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Dr. Llocv's Mocdenscvrm.
Nr. 20
Sammt- und Seidenkleider für Hochzeitsaussteuer angefertigt
wurden — allein, wer von uns dachte dran? Und wenn
Röchele während ihrer Arbeit ein Liedchen anstimmte und ihr
Bräutigam Jankele sie mit seiner ernsten volltönenden Stimme
begleitete, dann quoll uns, ihren Eltern, das Herz zu den
Lippen hinauf und wir sangen mit . . .
Seitdem der rote Wölfele in der Gemeinde so hoch ge¬
stiegen, war er mir gegenüber in einen anderen Menschen um¬
gewandelt. Nicht allein, daß er mich nicht mehr wie damals
mit seinem giftigen Blicken verfolgte, tat er auch sein Mög¬
lichstes mich sein Uebergewicht in der Gemeinde vergessen zu
machen. Am Sabbath ließ er mich oft zur Thora aufrufen und
meinen Gruß erwiderte er immer mit einem lauten Gegen¬
gruß. Ja, er wehrte es nicht, daß die Hochzeitsaussteuer seiner
Schwiegertochter — denn auch sein Sohn war zu jener Zeit
bereits verlobt — bei meinen Kindern angefertigt wurde....
Es fügte fich, daß die Trauung unserer beiden Söhne auf
einen und denselben Tag zusammenfiel, auch ließen sie sich beide
an einem und demselben Sabbath zur Thora aufrufen. Dieser
fteudige Anlaß war nicht ftei von einem wehmütigen Gefühl,
das mich beschlich beim Anblick des großen Unters Hiebes, der
zwischen mir und Wölfele bestand. Umgeben von allen Vor¬
nehmen der Gemeinde, erschien Wölfele mit seinem Sohne an
jenem Sabbath in der Synagoge, wo sie ihre stolzen Sitze in
der Vorderreche einnahmen. Auch die „Weiberschul" füllte sich
in allen Räumen mit reichgeschmückten, in Sammt und Seide
einherrauschenden Frauen, die als Teilnehmerinnen mit der Frau
des reichen Wölfele erschienen. Ich, das arme Schneiderlein hin¬
gegen, habe keine Freunde, keine Bekannten und kam nur mit
meinem Jankele in die Synagoge, wo wir unsere bescheidenen
Platze gegenüber der Türe einnahmen.
Von den Teilnehmern Wölfeles, die allesamt zur Thora
aufgerufen wurden, fielen gar reiche Spenden, und als der
Synagogendiener mit lauter, klingender Stimme den Bräutigam
zur Thora aufrief, stürzte von der „Weiberschul" ein wahrer
Hagelschauer von Rosinen und Mandeln über das Haupt des
Bräutigams nieder, worüber sich die kleinen Kinder, wie eine
Schar hungriger Hühnchen über die Brosamen warfen, während
von allen Seiten ein lautes „Maseltow! Maseltow!" erscholl.
— Mein Jankele hingegen wurde mit nur näselnder, schier
verächtlicher Stimme zur Thora gerufen, keine Spenden fielen,
und kaum eine Handvoll Rosinen und Mandeln warf meine
Frau durch das Fenster der „Weiberschul" herunter, so daß
kein einziges Kind es der Mühe wert fand, sich darnach zu
bücken — auch erhob sich keine einzige Stimme, um mich und
mein Kind mit einem „Maseltow" zu beglückwünschen.
Noch merklicher zeigte sich der Unterschied zwischen mir
und ihm am Tage, da wir unsere Kinder unter den: Trau¬
himmel führten. Was war das für ein glänzender Hochzeitszug,
der Wölfeles Sohn zum Trauhimmel begleitete! Wieviel
knisternde und flackernde Fackeln umgaben das Brautpaar, wie
rauschten die Seidenkleider und wie blitzten die Perlendiademe
vom Haupte der Frauen! Wie brausten die Fiedeln und ach,
wie lustig tanzte der Narrschalk in seiner bunten Kappe dem
Hochzeitszuge voran! — Und bei meinem Jankele? Nur eine
kleine Gruppe von armseligen Verwandten mit abgeschabten
Kleidern fand sich mit uns beim Trauhimmel ein, es klang
keine Fiedel und es tanzte kein Narrschalk, es war so füll, so
bescheiden, so prunklos!
Ja, meine lieben Kinder, das Glück ist nicht für jeden
gleich und zeigt sich auch nicht jedem in einer und derselben
Gestalt. Der eine findet es auf dem großen Tummelplatz des
Lebens als Adler, der mit stolzem Gefieder hoch in den Lüsten
über seinem Haupte kreist und ihn auf allen Lebenswegen be¬
gleitet — doch ist er zu stolz, sich unters Dach einsperren zu
lassen, bei sich zu Hause findet er es nie und nimmer. Dem
zweiten wieder zeigt sich das Glück als eine stille, sanftgirrende
Taube. Im großen Gewühle des Lebens findet er es nicht,
aber in seinem bescheidenen Kämmerchen lockt und ruft es ihn
mit allen lieblichen Tonarten, girrt, spielt und flattert um ihn
her mit den schönen, goldigen Flügeln.
