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Br. Bloch's Wochenschrift.
„Nein ich bin vom Lande aus der Taborer Gegend. Ich
wollte noch auf JomKipur nach Hause, aber es wurde mir zu
spät, so mußte ich hier in Prag bleiben und da hat mich ein
glücklicher Zufall her in die schöne Meiselschule geführt, wo sich
eine so freundliche Dame meiner angenommen hat. Ich hätte
nicht lange stehen können, ich bin zu schwach dazu."
„Sie sind nicht von Ihrer Familie erwartet worden, die
sich um Ihr Ausbleiben ängstigen wird?"
„Ich habe keine Familie", sagte die Fremde, während
große Thränen über ihre schmalen bleichen Wangen liefen, „ich
lebe ganz allein in meinem kleinen Slübchen; Niemand er¬
wartet, Niemand vermißt mich."
„Sie Arme, Sie sind Witwe," sagte im Tone innigsten
Mitgefühles Paula.
Die Fremde blieb die Antwort auf diese theilnahmsoolle
Frage schuldig, während sie tief erröthete.
„Verzeihen Sie mir", fuhr Paula fort, „wenn ich einen
wunden Punkt in Ihrem Leben berührte. Ich habe es gut gemeint."
„O, das weiß ich, gnädige Frau, das zeigt sich aus Ihrem
Benehmen gegen mich, unglückliches Weib. Aber was nützt das
Leugnen? Mein Unglück liegt so offenkundig am Tage, daß es
nicht verborgen bleiben kann. Ich bin nicht Witwe, mein Mann
lebt noch, aber ich bin von ihm geschieden."
Paula horchte bei diesen Worten athemlos auf. „Ge¬
schieden ?" fragte sie, „ist dies denn bei uns Juden auch möglich?
Ich habe von einem solchen Falle niemals gehört."
„Ein solcher Fall gehört hier zu Lande zu den größten
Seltenheiten, wo er aber eintrifft, hat die betreffende Frau viel
zu leiden. Jedoch Alles trage ich gerne, wenn ich nur den Schreck¬
lichen los bin, der mein ganzes Lebensglück vernichtet hat. Doch
Sie können mich nicht verstehen, gnädige Frau, und Gott behüte
Sie davor, mich verstehen zu können". Wie gerne hätte Paula
zu dieser armen Frau gesagt:
„O, doch! Ich verstehe Dich voll und ganz, ich bin ja
ganz in der Lage, in der Du warst, als Du nach Erlösung
schmachtetest, wie ein Verdurstender nach Wasser."
Doch sie konnte es ihrem Stolze nicht abringen, dies aus¬
zusprechen, und doch hätte sie so gerne Näheres von ihr erfahren.
In ihrer Seele war durch die Mittheilung der fremden
Schnorrerin ein Sturm entfacht worden, welcher in dem Einen
Verlangen austönte: Freiheit, Freiheit um jeden Preis. Sollte
ich auch mein Brod wie dieses Weib vor fremden Thüren er¬
betteln müssen, nur frei sein von ihm!
Sie frug weiter, und die Frau erzählte ihr die ganze
Leidensgeschichte ihres unglücklichen Lebens.
Der Wille ihrer Eltern hatte sie an einen, den schändlichsten
Lastern fröhnenden Mann gebunden. Als dieser Alles, aber auch
Alles, was sie besaßen, dem unseligen Kartenspiele geopfert hatte,
ließ er sich bequem von ihrer Hände Arbeit ernähren. Als sie,
von schwerer Arbeit ganz erschöpft, nicht alles Nothwendige mehr
aufbringen konnte, versuchte er es, sie durch Mißhandlungen zu
größerer Thätigkeitsentfaltung anzuspornen, bis sie einstmals
unter seinen Schlägen kraftlos ^usammenbrach. Der Kranken
hatte es an jeder Pflege gefehlt, und da schickte man sie nach
Prag ins jüdische Krankenhaus.
Unter den Herren, welche das Spital hie und da in-
spicirten, befand sich auch ein angesehener junger Advocat, welcher
Menschenliebe im weitesten Sinne des Wortes zu seiner Devise
erhoben hatte, welcher das Unglück aufsuchte, und wo er es fand,
zu lindern strebte. Bon dem Spitalsarzte auf das schwerleidende
junge Weib aufmerksam gemacht, suchte er bei seinen Besuchen
ihr Vertrauen zu gewinnen, und da erfuhr er die ganze Leidens¬
geschichte dieser Unglücklichen. Als er von ihr schied, ließ er ihr
seine Karte zurück mit dem Bedeuten, ihn in seiner Kanzlei zu
besuchen, wenn sie aus dem Krankenhause entlassen werde.
Es dauerte wohl viele Wochen, ehe sie so weit hergestellt
war, aber endlich stand sie doch eines Tages in dem Warte¬
zimmer des Advocaten, dessen Karte in den zitternden Händen
haltend. Alle andern wartenden Clienten umgehend, ließ sie der
menschenfreundliche Doctor zu sich rufen und setzte ihr aus¬
einander, daß sie mit einem so rohen Menschen, der ihr solche
ernste Verwundungen beigebracht hatte, nicht länger leben könne,
daß sie sich von ihm scheiden lassen müsse. Sie war über diesen
Vorschlag ganz glücklich, besonders da der Advocat ihr versprach,
ihre Sache zu führen, so daß ihr keine Spesen daraus entstehen
werden. Vorläufig bis ihre Angelegenheit entschieden sein wird,
werde er ihr eine Beschäftigung verschaffen, damit sie getrennt von
ihrem jetzigen Gatten leben könne. So bekam sie auf seine Ver¬
wendung Beschäftigung als Aufwärterin im jüdischen Rathhause.
