehlt also in Bezug
auf die Hruza jedes genauere Bild, in Bezug auf die Klinia
aber sogar jeder Anhaltspunkt für eine exacte Vorstellung
von der augeklagten That."
Aber just dieses geheimnißvolle Dunkel, das allen
phantastischen Vorstellungen Thür und Thor öffnet, haben
die Bluthetzer gebraucht. Die antisemitische Logik zieht aus
dem Piseker Urtheil die Consequenz, daß der Gesellschafts¬
mord unbedingt ein Ritualmord sein müsse. Je unklarer die
Vorstellung von der That, je unsicherer die Spuren der
Hauptthäter, umso besser für die Weiterverbreitung der
Blutlüge.
Das kann aber unmöglich der Standpunkt der Justiz,
unmöglich der Standpunkt der für die Sicherheit des Lebens
verantwortlichen Staatsbehörde sein. Acceptirt man den
Wahrspruch der zwölf Männer von Pisek, die nach einem
geflügelt gewordenen Worte eines bekannten Ehrenmannes
„zufällig Geschworne waren", unbesehen und kritiklos, so
sträubt sich das Haar auf dem Kopfe bei dem schauerlichen
Gedanken, daß eine ganze Bande von Mördern, die christ¬
lichen Jungfrauen nach dem Leben trachten, frei und voll¬
kommen unbehelligt in der Welt herumläuft und daß Nie¬
mand die Verpflichtung fühlt, die Spuren dieser Bestien in
Menschengestalt zu verfolgen.
Aber unsere Logik ist nicht die der Herren Antisemiten.
Das Urtheil von Pisek schreit förmlich darnach, daß die
Nachforschungen nach.den wirklichen Thätern ungesäumt und
mit aller Macht ausgenommen werden. Wir sind der An¬
sicht, daß hiezu vor Allem die Behörden selbst bemüfsigt
wären. Wir beanspruchen aber das Recht, die Justiz in ihrer
Ausgabe zu unterstützen. Dieser Anspruch ergibt sich aus
dem eminenten Interesse der gesammten Judenheit an der
Entdeckung der wahren Mörder. Das Verdict von Pisek
wird von den Blutlügnern zu neuer Hetze ausgenützt. Nun
kann die Annahme, daß die Morde von Mehreren verübt
wurden, richtig oder falsch sein. Ist sie richtig, dann kann
nur die Ergreifung und Ueberführung der Hauptthäter den
unseligen Wahn zerstören, daß der Gesellschaftsmord ein
Ritualmord^war ; i st s i e falsch, dann i st j a a u ch
die Voraussetzung von der „Mitschuld"
Hilsner's unhaltbar.
Ein maßgebendes juristisches Organ erklärt, daß jede
exacte Darstellung von der angeklagten That fehle. Ueber
diesen wesentlichen Mangel des Processes kommt man nicht
hinweg. Die Unerklärlichkeit der That hat schon den Staats¬
anwalt von Kuttenberg auf verderbliche Wege geführt und
sie hat in unseliger Weise auch die Geschwornen in beiden
Processen ebenso wie die öffentliche Meinung beeinflußt.
Dieser Mangel hat es auch verschuldet, daß dem seiner¬
zeitigen verleumderischen Geständnisse Hilsner's, wenn auch
glücklicherweise nur wenig Tage lang, Glauben geschenkt
werden konnte.
Es ist heute erwiesen, daß Hilsner in seiner Todes¬
angst die Justiz auf eine falsche Spur zu leiten versuchte.
Aber es gibt noch andere S p u r e n, die nicht
mit der erforderlichen Energie verfolgt uurden. Der Ver-
theidiger hat es in Pisek ausgesprochen, daß die unrichtige
Annahme eines Schüchtschnittes den Gendarmerie-Posten¬
führer Klenoves auch nach Entdeckung des Mordes dazu
verleitet hatte, Nachforschungen, die er nach anderer Richtung
unternommen hatte, fallen zu lassen, und ausschließlich nach
Beweisen für die Schuld Hilsner's zu suchen. .
Wir weisen heute auf diesen Ausgangspunkt mit
großem Nachdruck hin. Bei diesem Punkte hat die Suche
nach den eigentlichen Hauptthätern einzusetzen. Nur allzu
rasch hat man sich entschlossen, schwerwiegende Judicien, die
in den ersten Tagen gegen ganz bestimmte Personen Vorlagen,
für bedeutungslos zu erklären. Jenen rätselhaften Delirien
des Kürschnergehilfen I a n d a, der im Verfolgungswahn
von der grauenhaften That eines „Johann" sprach, hätte
ein Psychiater vielleicht doch größere Beachtung geschenkt,
als die Prager Polizeicommissäre, die den Mann zuerst in
eine Irrenanstalt führen ließen und ihn dann aus den
Augen verloren. Wir erwähnen diese einzelne Episode nur,
um ein Schlaglicht auf die Einseitigkeit der Untersuchung
zu werfen und darzuthun, daß die Aussetzung einer Belohnung
auf die Entdeckung und Ueberführung der wahren Thater
auch dann ihre volle Berechtigung hätte, wenn das Urtheil
von Pisek nicht so lückenhaft wäre, als es thatsüchlich ist.
Wir wiederholen deshalb die folgende Preisausschreibung:
Der gefertigte Eigenthümer und Herausgeber der
„Oesterreichischen Wochenschrift" sieht sich veranlaßt, dem¬
jenigen Einzelnen oder denjenigen mehreren Personen —
ohne Unterschied ihres Standes, Berufes oder Glaubens¬
bekenntnisses — hiemit rechtsverbindlich eine
Belohnung von fünftausend G u l d e n ö. W.
zuzusichern, welche durch directe Namhaftmachung oder durch
anderweitige, sachgemäße, zweckdienliche Mittheilungen die
Ermittlung und gerichtliche Ueberführung der bisher unbe¬
kannt gebliebenen
Mordgenossen des Leopold Hilsner
herbeizuführen im Stande sind.
Die Auszahlung dieser Belohnung erfolgt durch den
Gefertigten sofort nach rechtskräftiger Verurtheilung dieser
mit Leopold Hilsner gemeinsam schuldigen Hauptthäter — und
wird die Auftheilung der 5000 fl., sofern dieselben mehreren
Anzeigern und Mitwirkenden zusallen sollten, dem Aus¬
spruche des Präsidenten des verurtheilenden Gerichtes Vor¬
behalten.
Dr. Josef S. Bloch
Eigenthümer und Herausgeber der
„Oesterr. Wochenschrift".