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Vr. Bl och's Wochsnschrifk.
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ihm von da ab 20 und mehr Percent als „Entschädi¬
gung für Verluste" berechnet wurden, so daß im Gesammten
der Zinsfuß sich auf 50—60 Percent für ein Darlehen
stellte, zu dessen Eintreibung im Executionswege dem
Gläubiger auch die kirchliche Excommunication zur Verfügung
gestellt werden konnte.*) Gegenüber der römischen Curie
gewährte Vorschüsse rechnete man statt des Geldzinses diverse
Spesen für Reisen, Einhebung des verpfändeten Zehentes,
der Annaten- und Palliengelder, für gewährte Prolon¬
gationen rc., so daß auch diese äc facto und trotz aller
Sicherheit des gewährten Vorschusses ungeheure Wucher¬
zinsen trugen.
Der noch von Karl dem Großen in seinen Capitularien
vorausgesetzte 100—2OOpercentige Kaufmannsgewinn erhielt
sich bis ins 16. Jahrhundert hinein, während der Geldzins¬
fuß im Durchschnitt sich auf einer Höhe von 30—40 Per¬
cent erhielt. Diesem Wucherzinsfuße gemäß war auch
die Vermehrung des Capitales einzelner großer Kaufhäuser.
So z. B. vermehrte sich das Vermögen des gewiß der
christlichen Kirche in Frömmigkeit ergebenen Hauses der
Fugger einmal in nur sieben Jahren um — 13 Millionen
(oder, nach dem heutigen 8—lOfach höheren Geldwerthe
auf circa 200 Millionen Kronen!) Allerdings wurde dieses
cromm-chcistliche Haus einmal auch vom Erzherzog Ferdinand
it einer Geldstrafe von 60.000 Gulden belegt, weil es
Geld von zu geringem Gehalte und theils „beschnitten" in
Umlauf setzte; ein andermal wieder wollte es dem König
Heinrich VIII. von England nur unter der Bedingung ein
Darlehen gewähren, wenn derselbe zugleich auch einen Schmuck
im Werthe von 10O.O00 Gulden ankaufe u. j. w. Was man
heute den Juden, und mit Unrecht, vorwerfeu will, wie z. B.
die Trustbildungen in Amerika und in England, die Specu-
lationen auf Erhöhung der Marktpreise unentbehrlicher
Lebensmittel rc., das prakticirten die christlichen Roth-
schilde des Mittelalters: die Fugger, die Wels e r, die
Hochstätter in Augsburg und Nürnberg; die ihre Töchter
an französische Könige verheiratenden Medici er in
Florenz; die G r i m a l d i in Genua; die C h i g i in Rom
und die P e p o l i in Bologna. Ein Ahne des Hauses der
Fürsten Liechtenstein, der Fürst Karl Liechtenstein, erbeutete
sich wieder innerhalb weniger Jahre zu Anfang des 17. Jahr¬
hunderts ein Vermögen von 3 l Millionen durch — Betrug
und Münzverfälschung. Die Ahnen anderer katholischer
Fürstenhäuser wieder vermehrten ihr Vermögen dadurch, daß
sie die abgelegten — Maitressen ihrer Landesherren oder deren
Töchter heirateten; wieder andere durch Verrath an ihrem
Vaterlande (Fürst Wenzel Lobkowitz, die Karolyi in Ungarn
u. s. w.). Der Nichtjude, in den Fürstenstand erhobene Fürst
Potemkin verstand es, trotz eines Prasserlebens innerhalb
16 Jahren sich ein Vermögen von 360 Millionen Rubel zu
erraffen; der Cardinal Mazarin sich ein solches von über
200 Millionen Livres (ä 5 Kronen nach dem heutigen
Geldwerthe).
Nun wird man vielleicht einwenden; das w a r, heute
aber besitzt der Jude die größten Reichthümer. Nun prüfen
wir diese Behauptung auf ihre Richtigkeit, was finden wir?
Als reichster Mann gilt, vielmehr galt, der verstorbene
Nockfeller, dessen jährliches Einkommen allein auf über
20 Millionen Dollars (ä 5 Kronen) geschätzt wurde. Ihm
folgte dann ein chinesischer Theehändler in Kanton, dann
die amerikanischen Milliardäre Gould, Mackay, Vanderbilt,
Astor; die englischen Herzöge von Westminster und Bedfort,
worauf erst das in fünf Linien gespaltene Haus Roth¬
schild mit einem Bank vermögen von circa 3 Milliarden,
welchem dann der jüngst verstorbene Baron Hirsch sich an¬
schloß. Es folgen daun wieder einige russische, amerikanische
und englische sowie deutsche Millionäre; die Häuser Baring
und Laffitte und der im Jahre 1889 in Paris mit Hinter¬
*) Ebenda.
lassung von circa 100 Millionen verstorbene (arische) Zucker¬
fabrikant Lebaudy.