Der Scheidungsproceß wurde zu ihren Gunsten entschieden.
Sie wurde von der drückenden Fessel befreit. In Prag aber war
ihres Bleibens nicht länger, denn auch e r hatte hier Beschäfti¬
gung gesunden, und bedrohte sie. Die Unglückliche kehrte in ihr
Heimatsdorf bei Tabor zurück, wo sie sich durch häusliche Arbeit
bei den Bäuerinnen nothdürftig erhielt. Heuer aber sei ihre
Heimat durch Hagelschlag und Mißernte sehr hart betroffen
worden, so daß sie "nicht hoffen könne, sich über den Winter ohne
fremde Hilfe erhalten zu können. Da habe sie sich, wenn auch
mit blutendem Herzen, entschlossen, während der Zeit, wo alle
jüdischen Herzen zur Milde geneigt sind, die Mildherzigkeit ihrer
vom Glücke begünstigten Glaubensgenoffen in Prag um Beihilfe
anzuflehen, habe sich aber verhalten, so daß sie über Jom K pur
hier bleiben mußte.
Die ergreifende Erzählung der schlichten Frau hatte aui
Paula einen tiefen Eindruck gemacht. Auf sie wirkte das Wort:
Scheidung wie ein Ruf nach Erlösung aus unerträglichem Joche.
Doch um wie vieles glücklicher schien sie zu sein, als diese
einsame Frau. Sie stand nicht ganz verlassen in der Welt wie
diese, sie hatte noch eine Stätte, wohin sie flüchten konnte, wenn
der Sturm des Unheils über ihr Haupt fahren würde — das
Mutterhaus, das Mutterherz. Hier hoffte sie Trost und Ersatz
zu finden für all das Traurige, das ihr das Leben gebracht
hatte.
So war es Abend geworden. Als die Letzten in der
Fcauenabtheilung waren Paula und die Fremde geblieben. Erst
als der Schall des Schofar den Ausgang des Festes verkündete,
erhoben sich Beide.
„Kommen Sie mit mir nach Hause, sich bei mir mit
Speise und Trank zu stärken nach dem Fasten", lud Paula die
Fremde ein.
„£>, diese Güte, gnädige Frau", stammelte diese.
Fast unwillig wehrte ihr Paula ab. „Lassen Sie das,
sagte sie. Auch für mich ist es eine Wohlthat, gemeinsam mit
Jemandem, der gleich mir unglücklich ist, zu speisen."
Sie langten alsbald in Paulas naher Wohnung an. Diese
war hellerleuchtet, gut durchwärmt und der Tisch gedeckt.
Der Herr hat schon gespeist und ist in eine Vereins-
sitzunz gegangen.
Paula war dies sehr lieb. „Gut", antwortete sie dem Dienst¬
mädchen. „Tragen Sie auf!" Sie setzte sich mit der Fremden zu
Tlsche, welche ihr indeß gründlich die Scheidungsprocedur aus¬
einandersetzen mußte.
Paula schrack vor nichts zurück. Frei werden um jeden
P?eis! so tönte es in ihrem Innern.
(Fortsetzung folgt.)
Kriefkasten.
E. Stein in L. Wir haben Ihre Karte dem Verlag, über¬
mittelt. Wir bedauern, nähere Mittheilungen nicht machen zu können,
wenn uns selbe vom Verlag nicht zugesendet werden
K. Die Humberts und die Daurignacs, Heroen des Schwindler-
thums, haben endlich die Partei gefunden, zu der sie gehören: Nach¬
dem sie ertappt und ins Gefängniß gesteckt worden, haben sie die
Flagge des Antisemitismus aufgezogen. Sie, die ungezählte Millionen
zusammengegaunert und verschleudert, die alle Welt betrogen haben,
klagen über „Ausbeutung" und beschuldigen die „jüdische Presse" der
Ausbeutung. — Es ist herzerquickend, das zu sehen. Hier zeigt sich in
Paradigmatischer Form Kern. Wesen und Blüthe des Antisemitismus.
Er tritt nicht immer so großartig, aber immer mit den gleichen Grund¬
zügen auf. Auch der Kurzsichtigste kann nicht umhin, zu erkennen, daß
ein fast contradictorischer Gegensatz zwischen Unredlichkeit und Juden-'-
thum bestehen muß. da die schlimmste und gewissenloseste Unredlichkeit
mit Vorliebe die Form des Antisemitismus annimmt.
S. Gegen den hessischen Amtsrichter Dr. Mahr, der vor Kurzem
wegen Beleidigung eines jüdischen Kaufmannes zu einer Geldstrafe
vernrtheilt wurde, ist auf Grund des hessischen Richtergesetzes das
Disciplinarverfahren eingeleitet worden.
„Alter Abonnent". Nichts gezogen.
Neue Bücher.
Dr. B. Plaezek, Landesrabbiner. Nachruf, gehalten an der
Bahre Hieronymus Lorm's am 5. December 1902.
Verlag von B. Epstein L Comp. in Brünn.
Dr. R. Faerber. König Salomon in der Tradition.
Ein historisch-kritischer Beitrag zur Geschichte derHaggada, der
Tannaiten und Amoräer. Theil I. Als Inauguraldissertation
eingereicht bei der hohen philosophischen Facultät der Kaiser
Wilhelm-Universität zu Straßburg. Verlag von Josef
Schlesinger in Wien 1902.