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Dr. Bloch's Wochenschrift^
Nr. 40
Chamberlain: „Ich bin jeder Verfolgung aus
religiösen Gründen durchaus abgeneigt, und ich bedauere tief die
unvernünftigen Beeinträchtigungen der jüdischen Bevölkerung in
so vielen Ländern. Die Geschichte beweist, daß die Juden, während
sie mit außerordentlicher Zähigkeit ihre nationalen Charaktereigen¬
schaften und die Lehrsätze ihrer Religion bewahrten, zu den
loyalsten Unterthanen der Staaten gehörten, in denen sie ein
Heim fanden, und es ist die Unklugheit einer derartigen Ver¬
folgung fast noch größer als ihre Grausamkeit."
Sir Charles W. Dilke: „Ich bedauere tief die
fortgesetzte, antijüdische rumänische Gesetzgebung, und ich bin
der Ansicht, daß eine derartige Gesetzgebung eine scheußliche
Grausamkeit und einen Schandfleck für die moderne Civilisation
darstellt."
Herbert Gladstone: „Ich beklage jede Intoleranz
gegen Juden, die dem Gesetz gehorchen, in welchem Lande sie auch
immer wohnen mögen. Ich kann kaum daran zweifeln, daß die
rumänische Regierung ihre Politik noch einmal in Erwägung
ziehen und vermeiden wird, Unrecht zu thun."
Henry Broadhurst: „Die Rumänen verdanken einen
großen Theil, wenn nicht ihre ganze Freiheit den Engländern,
und wir haben ein Recht, von ihnen zu verlangen, daß sie Jeden
innerhalb ihrer Grenzen anständig und gerecht behandeln. Meiner
Ansicht nach ist es Pflicht unseres Auswärtigen Amtes, Sie in
Ihrem Humanitären Bestreben zu unterstützen."
Professor Dicey (Oxford): „Der Vertrauensbruch von
Seiten der rumänischen Regierung erschüttert die Achtung vor
Verträgen, welche schließlich die einzige Garantie für die Unab¬
hängigkeit der kleineren europäischen Staaten bietet. Die Aus¬
treibung der Juden aus Rumänien ist eine directe Benachtheiligung
anderer Länder, die dadurch von fremden und natürlich verarmten
Auswanderern überfüllt werden."
General Booth, Vorsteher der Heilsarmee, läßt mit¬
theilen: „General Booth wünscht seine ernsteste Hoffnung zum
Ausdruck zu bringen, daß es Ihrem Comite gelingen möge, eine
Aenderung des Gesetzes vom März 1902 durchzusetzen. Er ist
der Ansicht, daß die verfolgten Juden in Rumänien in vollstem
Maße auf die Sympathie aller Christen in diesem Lande Anspruch
haben."
Das von Booth erwähnte „Gesetz vom März 1902" ist
das bekannte Gewerbegesetz.
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Paris. Anatole Leroy-Beaulieu schreibt im „Europäen"
in einem Artikel, betitelt „Für die Juden Rumäniens": Selbst
wenn die Mächte nichts thun als einen Platonischen Protest an
Rumänien senden, ist auch das besser als das fünfundzwanzig
Jahre beobachtete Stillschweigen. Europa würde zeigen, daß es
sich von den allzu plumpen Fiktionen der rumänischen Gesetze
nicht täuschen läßt.
Jüdische Landwirthe.
Bor Kurzem erst haben wir nach dem Londoner „Standard"
auf die Juden im östlichen Kaukasus aufmerksam gemacht, die
nur Landwirthe sind. Ein ganz intereffantes Beispiel aber für
die Fähigkeit der Juden, Landwirthschaft selbst unter den ungün¬
stigsten Bedingungen zu treiben, sehen wir in Amerika. In Chester¬
field gedeiht eine Anfiedlung eingewanderter russischer Juden
ganz kräftig auf einem Boden, den selbst die zähen Connecticuter
Farmer als unergiebig verlassen hatten. Doch führen wir einen
ganz speciellen Fall au. In den Vereinigten Staaten bemüht
man sich, die in dem sogenannten New-Aorker Ghetto einge¬
pferchten Juden zum Theil auf Farmen unterzubringen. Ein
Rabbiner Dr. Levy widmet sich dieser Aufgabe mit großem Eifer
und Erfolg. So übergab er auch eine Farm von 110 Morgen,
für die er eine jährliche Pacht von 310 Dollars zahlte, einem
Juden, der bis dahin nichts von der Landwirthschaft verstanden
hatte. In einem Zeitraum von nur drei Jahren war aus dem
armen unterstützungsbedürftigen jüdischen Gerbergehilfen ein
glücklich vorwärts kommender Landwirth geworden. Bor nur drei
Jahren ein wirtbschaftlich verkommener Mann, besitzt er heute
achtzehn Stück Rindvieh, fünf Pferde und die dazu nöthigen
Wagen re. Vierzehn Melkkühe bringen ihm fünfundvierzig Dollars
monatlich ein, genug, um die Pacht zu bezahlen und die laufenden
Ausgaben der Famile zu bestreiten. Der Ertrag der Wiesen und
Kornfelder ist der Nettonutzen. Noch ein Jahr, und der Mann
wird schuldenfrei sein und anfangen zu sparen und die Farm zu
kaufen. In fünf Jahren wird dieser Jude, der sich so schnell in
dir Landwirthschaft hineingelebt hat, das Gut selbst schuldenfrei
besitzen, das einen Werth von neun- bis zehntausend Dollars
haben dürfte.
