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Dr. Blach's Wortzenschrrft.
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daß die rumänische Regierung, gleichzeitig mit den Erklärungen, die
sie abzugeben für gut erachten wird, auch genügende Versicherungen
bezüglich der Anwendung der Bestimmungen des Berliner Vertrages
ertheilt."
Wir bilden uns durchaus nicht ein, daß durch die neueren
Ereignisse die Situation unserer unglücklichen Brüder in Rumänien
mit einem Schlage eine Besserung erfahren werden. Ihrem alten
Vorbilde getreu, dem Pharao der Bibel, werden die rumäni¬
schen Machthaber zunächst ihr Herz verhärten, trotzig die Ver¬
folgungen fortsetzen, die Grausamkeit steigern, die Leiden der
Gehetzten und Bedrückten dürften jetzt gerade unerträglich
werden. Schon kommen aus Bukarest Mittheilungen, welche solche
Absichten der dortigen Gewalthaber deutlich genug verrather.
Es müssen noch ganz andere Plagen über dieses Land Herein¬
brechen, soll den Unglücklichen die Sklavenkette gelöst werden.
Allein das Gottesgericht wird auch diesmal nicht ausbleiben.
Vom Jahrmarkt de» Lebens.
Glossen zur Tagesgeschichte.
Emil Zola. — Die Landtagswahlen. — Edmund
Jellinek und Ern st Bergan i.)
Eine Trauerkunde geht durch die Welt: Zola ist tobt! An
der Bahre dieses Großen, den ein tragisches Geschick mitten im
reichsten Schaffen gefällt hat, trauert die gesammte Culturwelt;
doch mehr, als alle anderen Völker müßten wir Juden das Hin¬
scheiden Zola's beklagen. Denn er war ein Genie des Geistes
und ein Heros der Gerechtigkeit, einer jener erleuchteten Männer
der Völker, von welchen unsere Lehrer sagten, daß sie, der Un¬
sterblichkeit sicher, am Horizont der Menschheit wie ewige Ge¬
stirne leuchten. Er war ein Geistesriese, der die wilden, toll gewor¬
denen Mächte der Finsterniß gebannt und bezwungen. Seinem
muthigen Eingreifen ist es zu danken, daß die „Affaire Dreyfus",
die wie ein schwerer Alp auf der Judenheit lastete, durch die
Hebel der Wahrheit und der Gerechtigkeit von uns abgewälzt
wurde. Wir kennen den tieferen Sinn, den unsere Feinde in die
„Affaire" hineinzulegen wußten. — Der Jude ist fähig, das er¬
bärmlichste Verbrechen zu begehen, den Hochverrath! — Dieses
Axiom sollte durch die Affaire illustrirt werden. Den Juden-
haffern von der Sorte des Drumont war die Affaire ein
willkommener Anlaß, die französische Volksseele mit dem Gifte
des Antisemitismus zu durchtränken. — Die Juden sind Fremd¬
linge — so predigte „Libre parole“ Tag für Tag, — sie kennen
keine Vaterlandsliebe, Dreyfus ist der würdige Repräsentant
der Juden, die insgesammt werth sind, ihm auf der Teufels¬
insel Gesellschaft zu leisten. Und wir erinnern uns, welch'
lautes Echo dieser antisemitische Weckruf der französischen
Blätter in der antisemitischen Presse aller Länder fand. Wie
Drumont sich räusperte, so spuckte Bergani in Wien und
die geistigen Hintermänner der „Staatsbürger-Zeitung" und
die Preßmeute des sonstigen antisemitischen Erdenrundes.
Unter dem Schlachtruf „Nieder mit den Juden! Nieder mit
Dreyfus!" wurden antisemitische Wahlsiege erkämpft, jüdische
Geschäftsläden geplündert und Juden mißhandelt. Die Affaire
Dreyfus war ein Unglück für die Juden aller Länder. Da trat
Zola auf den Plan und rief sein dröhnendes „Ich klage an!"
in die Welt hinaus. Er klagte die französischen Richter der Un¬
gerechtigkeit an, er wagte es, umringt von einer dichtgedrängten
Rotte fanatischer Anti-Dreyfirsisten, für die Unschuld des Ex-
Capitäns einzutreten. Das Donnerwort Zola's wirkte wie ein
reinigendes Gewitter, das die schwülen, mißdustigen Dünste aus¬
einanderscheucht. Es wurde Licht in der „Affaire", die wurm¬
stichigen Ehrenmänner L la Esterhazy, Gonse, Mercier
standen in voller Beleuchtung da, die Freunde der Gerechtigkeit,
die von der Unschuld des Dreyfus überzeugt waren, fanden den
Muth, für den unschuldig Berurtheilten einzutreten, eine Gruppe
von Wahrheitsfreunden sammelte sich um Zola, die öffentliche
Meinung wurde zum Theil umgestimmt und schließlich gelang
es, die Unschuld des Ex-Capitäns an's Licht zu bringen. Den
Antisemiten war eine wuchtige Waffe aus den Händen geriffen,
der Dreyfus-Alp war von der Judenheit genommen. Und das
war hauptsächlich das Werk Zola's. Im gebührt ein Platz neben
den besten Wohlthätern der Judenheit. Und wir Juden, die wir
stets dankbaren Herzens derer gedenken, die uns Gutes gethan,
werden diesem Edlen immerdar einen Ehrenplatz in der Reihe
unserer Wohtthäter einräumen.