Wo sind also die jüdischen Großcapitalisten, welche
die Völker und Staaten in finanzieller und politischer Ab¬
hängigkeit erhalten? Sind die Eisenwerke von Carnegie und
von Krupp, die Kohlenwerke des Grafen Larisch rc. in
Händen jüdischer Eigenthümer ? Oder ist der „Credit Lyonais"
in Frankreich ein jüdisches Unternehmen? Sind die Groß-
kanfhäuser „Bon marche“ und „Printemps 4 ‘ in Paris im
Besitze von Juden? Die großen Bergwerke von Anzin nicht
im Besitze des Nichtjuden Casimir-Perier? Nun, vielleicht
finden wir die Juden im Besitze der größten Landterritorien?
Wenn wir uns nur auf Oesterreich-Ungarn beschränken, so
finden wir als die größten Herrschaftsbesitzer verzeichnet:
den Erzherzog Friedrich, als Erben nach Erzherzog Albrecht,
die Fürsten Schwarzenberg, das fürstliche Haus Liechtenstein,
die Domcapiteln: Olmütz, Prag, Gran, Kalocsa, Diakovar,
die fürstlichen Häuser der Trauttmansdorff, Thurn-Taxis,
Auersperg, Fürstenberg, Kinsky, Lobkowitz,Colloredo,der Eszter-
hazy, der Karolyi, der Coburg, der Waldstein und eine ganze
Reihe von gräflichen Häusern und Klöstern in Böhmen, Ungarn
und in Niederösterreich; aber keine einzige jüdische Familie,
wenn man die Familien Rothschild und Königswarter etwa
ausnimmt. Ja, wird mau nun sagen, die Juden haben aber
desto mehr Besitz an Actieu und anderen Papieren. Vielleicht.
Der Besitz dieser überdies den Betrag von 2—3 Millionen
schwerlich übersteigenden Mobilarwerthe gewährt aber noch
lange nicht jenen Einfluß, den die obigen Großcapitalisten
urarischer Abkunft oder jenen der Kircheufürsten und Vor¬
steher der Klöster innehaben, und welche da sagen: „Die
wir von Gott in dessen unendlicher Güte die Macht erhalten
haben, Capital und Arbeit zu leiten". Auf tausend arische
Millionäre kommt vielleicht einer, welcher der jüdischen Race
angehörig ist.
Man sieht also, in wie eitel Dunst und Rauch der
angebliche Einfluß der Juden zerfließt, den man ihnen vin-
dicwen will. Freilich das Trifolium: Schneider-Bielohlawek-
Strobach und deren Anhang wird man durch diese Nach¬
weisung nicht bekehren. Dies ist auch gar nicht unsere Ab¬
sicht. Wir wollen damit nur zeigen, wie wenig die Vorwürfe
berechtigt sind, mit welchen man gegen die Juden die Massen
zu Hetzen sucht.
Diesen Beweis geliefert zu haben schmeichelt sich
I. M. B.
Vom Jahrmarkt des Lebens.
Gloffen zur Tagesgeschichte.
(Prohaska und Lueger. — Ch ri stl i ch-s o ci al e Grund¬
sätze. — Die Commune gegen den „Jugendhort". —
Marokkanisches aus der „Deutschen Zeitung.)
Die social-politische Thätigkeit der derzeitigen Machthaber
von Wien steht auf der Höhe christlich-socialer Intelligenz und
Gerechtigkeit. Bor den Pforten des städtischen Arbeitsvermittlungs¬
amtes drängen sich in Schaaren die hungernden Arbeitslosen und
bitten um Arbeit, um Brot für Weib und Kind. Die Leitung
dieses Amtes bietet Alles auf — nämlich berittene Sicherheits¬
wache. Sie gibt Beschäftigung — den Detectives, sie schafft
Arbeit — für die Polizei, sie sorgt für die Unterbringung der
Arbeitslosen — im Arrest. Das ist ja gewiß das bequemste
Mittel, die Klagerufe der Arbeitsuchenden ungehört zu machen,
indem man die Leute cinsperrt. Säbelhiebe machen sofort allen
Hunger vergeffen, und wenn die Nothleidenden frieren, so finden
sie gut geheizte Räume im Polizei-Gefangenhause.
Herr Doctor Lueger hat es sich wahrlich leicht gemacht,
die Tumulte vor dem städtischen Arbeitsvermittlungsamte zu er¬
klären und in seinem Sinne auszubeuten. Er bezeichnete sie durch¬
wegs als das Werk von Leuten, die im Solde oes Großkapitals
stehen; das sagt derselbe Bürgermeister, der sämmtliche städtische
Unternehmungen den deutschen Großcapitalisten in die Hand