Mein Glück war damals eine solche sanfte, stille Taube;
in allen Winkeln des Zimmers war ihr sanftes, liebliches
Girren zu hören. Wir sahen unsere Kinder Hand in Hand
nebeneinander sitzen, emsig schaffend und arbeitend, und nur von
Zeit zu Zeit unterbrachen sie sich, um einander liebestrunken
in die Arme zu sinken. Jeder Nadelstich war von einem süßen
Kosewörtchen begleitet. Durch ihr emsiges Schaffen gelang es
ihnen, jede Woche ein kleines Sümmchen zu erübrigen. Wer war
glücklicher als wir? Die Welt, Himmel und Erde war unser,
uns leuchtete die Sonne, sangen die Vögel — wir waren
glücklich in unserer Armseligkeit!
Während wir uns unseres stillen Glückes freuten, fand
der rote Wölfele sein Glück im Gebraust des öffentlichen Lebens.
Er stieg immer höher in der Gunst der Gemeinde, erlangte
nach und nach alle ihre Ehrenstellen, und nichts geschah ohne
seinen Beirat, so kam es, daß mich eines Tages die Neuigkeit
überraschte — der rote Wölfele sei erster „Regierer" geworden.
Erster Regierer bedeutet in der Mundart jener Zeit soviel
wie erster Gemeindevorsteher; aber der Name, war für die da¬
maligen Verhältnisse zutreffend, denn so ein Vorsteher war da¬
mals unumschränkter Gewalthaber, ein absoluter Herrscher. Er
regierte in der Gemeinde mit der rohesten Willkür und wehe
dem, der sich ihm widersetzte, es war ihm ein Leichtes, den Ver¬
wegenen zu vernichten, sein Haus und sein Familienleben zu
zerstören.
Der rote Wölfele erster Regierer — ich fühlte mich wie
von einem Donnerschlag betäubt. Dazu schien es mir noch, daß
er mich, als er mir nach seiner Wahl das erstemal in der
Synagoge begegnete, mit einem gar giftigen Seitenblick ange¬
sehen hätte, während seine spitzen Zähne sich zusammenfletschten,
ganz wie bei jener unheimlichen Prophezeiung. . . .
Ich suchte mich zu bereden, daß es nur Täuschung war,
was ich gesehen, allein der Gedanke wollte nicht von mir
weichen, er ängstigte mich, wühlte und hämmerte in mir' die
Nächte lang und blies mir ein Wort ins Ohr, das alles Blut
in mir ersteren machte. Dieses Wort nannte fich — Rekr u-
tierung. _ (Fortsetzung folgt.)
KriefkaIe«.
S' K. Wie die „Rowosti" mitteilt, hat die Regierung dem
Schriftsteller Z. Priluzky die Erlaubnis zur Herausgabe einer Jargon-
Tageszeitung „Die Weg" gegeben. Der bekannte Schriftsteller Rubin
Brainin, bisher in Berlin, ist in die Redaktion dieser Zeitung ein-
getreten.
Leser in Troppau. In der Tat können wir uns in unserer
langjährigen journalistischen Praxis keiner so weh- und demütigen
Abbitte erinnern, wie sie der alldeutsche Schriftleiter S ch i m a n a so¬
eben in schlesischen Blättern veröffentlicht. Man muß nun begierig
sein, was die Herren Schönerianer zu diesem ihren journalistischen
Schildknappen sagen werden. Wir selbst haben keine Veranlassung, des
Näheren auf die Sache einzugehen.
„Schillerforscher". Pikant war jedenfalls die Schillerfeier
des „katholischen Volksbildungsvereines" im Gemeindehause Favoriten,
wo Herr Landesausschuß Dr. Geßmann (J!) eine rührende Klage
anstimmte, daß um „des monentanen Erfolges willen, wegen materieller
Vorteile leider so viele Schriftsteller ihre Begabung in den Dienst
niedrigster Instinkte des Pöbels stellen, und so kommt es, daß sie ver¬
derben und zersetzen dort, wo sie erheben und aufbauen sollten." Der
Redner hätte in diesem Kreise zweifellos noch mehr Wirkung erzielt,
wenn er an die Worte erinnerte, die Schiller seinem Don Carlos
dem Dominikaner zurufen läßt:
... Ich kenne dich!
Bist du nicht der Dominikanermönch,
Der in der fürchterlichen Ordenskutte
Den Menschenmäkler machte? Bin ich irres
Bist du es nicht, der die Geheimnisse
Der Ohrenbeicht' um bares Geld verkauftes
Bist du es nicht, der unter Gates Larve
Die freche Brunst im fremden Ehbett löschte.
Den heißen Durst nach fremdem Golde kühlte,
Den Armen fraß und den Reichen saugte s
Bist du cs nicht, der ohne Menschlichkeit,
Ein Schlächterh.md des heiligen Gerichts,
Die fetten Kälber in das Messer hetzte?
Bist du der Henker nicht, der übermorgen
Zum Schimpf des Christentums das Flammensest