Die Herren von Wien rüsten sich für die Landtags-
Wahlcampagne, und jeden Tag schleichen sie sich an eine andere
Berufskategorie heran, um sie durch Versprechungen zu ködern
und die Stimmen zu ergattern. Die fortschrittlichen Parteien
rechnen bereits mit ziemlicher Sicherheit aus den Sturz der
christlich-socialen Partei, gestützt auf die allerdings sehr beachtens-
werthe Gegnerschaft, die dem Dr. Lueger und seinem Anhang
in den Landstädten Niederösterreichs, insbesondere von St. Pölten
aus, erstanden ist. Diese Siegeszuversicht halten wir für einen
großen Fehler, der leicht verhängnißvoll wirken kann, weil sie
die Indifferenten dazu verleiten könnte, sich der Ausübung der
Wahlpflicht zu enthalten mit der bekannten Ausrede, es komme
auf ihre Stimme ohnehin nicht an. Wir halten die Niederlage
der Christlich-Socialen keineswegs für so ausgemacht. Das ist
wohl allgemein bekannt, daß die sechs Mandate in der Innern
Stadt das Zünglein an der Waage bilden, und insoweit es sich
um die Erhaltung dieser Mandate handelt, machen wir die
jüdischen Wähler in der Innern Stadt aufs Nachdrücklichste auf¬
merksam, daß es sich da um jede einzelne Stimme handelt und
daß die Juden in der Innern Stadt vermöge ihrer großen
Anzahl auf das Ergebniß der Wahl großen Einfluß üben können.
In der Leopoldstadt candidirt der schöne Carl persönlich. Dem
Oberhaupt der Christlich-Socialen eine Niederlage zu bereiten,
das wäre ein sehr werthvoller und moralischer Erfolg, der aber nur
erzielt werden kann, wenn alle anständigen Wähler durch den
Stimmzettel gegen die Fortdauer der corrupten christlich-socialen
Wirtschaft protestiren. Der dicke Strobach candidirt im neunten
Bezirke, im Plvfefforenviertel; es sollte nicht allzu schwer sein,
die Fettkugel aus dem Bezirke hinauszurollen. Daß der Sturz
der derzeitigen Landtagsmajorität den Juden zu unmittelbarem
Vortheile gereichen wird, darüber geben wir uns allerdings
keinerlei Illusionen hin. Die deutsche Volkspartei ist trotz Bölkl
antisemitisch angehaucht, der Großgrundbesitz kokettirt mit dem
sogenannten „wirthschaftlichen" Antisemitismus, und die Liberalen
pflegen einer Stellungnahme zu Gunsten der Gleichberechtigung
der Juden mit großer Vorsicht auszuweichen. Alle diese Parteien
bieten uns aber wenigstens die Gewähr, daß, insoweit es auf
sie ankommt, wenigstens das Gesetz beobachtet wird. In der
christlich-socialen Partei hingegen stehen wir einem Feind gegen¬
über, für dessen politische Existenz die Judenhetze unentbehrlich
ist. Den genirt weder Recht noch Gesetz. Wird die Macht der
Christlich-Socialen im Landtage gebrochen, dann wird es auch
eher möglich sein, die Communalverwalrung ihren Klauen zu ent¬
reißen, wo sie der jüdischen Bevölkerung auf Schritt und Tritt
viel größeren unmittelbaren Schaden zufügen können als im
Landtage. Die nächste Aufgabe der fortschrittlichen Wählerschaft
also ist die Herbeiführung einer Niederlage der Christlich-Socialen
im Landtage, und die weitere, die reactionäre, gemeinschädliche
Klique aus dem Rathhause hinauszuwerfen.
* *
*
Der „jüdische" Defraudant Jellinek. Das war wieder ein
gefundenes Fressen für die Gesinnungsgenoffen des Defraudanten
Wastl. Insbesondere das „Deutsche Volksblatt" erklärt das Ver¬
brechen Jellinek's nicht mit dessen individueller Gewissenlosigkeit
und Habgier, sondern mit den „Eigenthümlichkeiten der Race".
Man konnte auch die infame Verdächtigung lesen, daß der „Mische"
Polizeirath Stuckart den Verbrecher absichtlich habe entwischen
lassen und daß die Juden sich Jellineks annehmen und den
Glauben verbreiten, er habe sich umgebracht, damit er sich in
Sicherheit bringen könne. Diese schuftige Ausbeutung eines Ver¬
brechens zu Zwecken der Judenhetze hat uns durchaus nicht über¬
rascht; hätte man die Leiche Jellinek's nicht gefunden, so wäre
es dabei geblieben, daß die Juden diesen „Stammesgenoffen"
verbergen und ihn auf einer koscheren Privatyacht nach Amerika
befördert haben. Bei dieser Campagne mag auch der stille Neid
mitgewirkt haben. Konnte Edmund Jellinek nicht Bürgermeister
von Mühldorf sein und Ernst Bergani Caffier der Länderbank?
_ Isegrim.
Englische Politiker über die rumänische Gesetzgebung
gegen die Juden.
In London erscheint unter dem Titel „Roumanian Bulletin“
von Zeit zu Zeit ein Flugblatt, das den Zweck hat, auf die
JudenverfolgunginRumänien aufmerksam zu machen.
Dasselbe bringt nun in seiner neuesten Ausgabe einige interessante
Zuschriften von bekannten Engländern, die wir nachfolgend wieder¬
geben: