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Dr. Bloch’s
Sahrgan, XX
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Centralorgan für die gessmmten Interessen des Iudenthums.
Wie«, 16. Aiinuer 1963.
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Erscheint jeden Freitag.
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Inhalt: Leitartikel: Arischer Wucher in alter und neuer Zeit. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Glossen zur Tages¬
geschichte. Der neue Magistratsdirector. — Zum medicimschm Kongresse in Kairo, Egypten. — Die Juden in Padua. —
Correspondenzen: Aus der öffentlichen Sitzung des Wiener Cultusvorstandes. Baden, Wr.-Neustadt, Bielitz. Saybusch,
Troppau, Odessa, Berlin, Paris, London. — Vermischtes: Wien. Kranzablösungsspenden zu Gunsten der Chewra-Kadischa in
Wien. Wien, Boskowitz, Tabor, Mähr.-Ostrau, Vukovar, Reichenberg, Arenches. —Feuilleton: Drei R. — Maaffer bezahlen.
— Literatur. — Neue Bücher. — Brieflasten. — Inserate.
Arischer Wucher i« alter und neuer Zeit.
Pan Verganew ist in Bezug auf Gelderwerb zweifel¬
los ein strenger Moralist. Andern nämlich pflegt er die
strengsten Rechtsgrundsätze einzuschärfen; gegen sich war er
stets nachsichtiger. Die Mühldorfer Obligationsgeschichte und
manche andere Affaire zeigte seine Profitwuth in bedenklichen
Blößen. Der Urgermane aus Sollenz in Galizien, der einst
auf seine Bettelbriefe von Herrn Schönerer den freund¬
schaftlichen Rath empfing, er möge einen starken Strick
wählen und einen guten Haken sich aussuchen, ist heute ein
dickbäuchiger Hausherr von vielfachem Vermögen. Wie sein
Reichthum entstanden und aus welchen Quellen Pan Ver¬
ganew sein Geld geschöpft hat, verdiente genauer gezeichnet
zu werden. Er zieht es indessen vor, über die „Historischen
Quellen des Judenreichthums" Artikel zu publiciren. Ein
christlicher Leser und Mitarbeiter sendet uns nachstehenden
Beitrag zur Entstehungsgeschichte arischer Vermögen. Der¬
selbe schreibt uns:
Je hoffnungsloser für den Kleinbürger und den
Agrarier die Gegenwart sich zeigt, umso eifriger sucht er
nach Personen, an welchen er, als Sündenböcke, seine Wuth
auslassen kann. Gefälschte historische Tradition und sociale
Stellung weisen ihn nun, wo keine anderen, z. B. nationale
Gegensätze, vorhanden sind, auf den Juden hin. Da nun in
Folge des herrschenden Jndifferentismus religiöse Momente
bei den Massen keine rechte Zugkraft mehr haben, so prägte
man sich, allerdings in vollster Unkenntniß der großen wirth-
schaftlichen Fragen, ein neues Schlagwort und präcisirt die
Feindschaft gegen die Juden, dev Antisemitismus, als einen
Gegensatz der Bodenaristokratie zu jener des Geldes und
sucht damit den denkunfähigen Massen einzureden, daß die
größten Reichthümer sich in Judenhänden befinden und diese
es sind, welche die Völker und Staaten in das Joch spannen.
Indem man hiemit dem verstandesarmen Kleinbürgerthume
und der geistesträgen Bourgeoisie an deren empfindlichsten
Nerv unsanft greift, hofft man, und nicht immer vergebens,
die in denselben schlummernde Bestie zu erwecken und gegen
die Juden loszulassen.
Untersuchen wir nun die Behauptung der Antisemiten,
daß in den Händen der Juden nicht blos die größten Reich¬
thümer sich befinden, sondern daß der Krebsschaden der
Volks- und Einzelwirthschaft, der Wucher, nur von den
Juden erzeugt und cultivirt wird, auf ihre Wahrheit und
innere Berechtigung. Wir werden da an der Hand von Be¬
weisen gerade der christlichen Welt nahestehender Ge¬
schichtsforscher finden, daß auch für die Juden das Wort
gilt, was gegenüber der unglücklichen Königin Maria Stuart:
Sie sind besser als ihr Ruf.
Beginnen wir zunächst mit dem Vorwurfe des Wuchers.
Aus Hunderten von Beweisen nur einige wenige. So sagt der
um das Ende des 16. Jahrhunderts lebende, dem Orden der
Jesuiten augehörige Prediger Georg Scherer in einer seiner
Predigten*) an seine christlichen Zuhörer: „Wir reisten
und beisten, schinden und schaben, drücken und pressen ein¬
ander, daß es ein ewiger Spott nnd Schande ist. Es fället
einer den andern mit dem Wucher an, wie die Jagdhunde
ein Wild anfallen, und sind die Juden gegen einander viel
barmherziger und mitleidiger als wir Christen, die wir uns
der Taufe und der wahren Erkenntniß des heiligen Evangelii
rühmen. Durch den verdammten Wucher bringen wir unfern
Nächsten um Haus und Hof und um Alles, was er hat,
wie dann die Wucherer daraus fein abgerichtet sein. Ich
weiß einen Wucherer, der nimmt wöchentlich von Einem
Gulden 5 Pfennig zu Wucher, das macht im Jahr von 100
nicht mehr als 105: Pfui der Schande! Mancher leiht einem
1000 Gulden, gibt aber nur 500 an baaremGeld, und da¬
zu in einem solchen Geld, daran der Entlehner verlieren
muß, die anderen 500 gibt er in verdorbenen Waren, auf
das Theuerste geschätzt, in verlegenem Tuch, in ungewissen
Schuldbriefen, in zähem Wein, in hinkenden Rossen u. s. w.;
aus diesem Allem macht er die Hauptsumme völlig und
schlägt noch darauf 8 oder 10 Prozent. Ist das nicht ein
unchristlicher und teuflischer Wucher. So thun sie das öffent¬
lich und ohne alle Scheu und gehen großen Fürsten und
*) Abgedruckt in dem von den Clericalen so übermäßig ge-
priesen en G eschichtswerk vonJannsen „Geschichte des deutschen Volkes",
Band Vlli.