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Nr. 52 Dr. Blortz's Wochrnfchrifk» Seite 939
„Es liegen hier", sprach der Richter, ohne Eli's Frage
zu beantworten, „allerlei Anzeigen vor, die Verdachtgründe wach-
rufen. Man will gesehen haben, daß Sie am Tage, da das
Mädchen verschwand, selbst in den Keller hinabgingen, angeblich
um Wein zu holen; das Mädchen soll zur Zeit unten gewesen
sein; im Nachbarhause soll mau einen markerschütternden Schrei
gehört haben. Die Flasche, die Sie in der Hand trugen, als
Sie den Keller verließen, soll eine röthliche Färbung gehabt
haben. Ich bin weit davon entfernt, auf bloße Anzeigen hin
einen Verdacht auszusprechen, müßte Sie aber doch, wenn Sie
sich nicht rechtfertigen können, in Untersuchungshaft behalten, bis
die Sache geklärt ist !"
„Ich höre staunend", sagte Dr. Eli, seine innere E t-
rüstung bekämpfend, „daß man es wagt, einen Mann, der stets
nur dem Wohle seiner Mitbürger gelebt, zu verdächtigen und
halte es unter meiner Würde, mich zu rechtfertigen, wenn Ge¬
meinheit und —"
„Keine Ausfälle", unterbrach der Richter mit Stentor¬
stimme, „Sie haben hier nur Auskunft zu geben, ob —"
„Ich verweigere jede Auskunft über Fragen, die mich wohl
gar des Mordes zeihen", sagte Dr. Eli entlüftet; „mein Leben
liegt wie ein offenes Buch vor Allen, die mich zu beurtheilen haben.
Ich möchte Demjenigen Aug' in Aug' gegenübergestellt werden,
der es wagen kann, mich einer unehrenhaften Handlung zu
zeihen!"
„Genug der pathetischen Reden", sagte der Richter barsch,
„ich verlange kraft meines Amtes Auskunft darüber, was Sie
am 14. April im Keller Ihres Hauses thaten!"
„Ich öffnete ein Faß Wein", sagte Dr. Lazzlo, mit Mühe
seinen Unwillen unterdrückend.
„War Ihnen Ilona behilflich?" forschte der Richter.
„Ilona war nicht zugegen!"
„Wie wollen Sie das beweisen?"
„Mein Ehrenwort gilt als Beweis!"
„Wenn Sie aber überführt werden, daß Ilona mit Ihnen
im Keller gesehen worden?"
„Dessen kann mich Niemand überführen, weil es nicht
wahr ist!"
„Wir haben Zeugen!"
„Aber keine glaubwürdigen!"
„Sie kennen den Bela Hetvay, der bei Ihnen im Hause
wohnt?"
„Den Trunkenbold? Ja, leider kenne ich ihn!"
„Hetvay behauptet, er habe, als er einen Schrei Vv-
nommen, durch das Kellerfenster geblickt und gesehen, wie Sie
die Ilona zu Erde geworfen und —" -
„Und wegen einer so gemeinen, unwahren, schändlichen
Denunciation", rief Dr. Eli empört, „soll ich mich allen Ernstes
rechtfertigen?"
„Ja, das sollen Sie, wenn Sie es können!" sagte der
Richter mit Nachdruck.
„Schändlich ! Schändlich !" rief Dr. Eli, die Fäuste ballend ;
„Kann die Aussage eines Lumpen einen Ehrenmann zum Mörder
stempeln?"
„Bela Hetvay hat Zeugen", fuhr der Richter unbeirrt fort,
„daß Sie eine Viertelstunde später den Keller verließen und eine
Flasche, deren Inhalt roth schillerte, vorsichtig in den Händen
trugen. Ich frage Sie, was war in dieser Flasche?"
„Rothwein! Oder ziehen Sie es vor, zu glauben, daß die
Flasche das Blut eines gemordeten Christenmädchens enthielt?"
höhnte Dr. Eli, der seinen Zorn ob der ihm angethanen Unbill
kaum noch bemeistern konnte.
„Nicht diesen Ton! Ich warne Sie! Bedenken Sie, daß
es in meiner Hand liegt, Sie Ihrer Freiheit zu berauben!"
„Gefängnißstrafe ist ja weniger entehrend, wie dieser scheu߬
liche Verdacht!"
„So rechtfertigen Sie sich von demselben! Noch einmal
frage ich Sie, sagen Sie nicht, daß Sie nichts wissen; wo ist
Ilona Kusmik geblieben, nachdem Sie sie zur Erde geworfen?"
„Da könnte man ja den Verstand verlieren", brauste
Dr. Eli auf. „Glaubt man einem Vagabunden, wie dieser Hetvay,
der gegen mich zeugt, weil ich ihm die Wohnung gekündigt, mehr
als einen Ehrenmann, dessen einziges Bestreben es stets gewesen,
den Aermsten der Armen hilfreich zu sein?"
„Mit schönen Worten", sagte der Richter, „entkräften
Sie keinen Verdacht! Es herrscht im ganzen Ort nur eine
Stimme: Ilona Kusmik ist beseitigt worden, weil die Juden zum
Pessachfeste Christenblut brauchen!"