Ueber die Getreideversorgung Sachsens durch einen Juden
im Theuerungsjahr 1720 entnehmen wir einer verdienstvollen
Studie Alphonse Levy's „Geschichte der Juden in Sachsen" fol¬
gende Schilderung des Leipziger Magister Heinrich Engelbert
Schwartze:
„In Meißen, Dresden und den herumliegenden Gegenden
war die Noth um deswillen um so viel größer, weil auch nicht
einmahl vor das schönste Geld etwas von Getrayde, sonderlich dem
lieben Korne, zu bekommen war, biß sich endlich der Hofjude
Jonas Meyer aufwurff, welcher in Pommern, Hollstein u. a.
Nieder-Sächs. Landen eine unsägliche Menge Korn aufkauffte und
nach Dreßden brachte, u. weil er von Kgl. Mj. als u. allergnäd.
Landesherrn, viele Freiheiten und Begnadigungen erhalten, den
Scheffel Korn Dreßdener Maaß durch die Bank vor 3 Rthlr.
an Reiche und Arme Verkauffete. Da kamen die armen Leute
nicht nur aus unfern Provinzen, sonderlich dem Ertzgebürgischen
und Chur- Creyß und der Lausitz, allwo die Hungersnoth am
stärksten grassierte, sondern auch aus Böhmen, Schlesien und
Mähren, lagen offt Tag und Nacht zu 200 u. 300 vor des
Hof-Juden Hause und warteten, bis wiederum eine Lieferung
von 20,. 30 und mehr Fudern ankam, alsdann wenn der Hof
und die Stadt versorget war, eine ordentliche Eintheilung gemachet
und jedem nach Proportion etwas Korn gegeben wurde, du
mancher vor eine große Wohlthat erkennen mußte, wenn er einen
kleinen halben Scheffel Korn vor sein Geld bekommen konnte, ob
er wohl 10, 12 und mehreren Meilen darnach gereiset war."
Jedenfalls steht fest, daß der Hofjude Jonas Meyer, welcher mit
königlicher Bewilligung die Versorgung Dresdens übernahm,
bis im Mai 1720 bereits über 40.000 Scheffel Getreide auf
Schiffen von der Unterelbe und selbst von Danzig hatte herbei¬
schaffen lassen und den Scheffel Korn für 3 Thaler 15 Groschen
an die Bürger verkaufte, denen diese Getreidezufuhr also wohl
zu Statten kam.
Die Wahl des Lord-Mayors von London.
London. Sir Marcus Samuel wurde als Lord-
Mayor erwählt, der sechste oder siebente Jude seit der Eman-
cipation. Die Wahl fand mit allen historischen Ceremonien statt.
Der bisherige Lord-Mayor fuhr in großer Gala zur Guildhall,
von wo alle Citybehörden in ihren Amtsroben und mit ihren
Ketten, Jeder einen großen Blumenstrauß tragend, in feierlichem
Zuge nach der St. Lawrence Jewry-Kirche zogen. Aw Gottes-
dlenst nahm auch Sir Marcus theil. Nach dem Ende der
Ceremonie lud der Schwertträger des Lord-Mayors den Pfarr-
herrn feierlich zur Mittagstafel ein, und die Proceffion kehrte
unter dem Klange der Kirchenglocken nach der Guildhall zurück.
In der Guildhall hatten sich alle Zunftmitglieder, die
einzigen Stimmberechtigten, versammelt, und der Cityherolb
forderte alle Nichtzünftler bei Vermeidung von Gefängnißstrafe
auf, die Halle zu verlassen. Der Stadtrichter Sir Forest F u l t o n
erhob sich dann und erklärte nach den vorgeschriebenen ceremoniellen
Verbeugungen den Zweck der Versammlung. Die Zünftler hätten
das Privilegium, den Aldermen zwei Candidaten zur engeren
Wahl vorzuschlagen. Der Lord-Mayor und die Aldermen ver¬
ließen den Saal zur Sondersitzung, und der Citymarschall hielt
vor ihrer Thür Wache. Sodann verlas ein anderer Richter die
Namen der passiv wahlberechtigten Aldermen, den von Sir
Marcus Samuel als Dienstältesten zuerst. Laute
Acclamation begrüßte seinen Namen, und
auf weiteres Befragen wurde er als in erster Linie ein¬
stimmig vorgeschlagen erklärt. Vorher hatte er sich
noch nach altem Brauche dem Kreuzverhöre der Zünftler über
Gesinnung nnd Lebensführung zu unterwerfen gehabt. Er wurde
gefragt, ob er sich imAmtsjahre aller Gründungen
enthalten wolle. Darauf antwortete er: „Ich bin
keinGründer und hoffe es nie zu werde n."
In zweiter Linie wurde Sir John R i t ch k e übungs¬
gemäß vorgeschlagen. Die Candidaten wurden in die Sitzung
der Aldermen geführt und kehrten nach vorgenommener end-
giltiger Wahl mit den Aldermen zurück. Sir Marcus
wurde vom bisherigen Lord-Mayor hereingeführt — das
traditionelle Zeichen der Wahl — und lauter Beifall begrüßte
ihn. Richter F u l t o n erklärte amtlich das Wahlergebniß. Der