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Dr. Llocb's MkocbenscvrlN.
Regimente seiner Mutter hatte Kaiser Josefs Toleranzpatent
in der Tat eine neue Aera begründet, die^jedoch mit der Thron¬
besteigung seines Neffen Franz II. wieder der jämmerlichsten
Polizeiwirtschaft Platz machen mußte. Allerdings darf man
auch jene Toleranz nicht überschätzen — beginnt doch das
Patent mit der Bestimmung, daß die Juden in Wien keine
Gemeinde bilden und keinen öffentlichen Gottesdienst halten
dürfen, sowie, daß ihre Zahl nicht vermehrt werden darf.
Daß diese an Pharao mahnende Norm einen Freibrief für
die Polizei abgegeben hat, um die zuziehenden Juden zu
brandschatzen, ist begreiflich — der blaue Zettel und die nächt¬
lichen Hausdurchsuchungen, welch letztere bis 1859 vorgeommen
wurden, blieben Monumente jener Zeiten Schande.
Zu jener Zeit (1784) befanden sich in Wien 65 jüdische
Familien mit 504 Köpfen. Obschon sie keine Gemeinde bilden
durften, ward es ihnen doch auferlegt, ein Geburts- und Sterbe-
prvtokoll zu führen. Diesem Aufträge entsprach man durch einen
mit der Obhut des Spitals betrauten „Wärter" namens Beer,
welcher für seine diesfällige Mühewaltung während dreier Jahre
15 Gulden erhielt.
In jenen Tagen erfloß auch der behördliche Auftrag, ein Spital
zu errichten. Dieser Umstand ward kluger Weise dazu benützt, um
die ersten Grundlagen zum rechtlichen Bestand einer Gemeinde
zu schaffen. Um nämlich ein Spital zu bauen, mußte mit
einem Baumeister ein Vertrag geschlossen werden; dies aner¬
kennend, gestatteten die Behörden, Vertreter zu wählen und die
gemeinsamen Auslagen teils durch einen „Fleischkreuzer", teils
durch jährliche Spenden, genannt „Büchelgeld", zu decken.
Laut Kafsabuch betrug der Fleischkreuzer im Jahre 1787:
2750 Gulden. Derselbe ward später m einen vom Stücke Vieh zu
entrichtenden „Fleischaufschlag" umgewandelt, der im Jahre 1807:
8371 fl. 50 kr. einbrachte. Die fteiwilligen Beiträge sind von
81 Gülden (1787) auf 5155 fl. 31 kr. (1807) angewachsen.
Außer diesen Beiträgen weist das Kassabuch zahlreiche, zum
Teil bedeutende Spenden zu bestimmten Zwecken aus. Der be¬
deutendste Spender war Nathan Arensteiner, später genannt
Nathan Freiherr v. Arnstein, sodann die Familien Uffenheimer,
Lewinger, Herz, Leidesdorfer, Eppinger u. A. Die meisten
Spenden waren dem Neubau des Spitales gewidmet, für welches
Josef Eppinger 1792 eine Kollekte im Ertrage von 4403 fl.
30 kr. zu Stande brachte. Zumeist boten Familienereignisse Anlaß
zu Spenden und bewegten sich die Beträge zwischen 4 fl. 30 kr.
(1 Dukaten) und 500 fl.
An Kosten des Spitalbaucs sind (1794) 8650 fl., für die
innere Einrichtung 1000 fl. verrechnet.
Zu laufenden Ausgaben für das Spital wurden fast alle
regelmäßigen Einkünfte der kleinen Gemeinde verwendet. Die-
selbeu stiegen von 1067 fl. 24 kr. im Jahre 1787 auf 7038 fl.
52 kr. im Jahre 1607. Anfänglich erhielt der Spitalsarzt
Dr. Sam. Oppenheimer einen Jahresgehalt von 150 fl., der
allmälig auf 400 fl. erhöht wurde. Die Kosten des Chirurgen
stiege« von 106 auf 230 fl. Nachfolger Oppenheimer's war
Dr. Hirschfeld. Als Spitalsvater fungierte Beer „Wärter", dem
1802 Matzel folgte. Als Augenarzt erscheint 1803 ein Dr. v. Beer
mit einem Honorar von 138 fl. 30 kr. — Konsilien mit
fremden Aerzteu wurden in der Regel mit 2 Dukaten (9 fl.)
hmwriert.
Auffallend geringe Beträge wurden für Arme verwendet,
u«d zwar 1787: 425 fl. 43 kr., 1807 sogar nur 196 fl. 45 kr.;
es erklärt sich dies aus dem Umstande, daß die Privatwohl-
tätigkeit eine munifizeute war, so daß nur einzelne besondere
Fälle der Gemeiudekaffe zur Last fielen z. B. eine Frau, die
aus „Giberaltar" durchreiste, dann 2 Witwen „deren Männer
ermordet wurden", dann ein Findelkind mit einvierteljähriger
Pfründe von 6 fl. 15 kr. u. dgl. — endlich die Beköstigung
der Arrestanten und der jüdischen Soldaten, welche regelmäßig
an allen Feiertagen bestritten wurde.