„Und diesem hundertfach widerlegten Märchen aus dem
grauen Mittelalter" rief Dr. Eli entrüstet, „will ein Mann von
Ihrer Bildung auch nur den Schein von Wahrheit zuerkennen?
Wahrlich, mir steht der Verstand still!"
„Ist das Ihre ganze Rechtfertigung?" höhnte der Richter.
„Ich habe mich nicht zu rechtfertigen! Ich bin schuldlos!"
sprach Dr. Eli, „und ich werde mein Recht suchen und —
staden! Sind Sie auch verblendet, so gibt es doch noch Richter,
die" —
„Ich erkläre Sie für verhaftet!" unterbrach ihn wnth-
schnaubend der Beamte. „Man wird Ihnen zeigen, Sie unv-r-
schämter Jud, was es heißt, frech sein und unparteiische Beamte
lästern wollen!"
Ec drückte auf eine Klingel; in der Thür erschien eilt
Diener. „Führen Sie den Angeklagten Lazzlo ab!* sagte er
barsch.
„Rühren Sie mich nicht an!" rief Dr. Lazzlo, als der
Diener ihn bei der Schulter packte und hinaus führen wollte.
„Thun Sie Ihres Amtes!" sprach der Richter; „wir werden
diesem hochmüthigen Juden Mores lehren!"
(Fortsetzung folgt.)
Briefkasten.
Adolf Weiß in A.—B. Herzlichen Dank für die Zuschrift
Indessen können wir von der Anregung keinen Gebrauch machen.
Leser des Blattes: Der Redner erwähnte Grillparzer als
den Schöpfer der tragischen Gestalten betrogener Liebe in Medea und
Sappho und fügte unter Anderem hinzu, daß in der Donaustadt das
Wort geprägt worden: Zwei Seelen und ein Gedanke, zwei Heiden
und ein Schlag.
Jsak Rosner in Dorna-Watra: Allerdings ist das straf-
gesctzlich verboten und kann gegen den Betreffenden strafgerichtlich vor¬
gegangen werden.
M. in Wie». Ter Herr Gustav Györi, I., Maysedergasse.
der im „Deutschen Volksblatt" seit längerer Zeit annoncirt, hat sich
vor Kurzem getauft, zählt sich jetzt zu den „Ariern", was unsere»
Glaubensgenossen noch nicht bekannt zu sein scheint.
Dr. Frankl in K. Wird zu sehr gelegener Zeit verwendet
werden.
A. W. Der einstige Antisemitenführer Verhovay, der
während des Tisza-Eszlarer Processes eine dominirende Rolle im
Gerichtssaale spielte, ist in seiner schönen Carriöre zu früh unter¬
brochen worden. Der würdige Mann hatte nämlich einige Fatalitäten,
weil er Gelder — unterschlug.
Dr. W. Ag. Man kann noch so sehr an Zufälle glauben
aber man wird es doch nicht als einen puren Zufall erklären können
daß bisher schon eine g r o ß e A n z a h l antisemitische
Koryphäen als ganz gemeine Diebe h inter Schloß
undRiegelgesetztwurden.
I. N—th. Baron D i p a u l i, der von den Christlich-Socialen
in so heftiger Weise angegriffen wird, erhiell kürzlich erst einen hohen
päpstlichen Orden.
Isidor M. Lassen Sie sich doch von diesem Gefasel nickt
imponiren. Wie kann ein ernster Mensch glauben, ein Universitäts-
profeffor, ein Canonicus werde, wenn er selbst hiezu den Befehl von
einem Minister bekäme, sich das Recht entziehen lassen, gegen die Be¬
schuldigung, ein Meineidiger zu sein, die Ehrenbeleidigungsklage
zu erheben?
a. Die Inden haben wirklich keinen Anlaß, gegen die Be¬
hauptung der Antisemiten zu protestiren, Gambetta sei jüdischer
Abstammung gewesen.
Nemo. Schopenhauer zählte zu seinen intimsten Freunden
Inden, und er wußte auch den Antheil zu schätzen, welchen gerade
Philosophen jüoischer Abstammung an der Verbreitung seiner
Lehre hatten.
I. W g. Es ist der plumpste Schwindel, wenn Herr B i e-
l o h l a w e k und seinesgleichen, deren Kehlen noch heiser von dem
Hepp-Hepp-Geschrei sind, um Stimmen zu fangen, vor den Wahlen eine
Verbeugung vor den — Staatsgrundgesetzen machen. Wie dumm müßten
die Wähler sein, die sich von solchen Manövern täuschen ließen.
„Junior". Professor Romeo S e l i g m a n n, der in dem Hauie
von Goethe's Schwiegertochter so intim verkehrte, war als Jude gr-
boren.
Dr. I. G Der christlich-sociale Candidat, der sich öffentlick
beklagt hatte, man nehme es in seiner Partei einem übel, wem,
er etwas gelernt hat, ist bereits von der — Candidatur zurückgetreten.
Nur die „Barriere-Stöck" erfreuen sich der Gunst Lueger's