Auch die politischen und sozialen Verhältnisse werden
durch Angaben des Kassabuches illustriert. Als „Rechnungsführer"
erscheint von 1787 bis 1797 Max Edler von Hönigsberg,
dem sodann Aron Leidesdorf, Sam. Lewinger, Mayer Adam
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Arnsteiner, G. G. Ufenheimer folgte. Derselbe wurde im Juni
1803 durch eine behördliche Kommission, bestehend aus dem
Stadthauptmann Ferd. Frh. v. Palm und zwei Oberbeamten,
einer Kontrolle unterzogen. Er übergab im September 1805
die mit einem Defizit von 2952 fl. 16 7* kr. schließende
Rechnung an den „Aktuar" Benj. Landesmann. Im Mai 1806
übernahm Max Edler v. Hönigsberg abermals die Rechnungs¬
führung.
Als Vertreter „hiesiger Judenschaft" fungierten, wenn auch
noch nicht behördlich anerkannt, doch schon 1790 die Herren
Sal. Herz, David Wertheimer, Jos. P. Wertheimber, Joachim
Leidesdorf und Max Edler v. Hönigsberg. Als, wie er¬
wähnt, die Behörde wegen des Spitalbaues eine Vertretung
amtlich zulassen mußte (17. Juni 1792), findet man die
Namen David Jsak Arensteiner und den bereits geadelten Jos.
Edlen v. Wertheimstein unter den Vertretern. Im Namen des
Erstgenannten zeichnete auch dessen Sohn Benedikt David
Arnstein (mit modernisiertem Namen) die Rechnungen. 1797
tritt Götz G. Ufenheimer in die Vertretung. 1798 schreibt sich
Sal. Herz mit dem Titel Edler von. Dem Freiherrntitel Nathan
von Arnsteins begegnet man erst 1804. — Unter den Spendern
figurieren die Ahnherren der nachmals sehr angesehen gewordenen
Familien — darunter sechs Mitglieder der Familie Arensteiner,
die ganze Musterkarte der Wertheim, Wertheimer, Wertheimber,
Edler v. Wertheimstein, Regierungsrat von Hönigsberg, von Herz,
Caspar Cohn, Zappert, Scherz, Goldstein, Lewinger, Neustadtl,
Herzenskron, Ufenheimer, Eppinger, Herzfelder, Gewitsch, Baruch,
Götzl. Waren auch diese Vertreter nur zur Besorgung bestimmter
wirtschaftlicher Angelegenheiten berufen, so blieben sie doch
bemüht, das Verhältnis der Judenschaft gegen die Behörde
tunlichst zu mildern. Die Türhüter der Polizei und der Landes¬
regierung erhielten regelmäßige Geschenke; mit der Polizei-Ober-
Direktion blieb man in steter Fühlung — als 1789 der Kaiser
von schwerer Krankheit genas, wurden 300 fl. an Arme verteilt,
„von der sämtlichen Gemeinde beschlossen" heißt es im Kassabuch.
Dem Finanzminister Grafen von Sauran widmete man
(29. Mai 1798) fein durch den Akademiedirektor Heinr. Füger
gemaltes Porträt, für das dem Maler 1000 fl., dem Rahmen¬
macher 162 fl. bezahlt wurde — eine Summe, die im Wege
einer Kollekte ausgebracht wurde. Eingaben an die Behörde, „um
die ausländischen Dienstboten beibehalten zu können", ließen
ihre Spuren im Kassabuch, teils weil sie gestempelt wurden,
teils weil Herz Homberg für deren Abfassung 100 fl. erhielt.
Unter dem Titel: Dienstboten wurden nämlich die Nicht-Tolerierten
in den Hausstand — scheinbar — ausgenommen. Auch dem
„Nikolsburger Landrabbiner" wurden 100 fl. bezahlt für seine
„vielfachen Bemühungen in Religivnsfachen".
(Schluß folgt.)
Karotin« Gomprrtz-Kettelhrim.
Zu ihrem 60. Geburtstage, den 1. Juni 1905.
„Musik ist höhere Offenbarung
als alle Wissenschaft und Philosophie."
Beethoven.
Eine große, edle und gütige Frau, ausgezeichnet durch
seltene Eigenschaften des Charakters, Gemütes und Verstandes,
eine der Höchstgeborenen im Reiche der Kunst, die wir mit
Stolz zu den „Unseren" zählen, Liebe, Verehrung und Bewun¬
derung in den weitesten Kreisen genießend, so steht diejenige vor
uns, der diese Zeilen gewidmet sein sollen, uns älteren Leuten
wohl bekannt, der jüngeren Generation fern und fremd.
Es war zu Anfang der sechziger Jahre, als eine junge
Gesangskünstlerin, eine Jüdin, Karoline Bettelheim, nicht nur
in den musikalischen und musikliebenden Kreisen der öster¬
reichischen Metropole, sondern auch draußen im Reiche und weit
über die Grenzen desselben hinaus die allgemeinste Aufmerksam¬
keit erregte und zu den in erster Reihe stehenden Sängerinnen
der Zeit gezählt wurde. Geboren am 1. Juni 1845 zu Pest,
hatte sich bei dem kleinen Mädchen schon frühzeitig. eine unge-